Mit dem Stahlschoner “Pagan” im Eis unterwegs. Teil zwei

"Plötzlich steht er vor uns..."

Fortsetzung vom ersten Teil

Die Trinitybukta im Magdalenenfjord ist ein begnadeter Ort. Ruhe und Geborgenheit strahlt diese Ankerbucht aus und bietet sie auch. Türkis das Wasser umgeben von einem makellosen Strand, der in der Mitternachtssonne fast weiß leuchtet. Die Landschaft ist atemberaubend.

Schon beim Einlaufen in den Fjord überraschen steile Berge. Hoch und spitz aus schwarzem, brüchigem Fels. Die Grate übersät mit bizarren Türmen, die im Gegenlicht der morgens um zwei Uhr hoch am Himmel stehenden Mitternachtssonne, wie Schattenspiele am Himmel stehen. Sobald der Anker gefallen ist, herrscht Stille. Eine Stille, die wohl nicht für jedermann zu ertragen ist. Aber wer nicht dafür empfänglich ist, gehört auch nicht hier hin.

Die Andacht ist schlagartig vorbei, als ein Kreuzfahrer vor Anker geht. Boote werden zu Wasser gelassen und  Plastikpalmen, Badeplattformen und Sonnenschirme an den Strand gezogen. Eine Horde grölender, attraktionshungriger Arktistouristen ergießt sich über den Ort der Ruhe.

Ganz Mutige mimen karibische Badeträume und springen unter dem anfeuernden Gebrülle der am Strand zurückgebliebenen ins eiskalte Wasser. Stolz nach weniger als einer Minute das begehrte Diplom, mit Stempel und Unterschrift der Schiffsleitung, in den Händen zu halten.

Nach einer Stunde ist der Alptraum vorbei. Morgen ist man schon wieder auf dem Weg nach Norwegen, oder in Longyearbyen zum zweistündigen Shopping  Stop, um die begehrten Plastiktüten mit nach Hause zu schleppen auf denen man lesen kann, wo man eigentlich war. 78 Grad 13´Nord. Alle waren Sie in der Arktis, waren vielleicht sogar bis auf 81 Grad Nord. Aber war auch die Arktis in Ihnen?

Abschied von Svalbard
Im diffusen Licht einer zurückkehrenden Abenddämmerung liegen wir in der Selbukta vor Anker. Draußen heult der Wind über die Muränen des nahen Hyrnegletschers, vor dem wir ankern. Die Farben, die uns umgeben sind schwarz und weiß. Schwarzweiß das Eis, dunkel schwarz das Wasser und schwarzgrau die Wolkenfetzen, die um die Gipfel und Grate jagen.

In der Ferne über dem Muränenkamm der uns umgebenden Bucht, leuchtet der Hornbreen im immer noch gleißenden Licht der Mitternachtssonne, wenn sie ab und zu durch Wolkenlöcher hindurch auf den Gletscher scheint. Wir wollten eigentlich schon losgesegelt sein. Zurück nach Björnöya, zurück nach Tromsö und zurück in den Süden, wo die Nächte inzwischen schon wieder dunkel geworden sind. Wir sind geblieben. Nur noch für eine Nacht. Nehmen Anschied von dem Land, der Natur, die uns für einigen Wochen das Gefühl zurückgegeben hat, vollkommen eins und im Einklang mit ihr zu sein.

Der Tag war ein Abschiedsgeschenk. Voller Dramatik, voller großartiger, einmaliger, gewaltiger Natur. Tief drinnen im Inneren Hornesund konnten wir teilhaben an einer Szenerie, die uns in dieser Wildheit, Abgeschiedenheit und manchmal auch beängstigender Einsamkeit selten vorgekommen ist.

Der Brepollen war eisfrei. Nicht zugefroren wie die Wochen vorher. Ein kräftiger Wind blies uns unter Segel an eine Gletscherfront, die selbst an  der Nordküste Spitzbergens ihresgleichen sucht. Eine Eisbarriere aus Brucheis des nahen Hornbreen versperrte den Zugang zu einer Wand aus bizarren Eistürmen. Eine hochhaushohe Mauer aus purem Eis, die je nach Sonneneinstrahlung und Blickwinkel in allen nur erdenklichen Blau- und Weißtönen leuchtet.

Bedrohendes Knacken, Grollen und Besten liegt in der Luft, wenn man sich der Eisfront nähert. Geräusche die warnen und mahnen, daß das Eis in Bewegung ist und jederzeit und unberechenbar mit ohrenbetäubendem Knall in die Tiefe stürzen kann. Wir finden eine Passage durch den Eisgürtel und können so dicht an die Eisfront heranfahren, bis einem eine innere Stimme und die Erfahrungen vieler vergangener Eisfahrten, den richtigen Abstand zur Gletscherkante zeigen.

Plötzlich ist es windstill. Die Fallböen, die vom Eis herabjagen, können uns nicht mehr erreichen. Die Szenerie ist gewaltig. Uns stockt der Atem beim Anblick der bizarren Türme aus purem Eis. Kanten, Höhlen und Blöcke, die wild ineinander verkeilt mit Treib- und Brucheis zusammen eine unwirkliche, völlig menschenfeindliche und unbezwingbare Eisblockade bilden. Eine abstoßende und eindringliche Kälte geht von dem Eis aus. Sie wird von einem Hauch Wind zu uns herübergetragen.

