Unglück: Warum lief der verunglückte Katamaran aus? – Skipper und Hafenverwaltung streiten

"Viele falsche Informationen"

Die dramatische per Video publizierte Strandung des 12-Meter-Katamarans “Vamos” sorgt immer noch für Kopfschütteln in der Szene. Hatte der Hafenmeister wirklich eine Warnung ausgesprochen? Der Skipper weist das zurück.

Der zerstörte 12-Meter-Katamaran am Strand von Ostia.

Wie ist es dazu gekommen, dass die brasilianische Crew mit ihrem Fahrtenkatamaran den Hafen von Ostia bei widrigen Bedingungen verlassen hat? Die Hafenverwaltung bemüht sich vehement, den Gedanken an eine mögliche Mitschuld gar nicht erst aufkommen zu lassen. Sie weist schnell per Presseerklärung auf die professionelle Rettungsoperation hin, wodurch die Leben der drei Segler am 2. Januar gerettet werden konnten.

So wird auch erklärt, dass um 8:00 Uhr am Morgen ein Funkspruch eingegangen ist, mit dem die Crew um Unterstützung beim Ablegen von der Mooring bat. Daraufhin soll der Mann im Tower den Skipper dreimal darauf hingewiesen haben, dass das Wetter zu schlecht sei für ein Auslaufen.

Disziplinarische Maßnahmen eingeleitet

Die “Vamos”-Crew sei aber nicht von ihrem Vorhaben abzubringen gewesen, und so half das Marina-Personal beim Lösen der Mooring und habe später die fatale Passage der Ausfahrt gefilmt. Der Katamaran schlug quer und wurde auf die Steine geworfen.

Um 8:20 Uhr ging der Mayday Ruf über Kanal 16 ein. Ein Rumpf sei Leck geschlagen und die Steuerbord-Maschine ausgefallen. In der Folge diente der Marina Tower als Relay Station für die Kommunikation mit der Küstenwache. Ein Mitarbeiter soll dem Skipper beraten haben, wie er das Leck verstopfe.

Dann sei die Ausfahrt von Mitarbeitern per Smartphone gefilmt und mit unangemessenen Kommentaren versehen in den sozialen Netzwerken veröffentlicht worden. Entsprechend wurden disziplinarische und juristische Maßnahmen gegen eine Person eingeleitet.

Unglück-Skipper äußert sich

Die Marina-Verwaltung hat offenbar Angst um ihren Ruf, und tatsächlich gibt es nun Zweifel. Denn der Skipper des Unglückskatamarans Rodrigo Nery hat sich auf der italienischen Website Solovela zu der Darstellung in der Presseerklärung geäußert. Sie enthalte “viele falsche Informationen”.

So habe es nur einen Funkkontakt mit dem Marina-Personal um 7:30 Uhr gegeben, bei dem es um eine Schlüsselübergabe gegangen sei. “Ein Mann hat den Schlüssel abgeholt und gesagt, ich solle vorsichtig mit den Wellen sein und mich bei der Ausfahrt nahe des grünen Lichtes halten.”
 
“Ich bin auf die Wellen gerade zugesteuert, aber eine brach über der rechten Seite und ich bekam das Schiff nicht mehr in die richtige Richtung. Die nächsten drei Wellen schoben mich auf die Felsen. Dabei kam es schnell zum Wassereinbruch und die Steuerbord-Maschine fiel aus. Ich rief per Funk den Tower und sie versprachen Hilfe in 15 Minuten.

Danach gab es keine Konversation mehr mit dem Tower. Anders als dargestellt berieten sie uns nicht, mit welchen Manövern wir uns von den Steinen befreien könnten oder wie wir das Leck verstopfen sollten.  Ich selber habe entschieden, die Genua auszurollen, um Abstand zu bekommen.”

Entscheidende Frage nicht beanwortet

Durch dieses Manöver bekam der Katamaran genügend Abstand von der felsigen Küste mit den brechenden Wellen, und es gelang dem Rettungsboot, nahe genug heranzukommen, um die drei Personen abzubergen. Der Kat trieb danach an Land und wurde von der Brandung zerschlagen.

Der Disput mag das Marina-Personal nicht im besten Licht erscheinen lassen. Aber er gibt nicht die Antwort auf die entscheidende Frage, warum der Skipper trotz brechender Wellen in der Einfahrt den Hafen verließ. Eine offizielle Warnung des Hafenmeisters wäre zwar nett, aber es ist sicher auch in Italien nicht seine Pflicht.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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3 Kommentare zu „Unglück: Warum lief der verunglückte Katamaran aus? – Skipper und Hafenverwaltung streiten“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Es gibt nur einen, der an Bord die Entscheidungen trifft, und das ist der Kapitän. Punkt-Aus-Ende. Es ist deshalb auch total egal, was der Hafenmeister gemacht oder nicht gemacht hat.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar Dr. Götz Stegmüller sagt:

    Falls es der Porto Turistico de Roma /500 m von Fiumicino ist, so kenne ich die Unglücksstelle, und weiß, dass die Anfahrt, aber auch die Ausfahrt dieses Hafens bei nur 1 m hoher Welle vor dem Hafen tatsächlich purer Stress ist. Ich musste damals unbedingt rein, aber hatte selbst Panik; ein Querschlagen beim “Surfen auf einer Welle in den Hafen”, und ich wäre selbst auf einem Felsen gelandet.

    Die italienischen Hafenbehörden sind zwar aus meiner Erfahrung zwar wirklich nur beim Abzocken kompetent, aber der Fastnetwinner hat völlig Recht: Es liegt in der Verantwortung des Kapitäns die Situation und das Wetter richtig einzuschätzen.. Selbst wenn der Tower/bzw. die Marina nichts gesagt hätten, (hier scheinen sie immerhin abgeraten zu haben), würde die Havarie wohl kaum der Marina anzulasten sein.

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  3. avatar prospero sagt:

    Nein, so einfach ist das nicht. Die Punkt-Aus-Ende-Basta-Mentalität ist vollkommen überholt. Für die Bundesmarine im Gefecht mag das immer noch ein Führungsmodell sein, auf Yachten ist es aber so, dass kompetente Crewmitglieder durchaus eine Mitverantwortung für die Schiffsführung haben – wenngleich der Schiffsführer natürlich das letzte Wort hat. Die Mitsegler hätten den Skipper von seinem Vorhaben abhalten müssen, wenn es der Hafenmeister schon nicht geschafft hat.

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