Zweihand-Regatta in Kröslin

Renn-Erlebnis mit "Zwerg"

Von Oliver Schmidt-Rybant

Der "Zwerg" beim Segel-Setzen mit hängender Zunge. © Oliver Schmidt-Rybant

Eine SMS am frühen Morgen läßt das Projekt wackeln. Eigentlich wollten wir heute das Krösliner Double Hand Race segeln, nun fällt mein Freund Matthias aus. Das dritte Kind kündigt sich an. Soll eigentlich erst in zwei Wochen auf die Welt kommen, nun sieht es so aus, als wolle es heute an die Luft. Da sollte er sich nicht allzuweit entfernen, und eine zweihand geseglte Regatta ist dabei deutlich zu weit, sei sie auch auf dem Bodden vor der Haustür. Was tun?

Da fahr ich eben einhand. Nicht ganz eigentlich, denn mein dreijähriger Sohn ist auch mit dabei. Er heißt Jonathan und wird von uns liebevoll Zwerg genannt. Mit sechs Monaten war er das erste Mal mit auf See, konnte mit 15 Monaten absolut sicher über das Deck eines wild rollenden Traditionsseglers laufen, auf dem der Rest der Crew damit beschäftigt war, sich selbst fest- und das Essen im Magen zu halten. Nun mit drei Jahren kann er Monos von Kats und Tris unterscheiden und benennt fehlerfrei Großsegel, Fock und Spi. Am Unterschied zwischen Runner und Reacher arbeiten wir noch, „Klar zur Wende!“ kommt aber schon ganz flüssig.

Der Zwerg sollte ja sowieso mit an Bord sein, womit wir ohnehin nicht ganz doublehand, sondern eher troublehand unterwegs gewesen wären, nun also nur noch Vater und Sohn. Hoffentlich ist nicht zu viel Wind… umsonst gehofft. Im Hafen angekommen empfängt uns ein Pfeifkonzert aus den Riggs der Yachten. 20 Knoten sind es doch. Allerhand Druck in der Luft, aber der Greifwalder Bodden ist bei westlichen Winden vergleichsweise zahm und das Boot kann es auf jeden Fall ab.

Die Hanse 400 „Asia de Cuba“ wurde uns vom Eigner Jörg Krohn zur Verfügung gestellt. Mit voller Crew hab ich sie noch eine Woche zuvor Rund Rügen zum Sieg geführt und sie dabei schätzen gelernt. Es ist erstaunlich, was aus so einem Großserienboot herauszuholen ist. „Asia de Cuba“ hat einen Faltpropeller, Traveller im Cockpit, Dyneematauwerk, ein riesiges Carbonruderrad und haufenweise Segel. Die Arbeitsgarderobe ist aus Carbon, ein Code0, ein Gennacker und zwei Spis runden das Aufgebot ab.

Der "Zwerg" voll konzentriert im Racing Mode © Oliver Schmidt-Rybant

Rund Rügen kamen die auch alle mal aus dem Sack und waren mitverantwortlich für den Sieg. Den Großteil hat die Crew erledigt, die eine starkwindige Nacht lang auf der hohen Kante ausgeharrt hat. Heute fällt das alles aus. Einhand und mit Zwerg an Bord sollte ich möglichst kleine Brötchen backen. Aber ein wenig Ehrgeiz genehmige ich mir, indem ich statt der Selbstwendefock die Genua an Deck ziehe. Die 105% große 3DL Membrane von North ist aus mittelschweren Gelegen von Carbon und Kevlar gehalten. Dabei kommt ein Zaubersegel heraus, daß aus einer Hanse eine Regattayacht macht.

Der Zwerg hilft beim Einscheren der Schoten, dann ist Steuermannsbesprechung. Organisator Falk Morgenstern überprüft nach meiner Crewänderung ungläubig, ob ich wirklich die Haftungsausschlußerklärung unterschrieben habe und läßt mich dann fahren. Die Yardstickregatta hat ohnehin eher Spaßcharakter. Der Start wird flexibel gefahren. Vor dem Hafen von Peenemünde ist für 15 Minuten ein Gate geöffnet, durch das man fährt und dabei individuell gezeitet wird. Damit wird Gedränge vermieden, was mir sehr zupass kommt.

Wir legen ab. Der Wind wird nicht weniger. Das Groß setzen wir im ersten Reff, dann kommt die Genua. Am Mast hol ich die Fallen, während der Zwerg im Cockpit die Lose holt. Natürlich ist er dabei nicht ganz so schnell wie ich, hat aber immerhin das Gefühl, mitzumachen. Wir schauen noch mal kurz die Rinne nordwärts, um zu sehen, ob draußen nicht doch weniger Wind kommt (es kommt nicht), dann geht es zur Startlinie. Alle sind schon losgefahren, wir gehen in Schleichfahrt kurz vor Ende des Zeitfensters über die Linie. In dem Feld von 12 Booten sind wir die drittgrößte und mit 89 zweitschnellste Yacht nach Yardstick. Eigentlich hätte ich mir einen anderen Wert geben lassen sollen für das Segeln ohne Spi und mit Zwerg, hab ich irgendwie verpasst…

Nun geht es erstmal halbwinds die Rinne nordwärts. Mit gerefftem Groß und 105%Genua sind wir deutlich unterpowert, aber draußen auf dem Bodden müssen wir an die Kreuz. Zwei Konkurrenten werden überholt, dann luven wir an. Die Crew des Veranstalters ist mit einem Boot an der Tonne. Der Zwerg winkt der Fotografin von der Luvreling zu, während ich an der Großschot kurbel. Nun werden weitere Konkurrenten abgehakt – an der Kreuz läuft das Boot wie auf Schienen, während in Luv eine dunkle Wand lauert.

Die bringt bestimmt einen Rechtsdreher, denke ich und fahre nach rechts. Und tatsächlich dreht es. Schlagartig um 60 Grad sogar, zeitgleich flaut es ab. Schnell das Reff raus, Achterstag fieren und Holepunkt nach vorn. Nicht nur der Holepunkt ist vorn – wir auch. Der Dreher hat uns von hinten nach vorn ins Feld katapultiert. So kann es bleiben, aber es dreht natürlich wieder zurück. So sind wir an zweiter Position liegen bei zunehmendem Wind.

Achterstag wieder dicht und Holepunkt achterlicher. Das Boot läuft herrlich! Der Zwerg spielt unter Deck während ich mit den Streckern hantiere. Am Luvfass unterläuft mir ein Fehler. In großem Abstand wende ich genau auf der Layline, und lande nach schrahlendem Wind etwas in Lee der Tonne. Also noch zwei kurze Wenden, jeweils wird der Zwerg unter Deck benachrichtigt, daß sein Spielzeug jetzt wieder auf die andere Seite rutscht.

Vor dem Wind fehlt Fläche, aber mehr als die Genua trau ich mich nicht zu setzen auf der 4 Meilen kurzen Strecke. Immerhin wird sie nach Luv ausgebaumt. Vor uns fährt „Menkenke“. Eigner Torsten Meyer hat Dietmar Wendel mit an Bord der Hanse401, also Kompetenz hoch zwei. Die Beiden fahren natürlich Spi und laufen mir langsam weg. Hinter mir geht die Elan 310 der Krösliner mit Falk Morgenstern um die Tonne, auch dort geht eine Tüte hoch.

Wir laufen acht bis neun Knoten schnell, kratzen auch schon mal an der zehn und fallen weiter zurück. Im Eingang zur Landtiefrinne geht es wieder auf Halbwindkurs. „Menkenke“ vor uns hetzt mit Groß und Genua südwärts, wir tun es ihnen gleich und bauen den Spibaum ab. Der Zwerg sieht mal wieder an Deck nach dem Rechten. Zum Mittagsschlaf niederlegen möchte er sich natürlich nicht. War klar.

Am Ende der Knackrückenrinne denke ich naiverweise, ich könne nach Echolot abbiegen. Falsch gedacht. Das Lot zeigt noch vier Meter während sich das Boot verbeugt, dann stehen lakonische 1,50 auf dem Display. Der Grund ist butterweich, also ist kein Schaden zu befürchten und in Luv der Rinne liegen wir auch nicht gerade unrückbar, aber Zeit kostet es trotzdem. Die nächste Böe kommt nach gefühlten 15 und nominalen 2 Minuten. Das Boot krängt, driftet leewärts und ist frei. Schnell die Schot gefiert, das Boot beschleunigt und weiter geht es.

