Praxis: Richtig Festmachen bei allen Bedingungen

Sicher fest

Unterschiedliche Reviere mit unterschiedlichen Steganlagen erfordern unterschiedliche Strategien beim Festmachen.

Ab in den Abfall mit diesem Festmacher. Foto: Nikolas Woeckner

Wir waren bei bestem Wetter, Sonne und Wind um drei bis vier Beaufort aus West, in den kleinen Hafen von Altwarp am Stettiner Haff eingelaufen. An der nördlichen Kaimauer machten wir die Hallberg-Rassy 29 mit dem Heck zwischen zwei Holzpfählen und den Bug mit zwei Vorleinen an Land fest. Wir waren an diesem Tag das einzige Sportboot im Hafen. Nichts deutete darauf hin, dass der Liegeplatz unter Umständen nicht optimal sei. Am Abend saßen wir im Cockpit und besprachen die für den nächsten Tag geplante Weiterfahrt nach Stettin. Bevor wir später in die Kojen stiegen, kontrollierten wir noch einmal die ausgebrachten Leinen. Alles war so, wie es sein sollte, das Boot lag wie in Abrahams Schoß.

Foto: Nikolas Woeckner

In der Nacht wurden wir dann durch neuartige Bewegungen des Bootes geweckt. Lag die kleine Hallberg-Rassy bisher noch ruhig an ihrem Liegeplatz, hatte sich ihr Verhalten in der Nacht völlig verändert: Ein heftiges Auf und Ab ließ sie wieder und wieder in ihre Leinen einrucken. Was war hier los? Ein Blick auf den Verklicker sorgte für die Erkenntnis, dass der Wind um 180 Grad auf Ost gedreht hatte. In den letzten Stunden hatte sich im Haff eine kurze steile Welle aufgebaut, die genau in das nach Osten offene Hafenbecken stand. Jede Welle hob und senkte das Boot und setzte die Festmacher dabei unter erhebliche Spannung. Ein konstruktiver Nachteil der Hallberg-Rassy 29 ist, dass die Lippklüsen auf dem Vorschiff nicht auf verstärktes Laminat, sondern direkt auf die hölzerne Fußreling geschraubt sind. In dem Augenblick, als wir an Deck stolperten, um die Leinen zu verlängern, passierte, was passieren musste: Die Backbordklüse riss aus der Fußreling und mit ihr ein großes Stück Teakholz. Na toll! Das Resultat war, dass sich die Bewegungen des Bootes augenblicklich etwas beruhigten, weil nun mehr Lose in der Leine war und das Boot sich freier bewegen konnte. Nun noch schnell die Steuerbord-Vorleine aus ihrer Klüse genommen und schon war die Situation entschärft. Zwei Lektionen lernte ich damals aus dieser Situation: erstens, den Wetterbericht genauer zu betrachten, um einzuschätzen, wie sicher ein Liegeplatz sein wird und zweitens, die Festmacherleinen nicht zu dicht zu nehmen.

Grundprinzip

Ziel des Festmachens ist immer, das Boot so sicher wie möglich an seinem Liegeplatz zu befestigen. Dies gilt für sämtliche vorstellbaren Situationen, ob zum Beispiel am Steg, einer Schäre, am Anker oder Mooringtonne, bei Sturm oder bei Flaute; lieber eine Leine zu viel, als eine zu wenig ausbringen. Im Gegensatz zu großen Handelsschiffen, deren Festmacher meist so fest wie möglich belegt werden, wird an Bord von Sportbooten Lose in die Leinen gegeben, damit sich das Boot in Maßen bewegen kann und die auftretenden Kräfte nicht direkt in die Beschläge einlaufen.

Leinenführung

Grafik: Jan Bindseil

Vor- und Achterleine

An Bug und Heck belegt, dienen sie dazu, das Boot in Längsrichtung am Liegeplatz zu fixieren.

Vor- und Achterspring

Sie halten das Boot an Ort und Stelle und verhindern ein Verdrehen des Bootes, das dazu führen könnte, dass Heck oder Bug die Kaimauer berühren.

Festmacher

Wichtigste Ausrüstungsgegenstände für das Festmachen sind die Festmacher. Sie unterliegen in der Praxis starken Beanspruchungen durch Zugkräfte, UV-Strahlung, Salz und Abrieb. Gute Festmacher zeichnen sich durch hohe Elastizität aus. Dies ist auch der Grund, warum Tauwerk für Fallen und Schoten überhaupt nicht für Festmacher geeignet ist, da dieses möglichst wenig Elastizität aufweisen soll. Festmacher sind Teil der Sicherheitsausrüstung und müssen regelmäßig auf Beschädigungen hin untersucht und bei Bedarf ausgetauscht werden. Beim Verschleiß der Leinen kommt es darauf an, um welche Art Festmacher es sich handelt. Hohlgeflechtfestmacher sind zum Beispiel deutlich anfälliger gegen schamfilen, weil sie quasi nur aus der Hülle bestehen und keinen Kern besitzen.

Anzahl und Länge der Festmacher

6 x Festmacher:

• 2 x 1-fache Länge des Bootes

• 2 x 1,5-fache Länge des Bootes

• 2 x Reserveleine mit circa 25 Meter

Situation: Längsseits Festmachen

Foto: Nikolas Woeckner

In vielen alten Stadthäfen ist dies die typische Situation: Eine Kaimauer oder ein Schwimmsteg an dem längsseits festgemacht wird. Um hier sicher zu liegen, muss das Boot gut abgefendert werden, und es werden mindestens eine Vor-, eine Achterleine und eine Spring benötigt. Besser ist es, sowohl Vor- als auch Achterspring auszubringen. Land- beziehungsweise stegseitig werden die Leinen an Ringen, Pollern oder Klampen belegt. Auch möglich ist es, die Leinen zurück auf das eigene Schiff umzulenken und dort zu belegen.

Situation: Liegen im Päckchen

Das Päckchenliegen gleicht im Prinzip dem Längsseitsfestmachen, nur dass das Boot nicht an einer Hafeninstallation, sondern an einem anderen Boot festgemacht wird. Es werden also Vor- und Achterleine sowie mindestens eine Spring, besser zwei, ausgebracht. Generell sollte versucht werden, nicht an deutlich kleineren Booten festzumachen. Bei ähnlich langen Booten, die aneinander festmachen, wird es schwierig, Vor- und Heckleinen auszubringen, da sich die Klampen der beiden Boote in etwa auf gleicher Höhe befinden und die Leinen so wie Querleinen wirken. Daher ist es notwendig und auch empfehlenswert, zusätzliche lange Vor- und Achterleinen an Land beziehungsweise am Steg zu belegen, die das Päckchen stabilisieren. Als Faustformel gilt, jeder dritte Päckchenlieger sollte zusätzliche Landleinen ausbringen. So können Päckchen fast unbegrenzt vergrößert werden.

Situation: Festmachen am Steg mit Fingersteg /Ausleger

Foto: Nikolas Woeckner

Gerade in Revieren mit Tide oder veränderlichem Wasserstand sind Häfen oft mit Schwimmsteganlagen mitsamt Fingerstegen ausgestattet. Meist sind die Ausleger dabei kürzer als das Boot, das an ihnen festmacht. Wird vorwärts angelegt, wird mit Backbord- und Steuerbordvorleine festgemacht. Damit ist der Bug in Position fixiert. Eine Vorspring sorgt dafür, dass das Boot nicht nach vorne gegen den Steg treiben kann, eine Achterspring ergänzt die Vorleinen in ihrer Funktion und hält das Heck näher zum Ausleger. Ist der Winkel der Achterspring sehr klein, weil der Ausleger des Stegs deutlich kürzer ist als das Boot, sollte von der Mittelklampe des Bootes eine Querleine zum Steg ausgebracht werden. Zusätzlich kann bei Schlechtwetter eine Leine von der Mittelklampe des eigenen Bootes zur Mittelklampe des Nachbarn ausgebracht werden. Dies sorgt dafür, dass bei allen Bedingungen beide Boote frei vom Steg schwimmen.

Situation: Pfähle und Steg

In Häfen mit geringen Wasserstandsänderungen wird oft zwischen Pfählen und Steg festgemacht. Wird vorwärts in die Box gefahren, werden die Achterleinen entweder per Palstek über die Pfähle gelegt, oder vom Pfahl zurückgeführt und bordseitig belegt. Vorne wird mit Backbord- und Steuerbord-Vorleinen am Steg festgemacht. Durch diese vier Leinen liegt das Boot sicher fixiert an seinem Platz. Manchmal ist die gewählte Box jedoch kürzer als das eigene Schiff, was dazu führt, dass das Heck nach achtern aus der Box hervorragt. Dann müssen zusätzliche Leinen von den Mittelklampen zu den Pfählen ausgebracht werden, welche nun die Funktion der Achterleinen übernehmen, wohingegen die eigentlichen Achterleinen wie Achtersprings wirken.

Dimensionierung der Festmacher

Verdrängung [t] Leinen-Nenndurchmesser [mm]
bis 0,2 10
bis 0,6 12
bis 1,0 14
bis 2,0 14
bis 6,0 16
bis 12,5 18
bis 25,0 20

 

Situation: Festmachen am Anker

Ankern ist eine Wissenschaft für sich, um die es hier nicht gehen soll. Vielmehr stellt sich im Rahmen des Festmachens die Frage, wie man sein Boot am besten sicher am Anker festmacht. Sehr zu empfehlen ist eine sogenannte Kettenkralle (auch ‚Teufelskralle’ genannt). Diese wird nach dem Ankermanöver in die Ankerkette eingehakt und auf beiden Vorschiffsklampen belegt. Anschließend kann die Ankerkette etwas gefiert werden, was das Getriebe der Ankerwinsch entlastet. Die Kraft, die auf die Ankerleine wirkt, wird nun gleichmäßig auf die Klampen verteilt und wird nicht von der Ankerwinsch getragen. Kettenkrallen gibt es in verschiedenen Ausführungen im Handel. Der Anker selbst wird mit einem Kettenwirbel mit der Kette verbunden. Früher war es üblich, hierfür den Knoten Roringstek zu verwenden, wovon aber heutzutage abgeraten wird, da der Knoten dann das schwächste Glied darstellen würde.

Situation: Festmachen römisch-katholisch

Besonders in Mittelmeerhäfen ist es üblich, rückwärts mit dem Heck an der Pier anzulegen und vorne mit dem Anker oder an einer Mooringtonne festzumachen. Gelegentlich findet man diese Variante des Anlegens allerdings auch in Nordeuropa. Wird der Anker verwendet, sollte auch hier, wenn vorhanden, eine Kettenkralle genutzt werden, um die Ankerwinsch zu entlasten. Landseitig wird das Boot mit Backbord- und Steuerbord-Achterleinen fixiert. Es können Ringe, Klampen oder Poller als Befestigungspunkte an Land dienen. Alternativ können, wenn möglich, die Achterleinen wieder zurück an Bord geführt werden (auf Slip) und dort auf Klampen belegt werden.

Situation: Festmachen an einer Schäre

Einer der schönsten Liegeplätze, den man als Segler finden kann, ist die Variante mit dem Bug voraus an einer Schäre festzumachen. Besonders die schwedischen Schären sind für diese Art des Festmachens bekannt. Hierfür wird das Heck mit einem Heckanker in Position gehalten und der Bug mit Vorleinen an Land fixiert. Die Anzahl der Vorleinen richtet sich nach den Gegebenheiten vor Ort. Sie können an Bäumen oder an in Felsspalten montierten Schärenankern festgemacht werden. Oft finden sich bereits fest installierte Schärenhaken, an denen festgemacht werden kann. Werden Bäume als Pollerersatz verwendet, muss darauf geachtet werden, dass diese nicht zu jung sind, damit sie durch die Festmacher­leinen keinen Schaden nehmen. Je kleiner der Durchmessser des Festmachers, desto eher verletzt er den Baum. Laufen die Leinen über scharfkantige Felsen, müssen sie vor Schamfilen geschützt werden.

Liegeplatz im Heimathafen

Foto: Nikolas Woeckner

Es lohnt sich den eigenen festen Liegeplatz (falls vorhanden) mit vorkonfektionierten Festmachern auszustatten, die nach dem Ablegen auf dem Steg verbleiben können. Am Steg mit einem Sch­äkel befestigt, wird die andere Seite des Festmachers mit einem gespleißten Auge versehen, das an Bord einfach über eine Klampe gelegt werden kann. So wird das An- und Ablegen stark vereinfacht. In diese Leinen können zusätzlich Ruckdämpfer integriert werden, die sonst auf einem Törn meist aus Gründen der Unhandlichkeit nicht benutzt werden. Falls es der Stegbetreiber erlaubt, können auch Leinenhalter auf dem Steg installiert werden, auf die die Festmacher beim Auslaufen gelegt werden. Bei der Rückkehr zum Liegeplatz können die Festmacher dann einfach aufgenommen werden.

Schlechtwetter

Droht es im Hafen unruhig zu werden, empfiehlt es sich, die Festmacherleinen so lang wie möglich auszubringen. So kommt die Konstruktionsdehnung der Leine mehr zum Tragen. Eine Leine mit zehn Prozent Bruchdehnung kann sich auf einem Meter um zehn Zentimeter dehnen. Auf zehn Meter Leinenlänge beträgt die Dehnung schon einen Meter. Daran sieht man, wie wichtig es ist, die Leinen möglichst lang zu wählen. Je Länger die Leine, desto mehr Bewegungsenergie des Bootes kann sie aufnehmen. In engen Boxen macht es daher Sinn, die Achterleinen, die zu den Pfählen verlaufen, überkreuz zu nehmen, um die Leinenlänge zu erhöhen. Ruckdämpfer in den Leinen erhöhen zusätzlich die Dämpfung und entlasten die Beschläge. Zusätzlich sollten die Leinen vor dem Schamfilen geschützt werden.

Schamfilschutz

Wann immer das Boot über einen längeren Zeitraum unbeaufsichtigt an seinem Liegeplatz zurückgelassen wird, sollten sämtliche Leinen vor Schamfilen, also dem Scheuern, geschützt werden. Hierfür können verschiedenste Gewebe, Schlauchstücke, Kunststoffrohre oder Blöcke als Umlenkungen verwendet werden. Nichts setzt einem Festmacher mehr zu, als das Schaben an Kanten, Knicken und Kaimauern.

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