R.I.P.: Segel-Legende Stuart Walker – Letzte Soling-Regatta mit 94

Der Mann, der das Segeln erklärte

Vor einem Jahr beendete Dr. Stuart Walker mit 94 Jahren seine Regatta-Karriere. Nach achtzig Jahren und zehn Büchern. Nun hat er mit 95 ganz die Segel gestrichen.

Stuart H Walker segelte mit 88 Jahren im Soling noch an der Spitze. © Gert Schmidleitner

Auf den ersten Blick war es kein großes Ding, als der Amerikaner Stuart H. Walker 2011 die Soling-Europameisterschaft nach drei Rennen anführte. Aber der Mann hatte schon 88 Jahre auf dem Steuermanns-Buckel, eine lebende Legende. Er wurde auf dem österreichischen Attersee schließlich Vize-Europameister.

Aber das war für ihn nur eine Regatta von vielen. Walker längst Größeres geleistet. Er erklärte der Welt mit seinen Büchern das Segeln. Eine ganze Generation von Rennseglern wurde von ihm beeinflusst. Nach Manfred Curry und neben Paul Elvström machte sich der Amerikaner am meisten um das Ergründen der geheimnisvollen Kunst an Pinne Schot verdient.

Spritzwaser am Attersee. Stuart Walker nimmt die Wellen bei der Europameisterschaft auch mit 88 Jahren noch bestens. © Gert Schmidleitner

Immer noch sind seine Werke über Taktik und Strategie, Trimm und Segelstellung wegweisend. 1967 startete er seine Reihe mit“ The Tactics of Small Boat Racing“, 1976 folgte sein erfolgreichstes Werk „Advanced Racing Tactics“. Das jüngste Buch des Kinderarztes „Sailors Wind“ erschien 1998.

Stuart Walker, 94 Jahre, Ruhestand

In jungen Jahren segelte Stuart Walker (stehend) auf dem 14-Fuß-Dinghy. © earwigo

Es wird heutzutage immer leichtfertiger mit dem Begriff „lebende Legende“ umgegangen. Aber dieser Mann hat den Status voll und ganz erfüllt. Die Deutsche Übersetzung seines ersten Buches „Taktisch richtig segeln“ war eines der erfolgreichsten Regattabücher in deutscher Sprache. Es stand neben dem neuesten Elvström-Werk im Wohnzimmer-Regal und lag auf dem Nachtisch oder auf der Sofa-Lehne vieler Regattasegler – oder solcher, die es damals noch werden wollten. Der Mann konnte verständlich erklären, wie man mit einem Segelboot schneller zum Ziel kommt.

Der Kinderarzt begann als Jugendlicher mit dem Segeln und hielt tatsächlich acht Dekaden lang dem Regattasport die Treue. In diesem Zeitraum segelte Dr. Stuart Walker u.a. 5.5 (inkl. Teilnahme als Vorschoter bei den Olympischen Spielen 1968), er liebte das 14-Foot-Dinghy, mit dem er in den Sechzigern so ziemlich alles gewann, was in dieser Klasse möglich ist. Unterm Strich war Walker auf dem Star, Penguin, International 14, 5.5 Meterklasse, Soling, Yngling, International One Design, Etchells und auf dem Log Canoe unterwegs.

“War nie ein Überflieger”

Seit den Siebziger-Jahren bis heute mischte Walker die Soling-Klasse auf. „Ich war nicht gerade der Überflieger, aber immer für eine Überraschung gut,“ erklärte der betagte Regattacrack noch zu seinem 90igsten Geburtstag. „Irgendwo habe ich fast immer ein Schlupfloch gefunden, um mich wieder vorne einzureihen!“

Stuart Walker, 94 Jahre, Ruhestand

Nach einem “Blindflug” durch das Soling-Starterfeld empfand sich der 94-Jährige als “Gefahr für seine Mitsegler” © capitalgazette

Seine Begeisterung für die Soling brachte ihn Anfang der Neunziger-Jahre als Präsident an die Spitze der internationalen Klassenvereinigung. In diesem Zeitraum setzte er sich erfolgreich für einen Erhalt der Klasse bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta und für das gesegelte Flotten/Match-Race-Format ein.

