Orca-Angriffe auf Yachten: Spieltrieb oder gezielte Abwehr von Booten?

„Rache der verwundeten Killerwale“

Die etlichen Orca-Angriffe auf Segelyachten vor der spanischen und portugiesischen Küste in den vergangenen Monaten haben Panik ausgelöst. Forscher suchen mit Hochdruck nach der Ursache für das ungewöhnliche Verhalten. Möchte eine Orca-Gruppe Boote bewusst stoppen?

Orcas sind gesellige Tiere und bekannt dafür, neben Booten mitzuschwimmen. Die Vorfälle an der spanischen Küste geben Forschern aber Rätsel auf © NOAA, Unsplash

Immer mehr Wissenschaftler haben sich in den letzten Wochen bezüglich der Kollisionen, die sogar zu einem Befahrensverbot des besonders betroffenen Küstengebiets vor Galicien für Segelyachten unter 15 Metern Länge geführt haben, zu Wort gemeldet. Die einen vermuteten, dass Nahrungsmangel aufgrund der Überfischung des Blauflossen-Thunfischs, der bevorzugten Beute der Orcas, die Tiere in Stress versetzt haben könnte. Die anderen sahen die Corona-Pandemie als indirekte Ursache. Die Wale hätten sich womöglich an die Ruhe des Lockdowns gewöhnt und der zunehmende Schiffsverkehr ihnen dann zugesetzt.

Rachefeldzug, Selbstschutz oder Spiel?

Mittlerweile scheinen viele Experten aber davon auszugehen, dass hinter den Attacken der Schwertwale die Absicht steckt, Boote gezielt zu stoppen. Zum Hintergrund dafür gibt es wiederum erneut verschiedene Hypothesen. Der Forscher, Umweltschützer und Buchautor Víctor Hernández erwähnte jüngst Harpunenschüsse und macht eine bestimmte Walgruppe rund um einen Orcabullen verantwortlich für die Zwischenfälle. Mitglieder der Gruppe sollen im Juli an der Straße von Gibraltar durch Harpunen verletzt worden sein, was dann zu einer Art Vergeltungsaktion der Orcas geführt habe, weil sie Boote vorübergehend mit diesem negativen Ereignis verbinden, so seine Hypothese, die er auf Basis von Beobachtungen durch Fischer und die Besatzungen von Walbeobachtungsschiffen aufstellte.

In einer extra einberufenen Experten-Arbeitsgruppe erhärtete sich offenbar zuletzt ein anderer bereits kürzlich ins Spiel gebrachter Verdacht. Auch diesem nach wird von einem Zusammenhang zwischen den Verletzungen einiger der Wale und ihrem aggressiv wirkenden Verhalten ausgegangen. Durch einen Abgleich von Fotos und Videoaufnahmen wollen Experten allerdings bestätigt haben, dass eine kleine Gruppe junger Killerwale für mehr als zwei Drittel der untersuchten Angriffe verantwortlich ist. Zwei der drei Tiere, die wiederholt gesichtet wurden, weisen erhebliche Verletzungen auf. Die Forscher halten es für denkbar, dass sie sich diese zumindest teilweise bei einem Zusammenstoß mit einem Boot zwischen Ende Juni und Anfang August in der Straße von Gibraltar zugezogen haben, auch wenn dafür noch eindeutige Beweise fehlen.

„Der Auslöser für dieses seltsame und neuartige Verhalten könnte ein ‚aversiver‘ Zwischenfall gewesen sein, den die Orcas mit einem Boot erlebten und bei dem die Geschwindigkeit des Bootes ein kritischer Faktor gewesen sein könnte“, wird die Arbeitsgruppe etwa in der katalanischen Zeitung La Vanguardia zitiert. Das Ereignis habe vermutlich das spezielle Verhalten in der Nähe von Segelbooten ausgelöst. Vielfach wurde berichtet, dass die Boote sehr gezielt hart gerammt und Ruderblätter zerstört worden waren.

Die Expertengruppe versteht das Nachjagen und Beschädigen der Yachten als Vorsichts- bzw. Abwehrmaßnahme, die weiteren Verletzungen vorbeugen soll, indem die Yachten von den Orcas absichtlich verlangsamt oder gestoppt werden. Die Schwertwale könnten sich durch die Boote bedroht gefühlt haben. Trotzdem war auch in diesem Zusammenhang unter anderem in den spanischen Medien immer wieder von einer Art „Rache der verwundeten Killerwale“ die Rede.

Letztlich schließen die Forscher aber auch nicht aus, dass es sich doch nur um einen reinen Spieltrieb der Jungwale handeln könnte. Die neugierigen und intelligenten Meeressäuger hätten vielleicht auch ganz einfach gelernt, wie sie die großen beweglichen Objekte zum Stillstand bringen können, daran Gefallen gefunden und so ein Spiel entwickelt.

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