Segeln in der Krise: Zukunftsforscherin Anne-Marie Dahl analysiert die Probleme

"Der Segelsport muss sich ändern"

Virtuelle Gemeinschaften

„In den letzten Jahren gab es so viel Individualisierung, dass alles nur noch um mich – mich – mich ging. Aber in der Jugendkultur, welche einen großen Teil meiner Arbeit ausmacht, sehe ich etwas Neues – etwas, was zur gleichen Zeit sehr sozial ist. Es ist nicht genug, nur ich zu sein, ich muss auch Teil einer unbestimmten, coolen Gemeinschaft oder eines Teams sein.

Solche Gemeinschaften manifestieren sich häufig in sozialen Medien. Diese Einstellung kann sehr gut in der Segelumgebung funktionieren: Jetzt sind wir zusammen auf See, gegen die Macht der Natur kämpfend, wir sind ein Team auf einem Boot… vielleicht gibt es eine Art Wettbewerb, zwei Teams gegeneinander… Menschen lieben es, solche Kicks zu haben, vor allem zusammen mit anderen Leuten.“

Der „langsame“ Gegentrend

„Man könnte auch etwas völlig anderes machen. Es gibt eine starke Gegentendenz zu all dieser schnellen, auf Zeit ausgerichteten Effizienz. Es ist ein Trend, welcher, so denke ich, an Stärke zunehmen wird in einer Welt, in der alles drunter und drüber geht und in der viele Leute tatsächlich nicht mit dieser Schnelllebigkeit umgehen können.

Wir träumen immer von Dingen, von denen es nicht genug gibt. Deshalb sehen wir Aktivitäten basierend auf dem inneren Frieden, der Präsenz – all diese Achtsamkeit, welche auch noch hinzukommt. Dieser Trend, oder vielmehr Gegentrend, der sich nur um LANGSAMKEIT dreht…

Ich denke, Segler können sich dies zu Nutze machen. Segeln ist etwas, was wirklich Zeit und Präsenz fordert! Statt sich für Meditation oder Achtsamkeit zu entscheiden, kann man genauso gut raus auf‘s Wasser gehen, um Frieden und Präsenz zu finden.“

Geschichten erzählen

„Früher waren Freizeitaktivitäten eine lebenslange Entscheidung. Jetzt nicht mehr. Heutzutage müssen gewichtige Geschichten über das Segeln erzählt werden. Der Segelsport trägt sich nicht mehr von selbst, es ist keine wahrscheinliche oder vernünftige Familienentscheidung für die meisten Leute.

Die Menschen tendieren zu viel stärker individuell und gefühlsbetont ausgerichteten Aktivitäten. Wir leben in einer Erlebnis-Ökonomie, in welcher alles in Form von Geschichten verkauft und erzählt wird. Wir können noch nicht einmal mehr essen gehen, ohne dass uns der Koch beim Essen von der Ziege erzählt, von der der Käse stammt.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass es überall Geschichten gibt. Und ich kann wirklich nicht erkennen, dass die Seglergemeinschaft gut darin ist, die nötigen Geschichten zu erzählen. Segeln bietet in der Tat eine breite Palette, und so ist es doch möglich, viele verschiedene Geschichten zu erzählen. Und sie können ganz einfach in Verbindung zu der gleichen Person stehen, einer Person, die sich manchmal gerne in extremen Situationen auf dem Wasser mit den Jungs befindet – und sich manchmal sehr gestresst fühlt und segelt, um auf dem Meer Ruhe zu finden.“

Leute sind gewillt, zu zahlen

„Wenn ich ein bisschen spezifischer sein sollte, würde ich sagen, dass Segelvereine mehr Event-orientiert sein sollten. Sie sollten eine Reihe von verschiedenen Veranstaltungen im Sommer arrangieren, bei denen jeder dazukommen und mitmachen kann.

Das könnte alles sein, von „Kommt mit aufs Wasser, um die Stille zu erleben – lasst uns für drei Stunden nicht sprechen“ bis „Fühlt den Adrenalinkick, wenn wir vorwinds mit Spinnaker fahren“. Verschiedene Geschichten, Veranstaltungen, bei denen jeder mal hineinschnuppern kann. Und die Leute werden dafür bezahlen wollen, da bin ich mir sicher. Geld ist es nicht, was fehlt. Erlebnisse, zusammen mit einer Geschichte, sind etwas, wofür Leute gerne bezahlen.

