SV Delos: Baby an Bord, Bruder Brady runter – Wie sich das Leben der Klick-Millionäre ändert

Neue Zielgruppe

Sie lebten zehn Jahre lang ein abenteuerliches, fast schon anarchistisches Leben an Bord der „Delos“. Nun segeln die berühmten Gebrüder Trautman getrennte Routen. Überlebt der Delos- Vlog?

Vor etwas mehr als einem Jahr wagten wir die Frage, ob es an Bord der „SV Delos“ nicht allzu „ruhig“ geworden sei. Das Wilde, das Ursprüngliche, ja fast schon Anarchische, das auf der 52-Fuß-Ketsch nahezu ein Jahrzehnt lang die Tage und Nächte bestimmte, schienen endgültig Vergangenheit zu sein.

Die Luft war raus, als die Yacht zur Kapelle, Kapitän Brady zum Pfarrer, Karin zur Braut und Brian zum Bräutigam wurde. Bereitmachen zum Festmachen in den Hafen der Ehe – und Hunderttausende Couch-Potatoes, Daheimgebliebene, Fernwehsüchtige und Tagträumer schauten per Video zu. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge (SR-Bericht). 

Denn alles hatte man den Protagonisten von (damals) bereits weit über 200 halbstündigen Video-Episoden abgenommen, nur nicht ihre andauernden Beteuerungen, es werde so weitergehen wie bisher. Vielmehr war die Route der „Delos“ spätestens mit der sympathisch inszenierten Heirat an Bord bereits abgesteckt: Ehe, Schwangerschaft, Bruder verlässt die enge Hütte, man geht getrennte Wege und sucht ruhigere Fahrwasser.

Aus einem werden zehn Jahre Blauwasser

Welcher Blauwasser-Fan und Langfahrt-Segler hat noch nicht von den Abenteuern der SV Delos-Crew gehört, gesehen oder gelesen? Die neben Elyna und Riley wohl erfolgreichsten Klick-Millionäre in der internationalen Yachtie Szene machten seit 2010 die Sieben Meere unseres Planeten unsicher.

Und das ist nahezu wörtlich zu nehmen, denn die „SV Delos“ hat, im Vergleich zu vielen anderen, als Weltumseglung bezeichneten Abenteuern, in dieser Dekade tatsächlich eine Menge Seemeilen im Kielwasser gelassen. Jedenfalls hätte sich der Amerikaner Brady Trautheim niemals träumen lassen, dass aus seinem auf ein Jahr angepeilten Sabbatical in der polynesischen Inselwelt ein 83.000 Seemeilen-Törn rund um die Welt werden würde (erster SR-Bericht „einfach lossegeln!“)

Relativ rasch hatte sich auf der 52 Fuß Amel Super Maramo (Baujahr 2000 in La Rochelle/Frankreich) eine Stammcrew gebildet. Nach Abreise in Seattle/USA – damals noch mit einer Partnerin, die jedoch schnell die Faxen dicke hatte vom Seesegeln – holte sich Brian seinen jüngeren Bruder Brady an Bord, der (sozusagen „auf der Route“) in Mexiko abhing.

Statt im vermeintlichen Zielhafen auf Neuseeland nach etwas mehr als einem Jahr die Yacht zu verkaufen, verknallte sich der mittlerweile wieder „Partner-freie“ Brian in die Schwedin Karin, die durchs Kiwi-Land trampte und einem Segeltörn nicht abgeneigt war. Wer hätte schon ahnen können, dass daraus gleich ein neues Leben werden würde. 

Einfach weiter gesegelt

Kurz: Brian, Karin, Brady und eine wechselnde weitere Crew – entweder Freunde und Freundinnen, Sieger bei online ausgelobten Preisausschreiben oder eben zahlende Kojencharter-Kunden – segelten einfach weiter. Zunächst Richtung Asien, wo sie noch monatelang an Land jobben mussten, um sich anstehende Reparaturen an Bord sowie Futter, Getränke und Treibstoff für die anstehenden Etappen leisten zu können. Brian schrieb damals: „Ich glaube nicht, dass unsere Reise jemals enden wird! Und wenn ich noch etwas hinzufügen darf – allen, die von einer Auszeit unter Segeln träumen, kann ich nur das Eine raten: Legt ab, fahrt endlich los… ihr schafft das schon!“

Irgendwann entdeckten sie zwischen all’ den roten Zahlen auf ihren Bankauszügen die eine oder andere, kleinere schwarze: YouTube hatte Geld für Videos überwiesen, die immer häufiger von begeistert, tagträumenden Landeiern und kopfsegelnden Daheimgebliebenen angeschaut wurden.

