Umwelt: Seerotz im Marmarameer – Droht die „Schleimplage“ auch bei uns?

Teppich aus Schleim

Seit Wochen wächst im Marmarameer bei Istanbul ein graubrauner Algenschleimteppich, der dickflüssig an der Wasseroberfläche wabert, Boote umhüllt und den Meeresboden überzieht. Auch das angrenzende Schwarze Meer und die nördliche Ägäis sind betroffen. Das Problem ist menschengemacht.

Istanbul Anfang Juni © Huseyin Aldemir / Shutterstock

Es ist nicht das erste Mal, dass sogenannter „Meeresrotz“ im kleinen Marmarameer gesichtet wird. Nie allerdings war das Ausmaß so groß wie in diesem Jahr. Forscher vermuten zudem, dass der Höhepunkt erst in den heißen Sommermonaten erreicht wird. Der durch Algen verursachte Schleimteppich sorgt deshalb für Aufsehen. Selbst Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan meldete sich bereits zu Wort und verkündete den Kampf gegen die „Schleimkatastrophe“.

Die zähe Substanz ist ein Ausscheidungsprodukt mancher Algen und gefährdet bei Istanbul diverse Meeresorganismen, macht das Fischen und Schwimmen nahezu unmöglich. Wegen Krankheitserregern, die im Schleim gefunden wurden, wird vom Baden in den betroffenen Gebieten bereits dringend abgeraten.

Die langjährige Verschmutzung und die Erwärmung des Binnenmeeres sind zwei Faktoren, die das Wachstum der Algen begünstigen, so die Vermutung der Experten. „Algenblüten sind eigentlich eine natürliche Sache, aber der Mensch heizt durch ungeklärte Abwässer, Entwaldung und Überdüngung in der Landwirtschaft diese Algenblüten enorm an. Die Klimakrise verschärft die Situation“, erklärt Meeresbiologe und Forschungstaucher Philipp Kanstinger im Blog des WWF Deutschland. Die außer Kontrolle geratene Algenblüte setze einen Teufelskreis in Gang. Beim Abbau der Algen durch Bakterien werde dem Wasser Sauerstoff entzogen. „Dadurch entstehen Todeszonen. Keine höheren Lebewesen können hier überleben.“

Die Anzahl solcher „Todeszonen“ in den Meeren steigt seit Längerem. Die Vereinten Nationen schlugen deshalb kürzlich bereits Alarm. „Besonders betroffen sind Meeresgebiete ohne wirklich großen Wasseraustausch, wie das Marmarameer oder eben auch die Ostsee, wo sich einige der weltweit größten Todeszone befinden“, so der Meeresbiologe von WWF.

Bei Prognosen für andere Regionen in Bezug auf das Thema „Seerotz“ herrscht noch Zurückhaltung, einige Forscher gehen allerdings davon aus, dass sich das im Marmarameer auftretende Phänomen mit der zunehmenden Erderwärmung ausbreiten könnte. Von steigenden Temperaturen und Überdüngung sind jedenfalls auch Nord- und Ostsee betroffen. Kanstinger meint: „Der Meeresrotz und ähnliche Krankheitsbilder sind ein globales Problem.“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sechzehn − 5 =