Vielleicht bekommt man sogar ein lokales Restaurant dazu, für das Essen zuständig zu sein. Solche Dinge können sich auch leicht als ein gutes Geschäft herausstellen! Verschiedene Arten von kleinen Veranstaltungen mit einem bestimmten Thema, ich glaube daran! Solche Sachen können sehr effektiv durch Facebook verbreitet werden. Ich weiß nicht, ob Segelvereine typischerweise eine Facebookseite haben, aber wenn nicht, sollten sie sich eine einrichten!“

Anne-Marie Dahl’s Blick in die Zukunft kann in ein Szenario übersetzt werden: Wie wird Segeln im Jahre 2020 aussehen?

32 Kommentare zu „Segeln in der Krise: Zukunftsforscherin Anne-Marie Dahl analysiert die Probleme“

  1. avatar Klaus sagt:

    Hier—> http://www.sailingcenter.de/segeln/segelerlebnisse-tegernsee/

    Die Jungs am Tegernsee setzen meiner Meinung nach genau das um was die gute Dame für die Zukunft vorhersagt.. Zukunft ist heute!

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    • avatar Klaus sagt:

      In der Tat, das ist wirklich das Gegenteil unserer Clubjackenvereine. Danke für den Tipp.

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  2. avatar Backe sagt:

    Glückwunsch! Ein wichtiges Thema, das uns früher oder später alle betreffen wird!
    Ich finde es gut, dass auch solche “schweren” Themen hier von Zeit zu Zeit angepackt werden.

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  3. avatar Uwe sagt:

    Eine Studie braucht’s eigentlich nicht, denn der Sachverhalt ist simpel:

    Seit 1965 hat sich die Geburtenrate halbiert (Pillenknick).
    Fast Drittel der Kinder wird von Alleinerziehenden / Harzern betreut, die sich kein Boot leisten können.

    Dass die Segelvereine vergreisen, ist daher kein Wunder.

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    • avatar Sven2 sagt:

      Uwe:

      hier von “Harzern” zu sprechen finde ich mehr als respektlos. Ein Zitat aus der hamburger Richtlinie für die Bildung und Erziehung in Vorschulklassen:

      “Die Kommunikationsstrukturen sind von Achtung und Toleranz geprägt.”

      Vielleicht solltest Du Dich dort auch noch einmal einschreiben. Ach übrigens: der gute Namensgeber hieß Peter Har(t)z.

      Sorry, aber das einfach nur mit einem Dislike zu belegen reichte mir hier nicht aus.

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    • avatar Backe sagt:

      Vermutlich ist ein Kernproblem des Segelsports, dass in zu vielen Segelvereinen zu viele Uwes rumschwurbeln?

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      • avatar Backe sagt:

        Ich meine das ernst!
        Viele gerade junge Leute werden abgeschreckt, über Vereinsstrukturen in den Segelsport hineinzuschnuppern, weil sie dort entweder mit hemdsärmeligen Schubladenparolen (“das sind die Regeln, das haben wir hier schon immer so gemacht”) oder mit traditionswahrender und blaublazeriger Yachteigner-Arroganz konfrontiert werden.
        Frau Dahl hat vollkommen recht, wenn sie das als Auslaufmodell bezeichnet. Und zwar nicht nur für die Generation facebook …

        Schön finde ich, dass einige hier – im Sinne einer fruchtbaren Diskussion – erfreuliche Gegenbeispiele aufzeigen. Mir fallen dazu spontan das Camp24 in Kiel (wo übrigens überdurchschnittlich viele Kinder von Alleinerziehenden und sozial schwächer gestellten Familien zu finden sind ;.) oder die Segelschule der Uni-Kiel ein.

        Vielleicht ist es ein schöner Ansatz für Dich, Carsten, in der nächsten Zeit immer mal wieder eines dieser “neuartigen” Projekte hier bei SR unter einem feststehenden Oberbegriff wie z.B. “Zukunft des Segelsports” vorzustellen?!