Hinzu kam die damals noch recht neue Möglichkeit, über Crowdfunding -Spendenaktionen Geld für weitere Video-Produktionen einzusammeln. Was überaus gut funktionierte und der Delos-Crew ein neues Einkommen und letztendlich bessere Videoproduktionsmöglichkeiten bescherte. Investitionen an der richtigen Stelle, denn nun konnten sich die Gebrüder Trautman, Karin und sonstige Mitsegler auf das Wesentliche konzentrieren: segeln, Spaß haben, Abenteuer erleben. 

Platz für die Familie machen

Und davon gab es genug. Minutiös und immer auch ein wenig erklärend gedreht machten ihre Videos schnell in Blauwasser-Foren Furore; manche der bald schon wöchentlich erscheinenden halbstündigen Filme erreichten mehrere Millionen Klicks. Ganz egal ob sie im Sturm die Ozeane bezwangen, in der Flaute irgendwelcher Hochs dümpelten, ob sie an Land mit Kopfgeldjägern tanzten oder in verträumten Ankerbuchten mit anderen Yachties wilde Parties feierten – wer wollte, konnte dabei sein. Und sich an einem Leben zumindest virtuell beteiligen, das man ohne rot zu werden als einen „wahr gewordenen Traum bezeichnen“ könnte. 

Doch alles hat ein Ende. Und jedes Ende ist meist auch wieder ein Anfang. Nach der Trauung von Brian und Karin gab es noch einen „Atlantic-Loop“ mit Stammbesatzung und auf der Rücktour von den Kanaren erneut Richtung Karibik gab Brady schließlich bekannt, dass er auf Antigua das Boot verlassen werde. Er wolle fair sein, Karin und Brian als Familie die Yacht vollständig überlassen, überhaupt ab sofort seinen Kram machen. Auf einem eigenen Boot, als Cruising-Trainer oder Ähnlichem. 

Als das Video von der Atlantik-Überquerung gepostet wurde, gab es im „Delos Tribe“ , wie die Fan-Gemeinde genannt wird, dicke Tränen. Brady wurde als die „treibende Kraft“ an Bord gefeiert und man fragte sich in den Kommentaren dutzende Male, wie es denn nun weitergehen könne. 

Ein Leben auf der SV Delos ohne Brady– unmöglich! 

Öko-Familie statt Hippie-Crew

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Karin und Brian Trautman präsentieren sich nun auf der SV Delos gemeinsam mit ihrem mittlerweile sechs Monate jungen Baby als Blauwasser-Familie, die umweltbewusst und achtsam durchs Leben segelt. Nach dem karibischen Corona-Lockdown wollen sie Kurs Richtung Norden nehmen, ihre Yacht für arktische Gefilde pimpen und nach einem Jahrzehnt in den Tropen die nördliche Hemisphäre kennenlernen. 

Ihr Finanzierungskonzept bleibt das gleiche wie zuvor: Crowdfunding über Patreos, Kojencharter und die Youtube-Plattform als Geldbringer. Eher „kleine“ Abenteuer auf See („unser Bojennachbar ist gestrandet!“) wechseln ab mit „erster See-Törn mit dem Baby“ und „werden Babys seekrank?“. 

Aber auch praktische Tipps für die Langfahrtgemeinde werden weitergegeben: Tipps fürs Baby an Bord, Austausch von Solarpanels und „wie erhalte ich ein Super Fast Internet an Bord?“ Während des Lockdowns werden mit solchen Themen immerhin wieder zwischen 170 und 230.000 Klicks pro wöchentlichem Video erreicht. Und ein Bericht, der über die Drei von „Exploring Alternatives“ gedreht wurde, bei dem sie ausführlich ihr Boot erklären und zudem reichlich Tipps für angehende Blauwassersegler verteilen, schaffte in kürzester Zeit 5,4 Millionen Klicks. 

Wie es aussieht, leben Karin, Brian und ihr Baby also weiter ihren ganz persönlichen Traum und begeistern damit Hunderttausende andere Segler und Fernwehsüchtige.

Doch die Zielgruppe wird sich zwangsläufig ändern, oder? Es sei denn, Brady schaut zwischendurch vorbei und mischt die Delos Crew mal wieder so richtig auf. 

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