Sydney Hobart Rückweg: Drei Notrufe in 30 Minuten – Kiel abgebrochen – Buschfeuer

"Wie im Mad-Max-Film"

Die moderaten Bedingungen bei der jüngsten Ausgabe des Rolex Sydney-Hobart-Races mochten darüber hinwegtäuschen, dass die Regatta nach wie vor in einem der extremsten Seegebiete der Welt stattfindet. 1998 verloren schließlich sechs Segler ihr Leben. Diesmal hat die notorische Bass Strait den Crews insbesondere bei der Rückfahrt die Zähne gezeigt. 50 Knoten Wind brachten Mensch und Material ans Limit.

Die Ker 40 “Showtime” beim Sydney Hobart. © Rolex

Gleich drei Yachten setzten bei der Rücküberführung innerhalb von 30 Minuten Notrufe ab. Kurz nach 3 Uhr in der Nacht vermeldete die Jarkan 925 “Gun Runner” eine Notlage. Das zweitkleinste Schiff beim Sydney Hobart, das zu Ausbildungszwecken von der australischen Marine betrieben wird, erlitt einen Mastbruch. Fünf Minuten später meldete die Murray 42 “Secret Men’s Business” zwei Verletzte an Bord.

Da war die Rettungsmaschinerie schon in vollem Gange. Denn 20 Minuten zuvor hatte die siebenköpfige Crew der Ker 40 “Showtime” auf halbem Weg zwischen Sydney und Melbourne eine besondere Dramatik erlebt. Im schweren Seegang war der Kiel abgebrochen und die Yacht durchgekentert.

Den Seglern gelang es, sich rechtzeitig vom umstürzenden Rumpf zu befreien aber sie konnten die Rettungsinsel nicht mehr bergen. Sie schwammen mit ihren Rettungswesten neben dem Boot und versuchten sich am wild stampfenden Rumpf festzuhalten. “Das Schiff schien, uns alle zu töten zu wollen”, erzählt Navigator Rob Buchanan später. Ein Besatzungsmitglied wurde schwer am Kopf getroffen. Die Lage spitzte sich zu.

Die “Showtime”-Crew in der Rettungsinsel.

Dann überwand sich Mitsegler Christian Charalambous “zur mutigsten Tat, die ich je erlebt habe”, sagt Buchanan. Er zog die Weste aus, die ihn über Wasser hielt, und tauchte unter das Schiff, wo er das Rettungsfloß aus seiner Halterung zerrte. Die gesamte Crew konnte sich auf die Insel wuchten. Dort löste sie das Notsignal  aus. Nach drei Stunden wurde sie gerettet.

Eine Hubschrauber-Besatzung hatte die Schiffbrüchigen am frühen Morgen entdeckt. “Wir hatten Glück, dass wegen der Brände so viele Rettungskräfte in der Nähe waren.” Über diese Nähe zum Inferno auf dem australischen Festland hatten alle Rückkehrer berichtet.

Erschöpft in der Rettungsinsel.

Buchanan beschreibt die Bedingungen am Tag vor dem Unglück gegenüber einheimischen Medien. “Als wir auf halber Strecke durch die Bass-Strait segelten, trafen wir auf die Rauchwolke. Wir fühlten uns wie in einem post-apokalyptischen 80er Jahre Mad-Max-Film. Um 17 Uhr war es stockdunkel.”

Wie es zum Abbruch des Kiels kommen konnte, ist bisher ein Rätsel. Es dürfte wohl erst gelöst werden, wenn die Bergungsoperation der kopfüber vor der Küste treibenden Yacht erfolgreich verlaufen ist. Der Versicherer soll einen Versuch angekündigt haben, sobald die genaue Position festgestellt wurde und sich die See beruhigt hat.

Die Ker 40 hoch am Wind mit der Crew auf der Kante. © Rolex

Bei der Ker 40 handelt es sich um einen speziell auf die Handicap-Regel IRC zugeschnittenen Racer. 2018 soll “Showtime” insbesondere für das aktuelle Sydney-Hobart ein spezielles Optimierungsprogramm durchlaufen haben. Das beinhaltete unter anderem einen tiefer reichenden, leichteren Kiel, einen längeren Bugspriet und verbesserte Segelgarderobe.

“Gun Runner”, die mit 9,3 Metern Länge zweitkleinste Yacht beim Sydney Hobart 2019, rettet sich nach einem Mastbruch nach Eden. Der Himmel ist von den Feuern rot gefärbt.

Eine ganz andere Odyssee hat die Crew der kleinen “Gun Runner” erlebt, die bei ihrem ersten Sydney-Hobart zum Publikumsliebling wurde. Nach dem Mastbruch erreichten sie aus eigener Kraft um 5 Uhr morgens den Hafen von Eden an der Nordost-Spitze Australiens. Aber auch dort war es nicht sicher. Gegen Mittag mussten sie evakuiert werden. Die Buschfeuer kamen immer näher.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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