In einem Alter, in dem die meisten anderen Segler längst das Ruder aus der Hand geben, lief Walker nochmals zur Höchstform auf. Der US-Amerikaner, der viele Jahre in Australien lebte, ging besonders gerne bei europäischen Soling-Regatten an den Start und verbrachte mitunter Monate „bei uns“, um von Regatta zu Regatta zu tingeln. In der Schweiz, Österreich, Niederlande, Ungarn und Schottland gewann er teils mehrfach die Nationalen Meisterschaften.

Fast blind durch das Starterfeld

Vor einem Jahr sagte Walker: „Jetzt ist es Zeit, die Pinne abzugeben.“ Die Augenkrankheit Makula-Degeneration zwang ihn zu diesem Schritt. Während einer Clubregatta verschärften sich die Probleme plötzlich, und er rauschte nahezu blind auf seiner Soling durch das Starterfeld.

„Es regnete und es war ziemlich dunstig”, erklärte er auf der Klassen-Seite. “Als ich dann aber das Startschiff erst sah, als es sich riesig vor mir aufbaute und ich es beinahe gerammt hätte, war ich dann doch richtig geschockt. Ich konnte auch nicht mehr beurteilen, ob die Konkurrenten um mich herum auf mich zufuhren oder von mir weg segelten.“ Eine eher schlechte Ausgangssituation für den Pin-End-Start, den Stuart eigentlich segeln wollte.

Stuart Walker, 94 Jahre, Ruhestand

Die “Old Glory”, Stuarts Soling, wie sie von vielen Konkurrenten immer wieder gesehen wurde… von hinten! © International Soling Assoc.

Später, im Verlauf der Regatta erschrak Stuart, weil Konkurrenten plötzlich neben ihm segelten, die er zuvor nicht näher kommen sah. „Als wir dann auch noch richtig Probleme mit dem Spinnaker hatten, wurde mir klar, dass ich bei sowas nicht mehr mitmachen sollte. Ich war eine Gefahr für die anderen Segler!“

Stuart wollte immer mit einer „guten Regatta“ auf dem Konto aufhören, wie er mehrmals beteuerte. Und das war die Soling-EM 2016 am Traunsee, wo er immerhin im ersten Lauf das Regattafeld anführte.

Stuart Walker liegt bei der Soling EM mit seiner österreichischen Crew nach drei Rennen in Führung. © Gert Schmidleitner

Stuart Walker liegt bei der Soling EM mit seiner österreichischen Crew nach drei Rennen in Führung. © Gert Schmidleitner

„Ich werde also keine Soling-Regatten mehr bestreiten,“ schreibt der 94-Jährige weiter. „Außer natürlich den Ice-Bowl – bei dem mache ich auch mit, wenn ich bis dahin blind sein sollte!“

„Best wishes für alle, die ohne mich weitermachen“, schreibt er lapidar abschließend, und „vielen Dank für 47 Jahre Spaß auf dem Soling!“ Ein würdevoller Rückzug. Vielleicht ist damit auch sein Lebenswillen erloschen. Ein Jahr später hat er nun ganz die Segel gestrichen. FAIR WINDS!

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4 Kommentare zu „R.I.P.: Segel-Legende Stuart Walker – Letzte Soling-Regatta mit 94“

  1. avatar Der Daniel sagt:

    Die Soling EM am Traunsee hat erst jüngst vor einigen Wochen in 2016 stattgefunden! Da hat sich wohl der Fehlerteufel eingeschlichen…;-) !

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  2. avatar Marina sagt:

    Eine super-schöne Geschichte! Alles Gute und toi-toi-toi Stuart…

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  3. avatar Manfred sagt:

    R.I.P. Dr. Stuart Walker!
    Ganz großzügig hatte er mir vor vielen Jahren die Genehmigung erteilt, Auszüge aus einem seiner Werke für das Magazin der Internationalen H-Boot Klasse zu verwenden. Wir hatten eine schöne Korrespondenz. Fair Winds Stuart, mit den anderen Großen, die da oben schon segeln.

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