Tödlicher Unfall: Mann über Bord , Rettungsweste funktioniert nicht, Segler ertrinkt

Beweisstück verbrennt im Krematorium

Funktionieren Automatik-Schwimmwesten wirklich zuverlässig? Der Chicago Yacht Club lässt das nach dem Unfalltod eines Clubmitglieds derzeit genauer untersuchen. 

Schwimmweste, Todesfall, Chicago

Jon Santarelli ertrank , nachdem er über Bord einer TP 52 fiel – seine Schwimmweste hatte sich nicht aufgeblasen © ABC7 chicago

Seglern stellen sich essentielle Fragen nach einem tragischen Unfall während des Chicago to Mackinac Race. Fragen, die wohl nie beantwortet werden, weil das wichtigste Beweisstück auf kuriose Weise zerstört wurde. Offizielle, von entsprechenden Behörden geführte Untersuchungen fanden gar nicht erst statt – nur der ausrichtende Chicago Yacht Club zeigt sich hartnäckig und nimmt nun eine eigenständige Untersuchung vor.

So passierte das Unglück im Sommer: Jon Santarelli segelte das Chicago to Mackinac Race an Bord der TP 52 „Imedi“. Kurz nach dem Start der 110. Ausgabe der Langstreckenregatta auf de Michigansee herrschten Windstärken von 20 – 25 Knoten. „Imedi“ segelte am Wind in einer kurzen, sechs bis acht Fuß hohen Welle. Normaler Regattamodus für Crew und Boot.

Nach Aussagen der Crew trimmte Santarelli kurz vor dem Unfall ein Segel mit Streckern, die hinter dem Steuerstand verlaufen. Außer Santarelli und dem Steuermann ritten alle Crewmitglieder auf der Luvkante aus. Santarelli war nicht mit einer Lifeline gesichert. Er verlor bei einer heftigen Schiffsbewegung den Halt, rutschte unter Reling am offenen Heck durch und fiel über Bord.

Nicht angeleint

Wie alle Crewmitglieder trug Jon Santarelli eine automatische Schwimmweste, die mit einem hydrostatischen Auslöser ausgestattet war, der bei anhaltendem Eintauchen ins Wasser die Schwimmweste über eine CO2-Kartusche aufblasen sollte – ein Schwimmwesten-Typ also, der weltweit von Wassersportlern millionenfach verwendet wird. Die Weste war auch mit einer AIS (Automatic Identification System)-Bake ausgestattet. Santarelli trug Offshore-Ölzeug.

Die Crew bemerkte den Unfall sofort, markierte die Unfallstelle mittels MOB-Schalter, ein Crewmitglied hielt den Verunglückten im Auge während die restliche Crew ein „Quick-Stop“-Manöver. Es dauerte weniger als eine Minute. 

Zwei Mal näherte sich die „Imedi“ dem Verunglückten bis auf wenige Meter. Dabei sahen die Crew-Mitglieder, dass Santarellis Schwimmweste nicht aufgeblasen war. Sie warfen ihm weitere Schwimmkörper/Rettungsringe zu, die Santarelli allerdings schwimmend nicht erreichen konnte. Während der dritten Annäherung ging Santarelli vor den Augen seiner Crewkameraden unter. Er tauchte nicht wieder auf. 

Eine spätere Untersuchung der „Imery“-Software zeigt, dass zwischen dem ersten Rettungsmanöver und dem Ertrinken des Seglers nicht mehr als sechs Minuten vergangen sind.

In der Zwischenzeit waren acht in der Nähe segelnde Yachten aufgrund des abgesetzten Notrufes und mitgehörten Funkverkehrs an der fogenden Suchaktion beteiligt. Ebenso die Chicago Coast Guard, die Polizei und die Feuerwehr von Chicago – u.a. mit Unterstützung aus der Luft. Santorelli blieb zunächst unauffindbar. 

Warum funktionierte die Rettungsweste nicht?

Erst eine Woche später wurde seine Leiche entdeckt. Nach eigenen Aussagen bat der Chicago Yacht Club sofort die Küstenwache um nähere Informationen. Die zentrale Frage: Trug Santarelli eine Rettungsweste? Wenn ja,  hat sie sich aufgeblasen? Bei einem Gespräch mit dem zuständigen medizinischen Team wurde bestätigt, dass Santarelli eine Weste trug. Der Aufblasmechanismus war aber offensichtlich nicht in Gang gesetzt worden.

