“Berühmtes” Blitz-Video: Wie die Yacht beschädigt wurde – Eigner dachte an Witz

"Ohrenbetäubender Donnerschlag"

Das Video vom Blitzeinschlag auf einer Yacht im Hafen von Boston ging um die Welt. Auch der Spiegel hatte berichtet. Nun blickt der Eigner zurück auf die Ereignisse, erklärt, was passiert ist und was man daraus lernen kann.

Drew Plominski hatte sich lange auf das Abenteuer vorbereitet. Er wollte erstmals beim 363 Meilen Rennen von Marblehead nach Halifax teilnehmen, ein Klassiker, der 1905 erstmals startete und 2019 noch 67 Yachten zwischen 30 und 70 Fuß auf die Meldeliste bringt. Plominskis Bristol 29.9 “Perseverance” würde die kleinste Yacht sein – eine echte Herausforderung.

Die Crew war aus Seattle, San Francisco und der Südküste von Massachusetts nach Boston gekommen, um die Yacht vorzubereiten. Dieses Rennen sollte das erste für das Boot sein, und der Skipper stellte zum ersten Mal ein Offshore-Programm als Eigner und Verantwortlicher zusammen.

In einem Bericht für den Cruising Club America reflektiert er die nun folgenden Ereignisse: “Wir hatten gerade alle unnötigen Ausrüstungsgegenstände an Bord entfernt und machten eine Pause, um einen sich schnell nähernden Sommersturm abzuwarten. Wir gingen die Straße zu meinem Haus hinauf, wollten den Rest unserer persönlichen Ausrüstung abholen, einen Happen essen und dann den Rest der Vorräte herunterbringen, sobald der Regen nachlassen würde.”

Vor dem Einschlag sieht alles friedlich aus im Dorchester Bay Hafen von Boston…

…Dann kracht es auf der 29.9 Fuß Yacht…

…Funkenflug nach dem Einschlag.

Das Wetter schlug um, kurz nachdem die Wohnung erreicht war. Der Regen ergoss sich in Sturzbächen über die Straßen. “Plötzlich erschütterte ein ohrenbetäubender Donnerschlag die Struktur des Hauses. Weniger als eine Minute später erhielt ich einen Anruf von einem Freund, der im Yachtclub geblieben war, um den Sturm von der sicheren Veranda des Clubs aus zu beobachten. Er fragte mich, ob ich den Knall gehört hätte. Ein Blitz habe den Mast meines Bootes getroffen, das wir Minuten zuvor verlassen hatten. Ich glaubte ihm nicht. Dachte, an ein witziges Geplänkel zwischen Bootsbesitzern.”

Aber dann rannte Plominski doch zum Yachtclub hinunter, um das Schiff zu inspizieren, in der Hoffnung, dass dies nur ein Scherz war. Tatsächlich lag das Schiff genauso am Steg wie es die Crew eine Viertelstunde zuvor verlassen hatte.  Auch eine schnelle visuelle Inspektion ergab keine offensichtlichen Schäden. Keine Anzeichen für ein Feuer.

“Dann öffnete ich die Kajüte. Die Innenbeleuchtung funktionierte. Es roch leicht nach Rauch, aber alles schien in Ordnung zu sein.” War es doch ein Witz?

Kein größeres Leck

Er habe nicht genau gewusst, wo er anfangen sollte nach Schäden zu suchen, sagt der Eigner. Er hätte Blitz-Geschichten gehört, denenzufolge Borddurchlässe direkt aus dem Rumpf heraus gesprengt worden seien. “Deshalb öffnete ich schnell die Bodenbretter. Aber die Bilge war relativ trocken. Es gab offenbar kein größeres Leck.”

Die Schäden schienen bis auf eine Menge durchgebrannter Sicherungen minimal zu sein. Plominski hatte schon befürchtet, das Rennen absagen zu müssen, das er seit mehr als 18 Monaten vorbereitet hatte. Den gesamten Winter und Frühling hatte er damit verbracht, seine Yacht auf den Standard zu bringen, der vom Veranstalter gefordert ist. Nun schöpfte er wieder Hoffnung.

Zu früh gefreut. Denn die weitere Untersuchung ergab, dass der Blitz offenbar die Funk-Antenne im Mast getroffen hatte. “So wurde alles zerstört, was mit dem Hauptschaltpult verbunden war. Auch die neue VHF-Funk-Einheit, die mir meine Frau zum Geburtstag geschenkt hatte.”

Totalschaden

Ohne Funk, AIS oder GPS war das Rennen nicht zu segeln. “Ich musste auch erkennen, dass es nicht klug wäre, das Boot ohne eine weitere gründliche Inspektion auf ein Langstreckenrennen zu führen. Wir informierten das Rennkomitee per E-Mail, einschließlich des ‘berühmten’ Videoclips, den ich inzwischen gesehen hatte, dass wir uns von der MHOR 2019 zurückziehen müssen.”

Es folgte die schnelle Untersuchung eines Sachverständigen der Versicherung vor Ort. Das Ergebnis: Unter Aussparung möglicher Schäden an der Rumpfstruktur war der Gesamtschaden an der Elektronik und der Takelage größer als der Wert des 42 Jahre alten Bootes. Totalschaden. “Wir sind sehr traurig. Sie hat uns vier Saisons lang viel Freude bereitet.”

Aber was wäre passiert, wenn der Blitz mitten im Rennen 100 Meilen vor der Küste eingeschlagen hätte? Plominski macht sich darüber seine Gedanken. Er wäre auch ohne die Bord-Elektonik zum nächsten Hafen gekommen. Ein tragbares VHF, eine Ersatz-Antenne und ein mobiles GPS-Gerät seien Teil der Notfallausrüstung gewesen. Und ihm sei nun bewusst, wie viel Sinn das macht. Es müsse redundante Systeme geben, die nicht an das elektrische System des Bootes angeschlossen sind.

Genauso seien manuelle Frischwasser-Pumpen wichtig, um mindestens weitere 24 Stunden die Trinkwasser- und Lebensmittelzubereitung aufrecht halten zu können.
Aber man sollte wohl auch vor dem Törn für den Fall der Fälle einen Rettungsplan ausarbeiten. “Ich hatte keinen Plan, wohin ich im Notfall hätte abbiegen sollen. In Zukunft werde ich mir für verschiedene Punkte entlang der Strecke entsprechende sichere Häfen notieren.”

Zusammenfassung der Schäden:

  • Die Kabinenbeleuchtung funktionierte (nachdem die Sicherung ersetzt wurde). Die Kabinenlampen waren alle LED. Die Sicherung war an der Tafel nicht durchgebrannt.
  • Lauflichter funktionierten nicht (LED).
  • Der Motor startete, aber der Anlasser löste sich nicht. Brandgeruch nach dem Start und keine Anzeichen für die Aufladung der Lichtmaschine bei laufendem Motor.
    -Neue Zink-Welle  verbrannt. Farbe am Propeller geplatzt und abgeblättert.
    -Bilgenpumpe funktionierte nach dem Auswechseln der Sicherung auf der Schalttafel.
  • Ruß auf stehendem Rigg.
  • Centek Benmar Kurssetzer Autopilot-Kopf und -Antrieb sind durchgebrannt.

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *