Rekordsegler Bourgnon: Neues Abenteuer – Ist genug Gras über die Schummelei gewachsen?

Gegen den Wind anprügeln

Yvann Bourgnon hat auf einem Strandkat schon die Welt umrundet. Beim Bezwingen der Nordwest-Passage nahm er es mit der Wahrheit nicht ganz so genau. Beim nächsten Abenteuer kann er nicht schummeln.

Professionelle Extremsportler und Rekordjäger haben es heutzutage nicht leicht, wenn sie mit ihrem Job noch eine Mark machen wollen. Sie müssen sich immer wieder was Neues ausdenken, das auch extrem genug ist, um von der Öffentlichkeit und damit auch Sponsoren wahrgenommen zu werden.

Alle Berge sind bestiegen, alle Wüsten durchquert, alle Pole gefunden. Und das alleine-um-die-Welt-Segeln ist fast schon banal geworden, wenn man es alleine in 42 Tagen schafft (Francois Gabart).

Yvan Bourgnon

Yvan Bourgnon bei seinem Nordwestpassagen-Abenteuer. © Guyot

Was bleibt da noch für einen wie Yvan Bourgnon? Der Schweizer (47) segelte als Junge mit seinen Eltern vier Jahre lang um die Welt, gewann das Mini-Transat-Rennen, raste 17 Jahre lang auf den verrückten 60-Fuß ORMA Multihulls über die Meere, gewann mit seinem Bruder Laurent das renommierte Transat Jacques Vabre Rennen über den Atlantik und wurde dann – zumindest in Frankreich – zu einer Legende, als er bei der Route du Rhum fünf Tage lang in seinem durchgekenterten 60-Fußer ausharrte und sich weigerte, das Boot aufzugeben.

Mit dem Strandkat um die Welt

Der Weg in die erste Liga der französisch dominierten Shorthand-Vendée-Globe-Szene wollte aber nicht so recht gelingen. Bourgnon wendete sich der Strandkatamaran-Szene zu und begann, mit dem offenen Zweirümpfer auch Langstrecken zu absolvieren. 2013 legte er zur Weltumrundung ab und schaffte es tatsächlich.

Mehr geht eigentlich nicht. Aber ein Profi-Abenteuer muss eben abliefern. Was macht man dann? Klar, durchs Eis segeln. Bourgnon wollte erstmals mit seinem 20-Fuß-Kat die Nordwestpassage bezwingen. Ein Scheitern konnte er sich nicht leisten. Das kommt nicht gut an bei den Unterstützern.

Borugnon beim Einand-Stunt auf seinem Kat. © Guyot

Aber die Bedingungen waren nicht gut. Oder hatte er keine Lust mehr, alleine in der Eiswüste rumzugondeln? Jedenfalls wurde nach dem vermeintlichen Husarenstück Zweifel an den Angaben des Schweizers laut. Die deutsche Extrem-Seglerin Susanne Huber-Curphey, die parallel zu Bourgnon auf der Nordwestpassage unterwegs war und  als erste Frau die Strecke alleine in West-Ost-Richtung auf ihrer 14 Meter Stahlyacht bezwang, traf den Strandkat-Segler im Eis. In einem Bericht, auf den die Neue Zürcher Zeitung eingeht, bezeichnet sie die Aktion des Einhandseglers als “irrsinniges und blauäugiges Unternehmen auf der Jagd nach einem weiteren verrückten Rekord”.

Von wegen “ohne fremde Hilfe”

Sie bestätigt zudem, dass Bourgnon keinesfalls wie behauptet die Strecke ohne fremde Hilfe und allein unter Segeln zurückgelegt habe. Stattdessen soll er mindestens 90 Meilen von einem Niederländer geschleppt worden sein. Gut eine Woche habe er auf dessen Boot gelebt und schließlich Bekleidung sowie einen Schlafsack für extrem kalte Temperaturen erhalten.

Vor der Weiterfahrt habe Bourgnon sie und seinen Gastgeber aufgefordert, den Schlepp seines Bootes geheim zu halten, schreibt die NZZ. Huber-Curphey ärgerte sich danach, dass der Schweizer “im Medienwirbel durch Europa zieht” und seine Übertreibungen, Halbwahrheiten und “handfesten Lügen” erzähle.

In der französischsprachigen Welt scheint dieses Kapitel – sein Name wurde aus der Liste der Nordwestpassagen-Bezwinger getilgt – dem Ruf des Extremseglers nicht geschadet zu haben. Oder Bourgnon glaubt, dass Gras über die Sache gewachsen ist. Jedenfalls hat er jetzt ein neues Abenteuer angekündigt.

Yves Le Blevec, Trimaran

Yves Le Blevec wird von seinem Trimaran geborgen. © Armada de Chile

Er will alleine auf einem Multihull gegen den Wind um die Welt segeln. Zuletzt hatte das Yves Le Blevec versucht und war im Dezember 2017 am Kap Hoorn von seinem zerstörten 31-Meter-Tri “Actual” geborgen worden.

Mehr als die Idee hat Bourgnon offenbar noch nicht. Er sucht nach Unterstützern. Aber das Sportgerät, dass die Kreuz-Tortur aushalten soll, steht wohl fest. Die alte “IDEC” von Francis Joyon soll es sein. Der 30 Meter-Tri kann gegen die neuen Foiler nicht mehr bestehen, aber vielleicht lässt er sich noch gegen den Wind um die Welt prügeln. Bourgnon sucht nun nach Unterstützern. Schummeln wird im Southern Ocean wohl kaum möglich sein. Schlepper sind dort unten eher selten zu finden.

 

 

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Rekordsegler Bourgnon: Neues Abenteuer – Ist genug Gras über die Schummelei gewachsen?“

  1. avatar Detlef sagt:

    Aber er ist wirklich ein guter Entertainer, was ich so an Filmmaterial gesehen aber auf der Ocean Film Tour 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar jorgo sagt:

    Schummeln ist doof, klar. Aber ist es nicht dennoch eine unglaubliche und zu würdigende Leistung trotz einer Woche Pause und 90 Meilen Schlepp?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 5

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