Borrinks´Bastelecke: Lose Groß-Klemme, was tun?

"...und dann nehme ich die Kokainwaage..."

Von Andreas Borrink

Das Problem: Die Schraube der Großschot-Klemme dreht im Deck durch, weil die Bohrlöcher nicht halten. © A. Borrink

Am Abend vor dem ersten Start checke ich – hoffentlich! – noch mal das ganze Boot. Wär’ doch schade, wenn meine Ambitionen auf eine Top-Platzierung schon vor dem ersten Start von einem weggeflogenen Beschlag pulverisiert würden …..

Stelle dabei fest, dass die Steuerbord Großschotklemme wackelt. Ein Tief mit ordentlich Druck in der Luft naht, und ich möchte die Schot nicht aus der Hand fahren. Also nehme ich den Schraubendreher und würge die Schrauben fest. Sie drehen natürlich durch. Jetzt ist die Klemme ganz lose. Verdammt. Die Schrauben – selbstschneidende Blechschrauben, wo mein Boot ja auch aus Blech ist – haben sich aus dem dünnen Glaslaminat gelöst. Die eingesetzte Sperrholzplatte ist vergammelt. Was nun?

Ganz einfach. Bastelstunde:

–       Klemme abschrauben.

–       Löcher auf 10mm aufbohren.

–       Löcherränder auf Laminatstärke anfasen (Kegelkopfsenker, notfalls Rundfeile).

–       Trocken fönen, dabei nicht verbrutzeln (Heißluftgebläse, notfalls Haartrockner)

Klemme abschrauben, Löcher aufbohren, Ränder auffeilen. © A. Borrink

Jetzt wird es fummelig:

–       Von hinten die Löcher laminatbündig zutapen.

–       Wenn das nicht geht mangels Inspektions-Luk, muss ich ein Stück Pappe oder ähnliches durch das 10er Loch friemeln. Mit einem Faden kann es an die Laminat-Unterseite gezogen werden.

–       Sinn der Aktion: Ich brauche einen „Deckel“ am Boden des Loches, der verhindert, dass ich mein Boot vollständig mit Klebemasse fülle.

–       Zum Schluß tape ich die Löcher rundum ab, damit ich nicht alles einsaue.

Stück Pappe durch die Öffnung friemeln und als Verschluss mit einem Faden nach oben ziehen. © A. Borrink

Nun kommt der chemische Teil:

–       Epoxydharz (und nur das, kein Polyester, das „hebt net“, wie der Schwabe sagt) nach Herstellerangabe anrühren (sauberer Yoghurtbecher, Holzmundspatel aus der Apotheke), bevorzugt mit schnellem Härter. Ich will ja morgen segeln.

–       Dabei muss ich das Mischungsverhältnis GENAU (Bedienungsanleitung lesen – nicht wegschmeißen, ist ja kein IKEA-Möbel) einhalten. Das geht nur mit einer Waage.

Dafür habe ich mir eine Kokainwaage aus Hongkong bei Ebay gekauft. Misst auf ein 100stel Gramm genau, kostet einen 10er. Gut investiertes Geld. Der Sinn liegt dabei nicht allein in der Genauigkeit, sondern vor allem darin, dass ich auch kleine Mengen genau anrühren kann und nicht immer das meiste von dem teuren Epoxy in die Tonne treten muss.

Kokain-Waage für zehn Euro bei Ebay. © A. Borrink

–       Nach dem ich gründlich umgerührt habe – wirklich gründlich – , füge ich der Mischung etwas Aerosil hinzu, dass habe ich mir zusammen mit dem Epoxy bei einem Fachhändler besorgt. Damit stelle ich die Mischung „thixotrop“ ein, also etwa wie Rotz.

–       Zum Schluss kommen noch ein paar Hiebe Mikrofasern (Baumwollflocken) hinzu, ebenfalls vom Fachhändler.

–       Die Mischung sollte etwa die Konsistenz von zimmerwarmer Nuss-Nougatcreme haben (nur wo Sch…. draufsteht, ist auch Epoxy drin).

Jetzt die Reparatur:

–       Das angerührte Zeug schmiere ich mit einem Holzmundspatel (würg!) in die Trichterförmig ausgearbeiteten Löcher und widerstehe der Versuchung, davon zu kosten. Dabei massiere ich es ein wenig ein, damit es schön in die porösen Lochränder eindringt.

–       Die Oberfläche ziehe ich mit dem Spatel flächenbündig ab.

–       Ich ziehe LANGSAM ab, denn sonst entsteht eine Vertiefung und ich muss ein zweites Mal auftragen.

