Orca-Angriffe auf Yachten: Forscher geben Verhaltenstipps für Segler – 52 Vorfälle gezählt

„STOPPEN Sie das Boot“

Nachdem auch in diesem Jahr vor der Küste Spaniens, Portugals und Marokkos bereits wieder Segelyachten gezielt von Orcas gerammt wurden, hat die „Atlantic Orca Working Group“, die sich intensiv mit dem ungewöhnlichen Verhalten der Meeressäuger beschäftigt, Ratschläge und Infos für Segler bereitgestellt.

Orcas sind gesellige Tiere und bekannt dafür, neben Booten mitzuschwimmen. Die Vorfälle vor der Küste Marokkos, Portugals und Spaniens geben den Experten aber Rätsel auf © NOAA on Unsplash

Auf ihrer Webseite schreibt die Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlern, die sich für den Erhalt der gefährdeten Schwertwal-Subpopulation rund um die Iberische Halbinsel einsetzen, dass das „neue problematische Verhalten“, das seit einem knappen Jahr beobachtet wird, vor allem von Jungtieren der Subpopulation ausging und überwiegend Segelyachten, aber zunehmend auch andere Bootstypen wie Fischereifahrzeuge betroffen habe.

Zahlreiche Crews berichteten in den vergangenen Monaten davon, dass Orcas ihre Boote touchiert, gerammt oder sogar gedreht hatten. Auch Videos dokumentieren dieses Verhalten, durch das teils erhebliche Schäden insbesondere am Ruder der Boote und viel Verunsicherung in der Seglergemeinde entstanden waren. Insgesamt 52 solcher Vorfälle waren von Juli 2020 bis März 2021 zwischen Marokko und Nordwest-Spanien gemeldet worden.

Alle Orca-Interaktionen Juli 2020-April 2021 © Orca Ibérica GTOA, GRUPO DE TRABAJO ORCA ATLÀNTICA

„Die Interaktionen begannen im Juli letzten Jahres in Südspanien (Straße von Gibraltar), dann bewegten sich die identifizierten Schwertwal-Gruppen in den Süden Portugals und wanderten entlang der gesamten portugiesischen Küste, bis sie Nordspanien (Galicien) erreichten, wo sich die Interaktionen im September konzentrierten. Ab Oktober wurden wieder Interaktionen aus Portugal gemeldet, aber weniger konzentriert und weniger schnell aufeinanderfolgend“, fassten die Forscher den Verlauf der Ereignisse noch einmal zusammen.

Orca-Interaktionen April 2021 © Orca Ibérica GTOA, GRUPO DE TRABAJO ORCA ATLÀNTICA

Nach einer kurzen „Pause“ im Dezember ging es im Januar 2021 bereits weiter mit den Orca-Vorfällen. Die jüngsten Angriffe ereigneten sich dann rund um die Straße von Gibraltar. Angesichts der Fortdauer derartiger Vorfälle sei es dringend notwendig, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um Schäden an Menschen, Walen und Booten zu vermeiden, so die Forscher.

Unter anderem veröffentlichten sie deshalb Karten der Orca-Angriffe sowie eine Liste mit Handlungsempfehlungen für Segler. Auch ein Webinar zum Thema, das Dr. Ruth Esteban vom Wal-Museum Madeira im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der European Cetacean Society (ECS) hielt, wurde auf der Webseite der Gruppe verlinkt. Warum die Tiere das ungewöhnliche Verhalten an den Tag legen, wisse man noch immer nicht, erklärt die Meereswissenschaftlerin darin unter anderem.

„Werfen Sie keine Dinge nach ihnen“

In den Aktionsplan für Segler flossen laut der Arbeitsgruppe die Aussagen der Crews aus den vergangenen Monaten sowie die Erkenntnisse aus Foto- und Videoanalysen der Vorfälle ein. Die Erfahrung zeige, dass die Orcas das Interesse an den Booten verlieren, wenn die im Aktionsplan vorgeschlagenen Schritte befolgt werden.

Demnach sollen Segler im Falle einer Orca-Interaktion ihr Boot unbedingt stoppen, die Segel bergen, nach Möglichkeit das Steuerrad loslassen, sich von beweglichen Teilen an Bord fernhalten und Hilfe rufen.

Zudem wird darauf hingewiesen, sich den Tieren möglichst wenig zu zeigen. Eventuell Bezug nehmend auf ein Video von Seglern, die erst kürzlich aktiv versucht hatten, Orcas abzuwehren und unter anderem eine Seenotfackel ins Wasser warfen, formulierte die Atlantic Orca Working Group einen klaren Appell: „Schreien Sie die Tiere nicht an, berühren Sie sie nicht mit irgendetwas, werfen Sie keine Dinge nach ihnen“.

Um die Forschungsarbeit zu unterstützen und zum Beispiel bei der Identifizierung der Tiere zu helfen, bitten die Wissenschaftler betroffene Crews, die Schwertwale nach Möglichkeit zu fotografieren oder zu filmen, sich Notizen inklusive Datum, Uhrzeit und Position zu machen – und die Infos per Mail an gt.orcas.ibericas@gmail.com zu senden.  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

eins × fünf =