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        • avatar Carsten Kemmling sagt:

          ja, das ist eine gute idee. über lesertipps in diesem sinne würden wir uns sehr freuen:

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  4. avatar Simon sagt:

    Das gibt’s schon 🙂

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  5. avatar Soling sagt:

    Die Probleme !! Keine Zeit =( Jobs), zu geringe Verdienste= ( Politik) , zu teures Material = Gewinngeil

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  6. avatar Fastnetwinner sagt:

    Dieser Thread sagt alles. Während es um die Zukunft des Segelsports geht reden hier alle politisch Korrekten über Quelle und Schreibweise von Hat(t)z. Das solche Art Segel-Community kaum Außenstehende anzieht ist doch klar. Wenn dieser Thread ein Segelclub wäre, würde ich hier auch austreten. Wer solche Wortwahl-Diskussion über die wahren und wichtigen Inhalte stellt ist nicht besser als der Stammtisch im BSC, die Theke im HSC, die Sabbelbüddel vom NRV oder die, die in alle den anderen Vereinen an den Stammtischen sitzen, und schon damals im ersten Ausschuss ganz am Anfang mit dabei waren, als die Seefah erfunden wurde. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mich mal auf Uwes Seite schlage, aber wenn ich den Rest hier sollest mache ich das gerne.

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  7. avatar Trainer sagt:

    Ich kenne genug Vereine in Ost und West, die genug Kinder in ihren Jugendgruppen haben. Die Identifikation mit dem Verein läuft meistens über eine Kontaktperson den Trainer. Eltern werden als Last empfunden, Stellen aber eine riesige potenzielle Mitgliedergruppe dar. Die Jugendlichen haben, um der Autorin zu widersprechen, mit Anfang 20 eben kein Geld um sich ein Boot zu kaufen. Dort müssen die Vereine ansetzen und die Leute auffangen. Mit 40 investieren sie dann vielleicht in ein Boot.
    Es ist meiner Meinung nach nicht “Rocket Science”: Segelkurse auch für Erwachsene und die Jugendlichen nach der Schule nicht verlieren!

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    • avatar Backe sagt:

      Zu unterscheiden sind meiner Meinung nach zwei Gruppen:

      – diejenigen, die über ihre Familien als Kinder zum Segeln kommen
      – und diejenigen, die ohne vorherigen Kontakt zu diesem Sport, sozusagen von “außerhalb”, Segeln kennenlernen bzw. für sich ausprobieren möchten – seltener als Kinder und Jugendliche, häufiger erst ab dem Erwachsenenalter.

      Bei der ersten Gruppe dürfte übrigens ein Problem darin, dass Segeln in vielen Vereinen automatisch mit “Training” und Regattasegeln gleichgesetzt wird.
      Die allgegenwärtige Opti-Segelei mit ihren riesigen Bootsbeständen (quasi jeder Verein hat ein paar davon, weltweit mit abstand die größte Bootsklasse!) dürfte wohl die breiteste Einstiegsplattform sein — gleichzeitig aber auch der größte Nachwuchs-Vernichter im Segelsport!

      Denn allzu viele Kids haben, wenn sie den Opti altersmäßig hinter sich lassen und gleichzeitig in die pubertäre Rebellionsphase hineinwachsen, schlicht und ergreifend keinen Bock mehr, das zu tun, was ihnen von eltern und Trainern vorgeschrieben wird: Schön brav zum Training gehen, immer ordentlich an die Regeln halten, in 500-Boote-Flotten im Ziel Nr. 399 werden, usw. …
      Anders kann ich mir nicht erklären, wo die ganzen Optikinder alle abbleiben.

      Auch dieser Aspekt sollte ggf. mal untersucht werden.

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      • avatar dubblebubble sagt:

        Opti-segeln finden nur die Mütter süß.

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      • avatar Skiffi sagt:

        Sehr richtig! In Dänemark oder Holland schnappen sich dann die 14- bis 17-jährigen dann irgendeine alte Holzmöhre und segeln – völlig glücklich – auf eigene Faust damit! Segeln zu kleinen Inseln, gehen schwimmen und machen Lagerfeuer am Strand!

        Schon beim Gedanken daran, stellen sich dem deutschen Vereinsobmann die Haare auf!!! Ja dürfen die das denn überhaupt….