–       Das Tape ziehe ich gleich ab, denn sonst klebt es am Harz und ich muss es in Mikrostückchen abpulen.

–       Fertig.

Das Gemisch "mit der Konsistenz von zimmerwarmer Nuss-Nougatcreme" wird in die Öffnung gefüllt. © A. Borrink

Jetzt noch aushärten:

–       Da ich schnellen Härter verwendet habe, fange ich jetzt nicht gleich panisch das Fönen an! Damit würde ich meine Reparatur nämlich gleich wieder ruinieren, weil das Harz zu kochen begänne.

–       Ich bin vielmehr ganz cool und lasse das Zeug erstmal anhärten (bei 15-20°C ca. 2-3 Stunden).

–       Jetzt kann ich – moderat – fönen. Oder ich stelle einen Heizlüfter vor die Reparaturstelle (die Feuerwehr erreiche ich übrigens unter 112).

–       Die Oberflächentemperatur sollte nur gut handwarm werden, also nicht mehr als 40-50°C.

–       Nach einer Stunde kann ich mit dem Heizen aufhören, denn jetzt ist die Mischung endfest.

Reparatur Kit aus dem Fachhandel. © A. Borrink

Klemme wieder festschrauben:

–       Am nächsten Morgen setze ich die Klemme wieder an ihren Platz, zeichne die Löcher an und Bohre – schön mittig in der Reparaturstellen – neue Löcher.

–       Ich gönne mir neue Schrauben (aus VA natürlich), weil die alten vergnaddelt sind. Und zwar Schrauben für GFK, die gibt es und die sehen ein bisschen anders aus als Blechschrauben.

–       Den Lochdurchmesser wähle ich GENAU entsprechend dem Kerndurchmesser der Schrauben. Zu kleine Löcher sind fatal, weil ich dann beim Eindrehen die Lochränder wegfräse. Hält nicht.

–       Zu große Löcher sind auch fatal, erklärt sich wohl von selbst. Hält auch nicht.

–       Ich würge die Schrauben auch nicht an, bis der Arzt kommt, sondern lasse Gefühl walten.

–       Nach der ersten Wettfahrt ziehe ich sie noch mal nach.

Handschuhe gegen Epoxy-Krätze. © A. Borrink

So, jetzt muss ich nur noch frei starten und etwas höher und dafür schneller als der Rest auf die richtige Seite fahren.

Achtung: Diese Reparatur eignet sich nur für Krafteinleitungen, die parallel zur Befestigungsebene (Schub) wirken, also typischerweise Klemmen für Groß- und Fockschot.

Reparaturen von rechtwinklig auf die Befestigungsebene belasteten Beschlagsverschraubungen (Zug – also z.B. Fußblöcke, Spischotumlenkrollen, Fallblöcke etc.) erfordern den Einsatz von Faserverstärkungen und Gegenplatten.

Aber das kriegen wir in der nächsten Ausgabe.

Schlussbemerkung: Ich kann dieses Epoxyzeug nicht ab, darum trage ich bei der Arbeit Einweghandschuhe, Modell Chirurg. Außerdem vermeide ich es, stundenlang mit der Nase an dem noch frischen Harz zu schnüffeln. Mit diesen Maßnahmen bekomme ich auch keine Epoxykrätze mehr.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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5 Kommentare zu „Borrinks´Bastelecke: Lose Groß-Klemme, was tun?“

  1. avatar Mirek sagt:

    Großartig und aus dem Leben.

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  2. avatar Matti sagt:

    … und ne Kokainwaage kann man ja immer mal gebrauchen – LOL!
    Wurde die in der Bucht auch so angeboten?
    Wunderbar lieber Andreas – danke! Und zeichnerisches Talent haste obendrein – schlummern da noch mehr verborgene Talente?
    Ach ja, außerdem fühle ich mich an alte Surfbrettbauzeiten erinnert – schief!

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  3. avatar Manfred sagt:

    …selten so geschmunzelt am frühen Morgen. Direkt aus dem Seglerleben und wieder was gelernt nebenbei. Freundliche Genehmigung vorausgesetzt, werde ich das mal mit unserer FB Seite verlinken. Das erhöht die Zugriffe beim Fachpublikum, was ja zum Wochenende nicht schaden kann.

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  4. avatar Christian Kille Seeger sagt:

    Dr. Borrink,

    machen Sie auch Haus-(boot) besuche? Habe da eine Käthe in Niendorf…
    Gruß

    Kille

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  5. avatar pl_johaa sagt:

    Einweghandschuhe “Modell Chirurg” sind normalerweise aus Latex und schützen kaum. Daher besser auf Einweghandschuhe aus Nitril ausweichen, die sind chemikalienfest.

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