Kurz später sind wir im Ziel. „Menkenke“ geht zwei Minuten vor uns über die Linie. Gesegelt sind wir schneller gewesen, berechnet dürfte es nicht reichen – wir müssen mit zwei Yardstickpunkten einige Zeit vergüten. Zum Zielfoto läßt sich der Zwerg leider nicht an Deck bitten, dafür fiert er das Genuafall, während ich die Membrane vorn aus dem Profil ziehe und an Deck lasche. Gerade fest im Hafen, beginnt es auch noch zu regnen. Gutes Timing.

Die Konkurrenz trudelt nach und nach ein. Ein bunt gemischtes Feld zwischen Varianta 18 und Elan 450. Besonders für die kleineren Boote war es mitunter recht herzhaft. Die Klassiker wie H-Boot und Hiddensee konnten das gut ab, die kleine Varianta hatte allerdings zu tun. Respekt vor den Jungs! Uns wird auch jede Menge Respekt entgegengebracht.

Daß der Zwerg so gut mitgemacht hat, freut mich, daß ich am Anfang des Rennens so langsam gefahren bin, ärgert mich nun. Hätte ich gewußt, wie einfach das alles läuft, hätte ich locker noch einige Minuten rausgeholt. So sind wir zwar schnellstes gesegeltes Boot, aber berechnet nur vierte. Bei der Siegerehrung abends bekommt der Zwerg noch eine Urkunde als jüngster Regattateilnehmer, dann feiert er kräftig mit. In seiner Trophäe war eine kleine Wasserspritzpistole enthalten. Wer ihm die füllt, konnte ich nie rausfinden, jedenfalls macht er zum Unmut einiger Partygäste kräftig davon Gebrauch. Meine Frau holt uns ab und der Zwerg schläft gleich im Auto ein.

Freund Matthias hat auch abends noch keine drei Kinder, so überführen wir tags darauf mit seiner hochschwangeren Frau und den einstweiligen Sprößlingen nebst dem Zwerg das Boot nach Greifswald zurück. Eine herrliche Mischung: Kinder, Membransegel und 7,5 Knoten an der Kreuz. Einige Freunde vermuten, der Apfel fiele nicht weit vom Stamm und der Zwerg würde auch mal Segler. Andere sagen, ich könne ihn damit auch verschrecken und er würde später die Nase voll vom Segeln haben.

Ich glaube weder das eine, noch das andere. Meiner Theorie nach ist es reiner Zufall. Manche Menschen lieben es zu segeln, andere hassen es, wieder andere mögen es mit Einschränkungen. Das aber kann man nicht steuern. Auf Ausbildungstörns habe ich Menschen kennengelernt, die im hohen Erwachsenenalter das erste Mal auf See sind, sich als Naturtalent entpuppen und weiterhin der See verbunden bleiben. Viele werden seekrank (ich auch) und sind trotzdem gern mit Yachten auf See.

Andere sind gegen Seekrankheit immun und trotz frühkindlicher Gewöhnung nicht gern an Bord. Mit Kleinkindern zu segeln ist allerdings völlig unproblematisch. Wenn sie mal älter sind und nicht mehr mögen, dann muß ich eben später mal auf Fußballplätzen oder Pferdekoppeln meine Wochenenden verbringen. Einstweilen soll es kein Abenteuer, sondern Normalität sein, Mittwochsregatten zu fahren und den einen oder anderen Törn mit unterschiedlichen Schiffen.

Wenn das Anziehen der Rettungsweste genauso normal ist, wie das Anschnallen im Kindersitz, dann muß ich mich seglerisch kaum einschränken. Und sollte sich der Segelvirus vererbt haben, dann sollte es mich freuen, in 13 Jahren größere Doublehandregatten mit Zwerg zu fahren. Schwer vorstellbar, daß er eines Tage nicht mehr der Zwerg ist. Vielleicht nächstes Jahr, als großer Bruder…”

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