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        • avatar 12er Enthusiast sagt:

          …und wie sieht das eigentlich aus versicherungstechnischer Sicht und haftungsmaessig aus…es gibt ja soviele Bedenken..

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  8. avatar Kersten sagt:

    Das Problem ist, dass der “Luxussport” Segeln, im Gegensatz zu Tennis und Golf. nicht erreichbarer und billiger wird. Ein aktuelles Schiff zu segeln ist für mich Normalo nicht machbar. Um Segeln aber weiterhin interessant zu machen, sollte mehr Hafenservice, Restaurants mit Steganlagen, Ankerbuchten mit Bojen, Events, … die Szene attraktiver und dadurch auch jünger machen. Aber was passiert. Es werden Hafenmeisterautomaten aufgestellt oder schlimmer, ganze Häfen geschlossen.

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    • avatar Backe sagt:

      Kersten, ich glaube ein Schwund an Bootseignern ist nicht nur über die Geldfrage zu erklären. (Eine halbwegs funktionstüchtige Anfängerjolle gibt es vielerorts für unter 1000 €, altgediente, gar nicht mal schlechte Kajütboote gibt es schob ab 3 – 4000 €, ein Wasserliegeplatz in Kiel für ein Folkeboot kostet im Jahr weniger als eine KFZ-Garage in Hamburg…)
      Es ist wohl eher das (zeitliche) Commitment, das die Bootseignerschaft mit sich bring, das viele Leute abschreckt, sich “zu binden”: Ich MUSS das Boot nutzen, ich MUSS mich um Pflege und Winterlager kümmern, etc.
      Der von Dir erwähnte Tennisschläger oder Golfsack hingegen liegt, wenn nicht betutzt oder nicht mehr spannend genug, einfach in der Ecke und frisst kein Brot.

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      • avatar Kersten sagt:

        Das stimmt. Was zum segeln findet man immer wenn man nur will. Was mich stört ist, dass vielleicht der ein oder andere Hafen ausgebaut wird, aber der spießige Mief der 70er ist fast überall noch zu riechen. Spielpatz für die Kinder, ne Ecke zum grillen, zum Becker musst du ein ganzes Stück laufen, eine nette Kneipe oder gutes Restaurant ist meist Fehlanzeige. Dann bleibt nur noch Hafenkino… Ist vielleicht ein bisschen krass dargestellt, aber mehr wird doch nicht geboten oder? Ich finde die Kreativität der Hafenbetreiber ist einfach mal gefragt, um Segler zu locken und Einsteiger zu überzeugen.

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  9. avatar tiefenrausch sagt:

    Super Artikel, super Thema, mehr davon! Z.B.Zukunft Regattasegeln: Interview mit DSV, Trainer, Sportlern, Jugendlichen….
    im übrigen: Trends kommen und gehen, Surfen war Ende der 70er Jahre sehr hip, jetzt eben Kiten.
    Ich meine, man sollte immer den auch von Frau Dahl angesprochenen Pluralismus im auge behalten – da ist der gestresste Familienvater, de Ruhe sucht, da ist der/die Jugendliche, der Kick sucht und Slebstdarstellung usw. usw. zunächst heist das für mich: Toleranz gegenüber denen, die´s anders machen. Inwieweit diese Variantenvielfalt Zukunft hat, das ist – siehe artikel – eine spannende Frage.

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  10. avatar Digger sagt:

    Danke.
    Mein reden. Segeln findet in der Öffentlichkeit nicht statt. Nur in der Segelöffentlichkeit. Und die wird älter und älter.

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  11. avatar kai sagt:

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  12. Also ich persönlich kenne sehr viele Menschen die Segeln, wie jedoch schon mehrfach gesagt wurde ist es aktuell so, das der Sport nicht viel Aufmerksamkeit genießt.

    Viele Vereine sind nicht im Netz oder gar Social-Netz und somit geht Segeln oft am Otto-Normal-Verbraucher vorbei. Ich denke wenn der Sport mehr Aufmerksamkeit (öffentlichkeit) bekommen würde, wären auch wieder mehr Mitglieder in den Vereinen zu verzeichnen.

    Grüße

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