Ein gigantischer Eisbrocken treibt im Wasser. Zwischen ihm und der Eisfront wird eine Rinne frei, in die wir langsam und fast lautlos hinein gleiten. Plötzlich, unverhofft und ohne Vorahnung steht er vor uns, ein Eisbär – und keine 20m vom Schiff entfernt! Neugierig schaut er uns an. Streckt die Nase in den Wind und nimmt Witterung auf. Bis auf wenige Meter können wir uns dem König der Arktis nähern und sind unendlich dankbar dafür, dieses vom sicheren Schiff aus tun zu können.

Seit Wochen schon haben wir auf diesen Augenblick gewartet. Haben trotz all der berauschenden Eindrücke, die uns in Svalbard geschenkt wurden, immer gehofft an dieser Begegnung noch teilhaben zu können. Heute an unserem letzten Tag in dem Land, von dem ich mir wünsche immer wieder kommen zu dürfen, wird uns dieses Glück zu teil.

Majestätisch und doch bedrohend steht er vor uns. Läßt uns keine Sekunde aus den Augen. Sie sind so schwarz wie seine Nasenflügel, durch die er witternd und mit hochgehobenem, langgestreckten Kopf die Luft ansaugt. Völlig high und angedopt vom eigenen Adrenalin, kann ich nichts anderes mehr, als einfach nur noch auf den Auslöser der Kamera drücken. Langsam ziehen wir uns zurück, segeln durch die Eisbarriere wieder hindurch in eisfreies Wasser. Wenn es Momente im Leben gibt, die einem für immer in Erinnerung bleiben, dann diese.

In der Treskelbukta gehen wir vor Anker. Es ist ein einsamer Platz. Eine Mondlandschaft mit Blick ins Hochgebirge. Ein Ort, in den man sich erst auf den zweiten Blick verlieben kann. Eine Schule Belugawale kommt uns entgegen, als sich der Anker nach mehreren Versuchen endlich in dem zähen, schwarzen Schlamm eingräbt. Man erkennt die Wale erst, als die vermeintlichen Treibeisbrocken anfangen ihre Atemfontänen in die Luft zu blasen. Das Wetter wird zunehmend besser und ist, wie schon so oft in Svalbard erlebt, gegen Mitternacht am besten.

Die Mitternachtssonne, die hier in den nördlichen Breiten von Mai bis August ständig scheint, läßt Ihre gesamte Energie tief auf einen wirken. Kaltes, graues Land nannten es die Menschen, die vor einigen hundert Jahren hier oben blieben. Mit unseren heutigen Möglichkeiten ist es ein Paradies der nördlichen Breiten. Nicht für jedermann, aber für alle, die für solche Eindrücke empfänglich sind.

Das Licht, die Farben des Nordens, die Klarheit der Luft, das Eis, das einen verändert. Die Sonne steht zur Mitternacht im Norden. Genauso hoch und klar, wie zur Mittagszeit eines herrlichen Sommertages. Dass sie im Laufe der vierundzwanzig Stunden einen fast horizontalen Kreis beschreibt, ist gewöhnungsbedürftig. Eine Orientierung ist im ersten Moment schwierig. Orientierungslos schaut man über den Horizont. Wo die Himmelsrichtungen liegen ist vom Gefühl her schwer zu sagen. Gott sei Dank gibt es GPS.

Wir sind wieder unterwegs. Haben Segel gesetzt und die Berge und Gletscher Svalbards bleiben langsam achteraus. Wolkenverhangen sind die Bergspitzen der Südinsel und wolkenverhangen ist auch die Kimm vor uns. Wir ziehen nach Süden, Björnöja entgegen. Morgen schon werden wir wieder in einer anderen Welt sein. Inmitten der Barentssee, in ihrer Weite und in ihrer Wildnis.

Ich weiß, daß ich wiederkomme. Wer jemals das Licht, der hier oben im hohen Norden zur Sommerzeit ewig scheinenden Sonne erlebt hat, das Knistern und Knacken des Eises tief in sich aufgenommen hat und mit den Vögeln und der Natur eins wurde, muss wiederkommen.

Zum ersten Teil

Infos zu den Pagan Törns

Reinhard Schmitz schreibt auf seiner Website über sein Unternehmen:

“Aus dem Gedanken heraus, Bergsteigen und Segeln miteinander zu kombinieren, ist das Unternehmen PaganExpeditionen entstanden. Ursprünglich als Reise um die Erde geplant, haben wir leider die Rechnung ohne die Arktis gemacht. 2001 führte uns unsere Reise das erste Mal in arktische Gewässer. Die Schönheit und Klarheit des Eises, die Faszination des Lichtes, die Ästhetik der arktischen Landschaft nimmt uns so in ihren Bann, dass wir ihr auch die nächsten Jahre treu bleiben werden.”

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https://yachtservice-sb.com

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