Als die Küstenwache weniger als zwei Tage später schließlich die Weste näher untersuchen wollte, um so herauszufinden, warum das Rettungsmittel nicht funktionierte, wurden sie vor wahrhaft vollendete Tatsachen gestellt: Die Weste war in der Zwischenzeit auf ausdrücklichen Wunsch der Familie gemeinsam mit dem Leichnam im Krematorium verbrannt worden!

Schwimmweste, Todesfall, Chicago

Die Crew der “Imedi” © mews

Immerhin blieb die CO2-Kartusche zurück. Die Küstenwache kam nach eingehender Untersuchung des Utensils zu dem Schluss, dass der Mechanismus tatsächlich nicht ausgelöst hatte. Es entstand also genau das Problem, das sich die Pessimisten unter den Seglern sich immer wieder ausmalen: Man fällt ins Wasser, die Automatik funktioniert nicht und selbst wenn man an der Sicherungsleine zieht, um das Aufblasen der Weste manuell zu aktivieren, passiert… nichts! 

Welche Marke, welcher Funtkionstyp? Man wird es wohl nie erfahren!

Prompt ging ein Aufschrei durch die amerikanische Segelwelt. Man wollte wissen, um welche Marke es sich bei der offenbar tödlich, fehlerhaften Weste handelte und verlangte nähere Untersuchungen. 

Doch die Polizeibehörden fühlen sich nicht zuständig, weil sie Santorellis Tod als Unfall deklarierten. Und auch die US-Küstenwache hat offenbar nur beschränkte Unfall-Untersuchungsbefugnisse, sofern es sich nicht um Unfälle auf kommerziellen Schiffen handelt.

In Santorellis Fall müsste man weitere Untersuchungen lokalen Gerichtsbarkeiten überlassen. 

Nur: Was gibt es noch zu untersuchen? Beweismittel Nr. 1 wurde säuberlich verbrannt und an die Schwimmwestenmarke oder an den Schwimmwesten-Typ können sich weder die Crew der „Imedi“ noch Santorellis Familienmitglieder erinnern.

Seitens der Crew war zu erfahren, dass Santorellis Weste kein leicht erkennbares Branding hatte, im Gegensatz zu den meisten anderen Modellen, auf denen die Marke oder ein Logo oft großflächig aufgedruckt sind. Doch der Chicago Yacht Club will sich mit alledem noch nicht zufrieden geben. 

Gemeinsam mit der der US-Küstenwache wurden (nach Aussagen eines CYC-Sprechers) bisher Fragen zu Wartungsverfahren für automatische Schwimmwesten besprochen, etwaig notwendige Schulungen zur Verwendung der manuellen Back-Up-Systeme diskutiert und eine eingehende , vom CYC offenbar finanzierte Untersuchung der gängigsten Automatik-Westen-Systeme in die Wege geleitet. Im Besonderen sollen dabei folgende Punkte überprüft werden:

  • die Zuverlässigkeit der bestehenden automatischen Aufblasfunktionen in unterschiedlichen Modellen von diversen Anbietern
  • Wie die Schwimmwesten gemäß der Herstellerichtlinien gewartet werden
  • Die Effizienz sekundär oder tertiär einzusetzender, manueller Aufblastechniken

Die Untersuchung soll im Januar 2019 vom CYC vorgestellt werden. 

Eine Untersuchung, die Santorelli zwar nicht mehr lebendig machen wird, vielleicht jedoch einen Nutzen aus seinem Tod ziehen kann. Hut ab jedenfalls vor der Hartnäckigkeit des Chicagoer Yachtclubs!

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Ein Kommentar „Tödlicher Unfall: Mann über Bord , Rettungsweste funktioniert nicht, Segler ertrinkt“

  1. avatar Rainer sagt:

    Bei einem Sicherheitstraining vor einigen Jahren gingen bei ca. 15 Teilnehmern 3 Westen nicht oder nur sehr vespätet auf. (Inkl. meiner eigenen neuen).
    Ein Hoch auf Feststoffwesten…

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

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