Vis: Porträt der einst verbotenen kroatischen Insel

Titos Geheimversteck

Spätestens seit Vis als Kulisse für den Musical-Film „Mamma Mia 2“ diente, ist die Schönheit der kleinen mitteldalmatischen Insel international bekannt. Trotzdem sind ihre Städtchen und Buchten weniger überlaufen als die ihrer Nachbarinnen. Der Grund dafür liegt in der Geschichte der einst „verbotenen Insel“.

© Philine Lehmann

Wer die kleine, etwa 30 Seemeilen vor der kroatischen Küste liegende Insel ansteuert, merkt schnell: Vis ist ein wenig anders als die meisten anderen Inseln im Mittelmeer – ein wenig verschlafener, leerer, ruhiger, wenn auch längst nicht mehr so unberührt wie wahrscheinlich vor ein paar Jahren noch. Es ist Anfang September und noch sommerlich warm, aber Vis-Stadt wirkt von Weitem fast schon leergefegt. Weder am Strand noch in den Gassen am Hafen der Inselhauptstadt tummeln sich massenweise Touristen, auch wenn fast alle Liegeplätze an der Promenade belegt sind.

Wer sich aufmacht, die etwa 90 Quadratkilometer große Insel landseits zu erkunden, stößt irgendwann auf jene Spuren, die das Geheimnis von Vis verraten: Bunker, Tunnel, Höhlen. Relikte aus der Zeit von Tito. Relikte, die aufdecken, warum sich die kroatische Insel ein wenig Ursprünglichkeit bewahrt hat.

Strand im Fischerstädtchen Komiža © Philine Lehmann

Schon immer war Vis aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage weit draußen in der Adria militärisch bedeutsam – und umkämpft. So wurde die Insel im vierten Jahrhundert vor Christus von den Griechen besiedelt, die hier die Kolonie „Issa“ gründeten. Im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte wechselten die Herrscher. Die Römer nannten die Insel „Lissa“, bauten Thermen und Tempel. Aber auch die Venezianer, Österreicher, Engländer und Italiener prägten ihre Geschichte. Im Sommer 1866 wurde sie Schauplatz der berühmten Seeschlacht von Lissa, in der die österreichische Marine die Flotte Italiens besiegte.

Ende des Zweiten Weltkriegs flüchtete der Partisanenführer und spätere jugoslawische Präsident Josip Broz Tito nach Vis unter den Schutz der Briten. In der jugoslawischen Ära wurde die Insel schließlich als Marinebasis zum militärischen Sperrgebiet und mit einem kilometerlangen Stollen- und Bunkerlabyrinth versehen. Von nun an befand sie sich in einer Art Tiefschlaf – oder auch Zwangsisolation. Während andernorts das Geschäft mit den internationalen Gästen bereits boomte, durfte Vis von Ausländern viele Jahrzehnte lang nicht betreten werden. Erst vor knapp 30 Jahren änderte sich dies, und der Tourismus begann auch auf Vis, langsam Einzug zu halten. Doch dass die touristische Entwicklung jahrzehntelang stillstand, ist noch heute sicht- und spürbar.

Die Inselhauptstadt mit ihrer schönen Promenade ist die älteste Siedlung der Insel © Philine Lehmann


Essen & Trinken

Pa ti odoli

Unweit der Hafenpromenade von Vis-Stadt liegt das kleine, etwas unscheinbare Eiscafé „Pa ti odoli“. Die teils außergewöhnlichen Eissorten können vorher probiert werden und locker mit der italienischen Konkurrenz mithalten.

Gostionica Aerodrom

Uriges, kleines Weingut nahe der Bucht Stiniva mit einer wunderbar herzlichen Bedienung und ganz besonderen Atmosphäre. Geboten wird eine kleine Auswahl an guten Weinen und leichten Gerichten.

© Philine Lehmann

Konoba & Bar Lola

In einem hübschen Innenhof werden hier mitten in Vis-Stadt kreative, köstliche, aber auch etwas höherpreisige Fischkreationen serviert. Schon allein fürs Thunfischtartar lohnt sich der Besuch. Wer keine Riesenauswahl braucht und richtig gut essen will, ist hier richtig.


Vis-Stadt

Wenige Meter von unserem Liegeplatz an der Hafenpromenade in Vis-Stadt entfernt haben Landwirte aus der Umgebung jede Menge Obst und Gemüse auf kleinen Marktständen ausgebreitet. Während drei der Crewmitglieder lieber im Schatten an Bord bleiben, schlendern wir zu zweit am bunten Markt vorbei in Richtung eines kleinen Kiesstrandes, an dem eine Handvoll Einheimischer in der Sonne baden. Wenigstens die Füße noch einmal abkühlen, bevor es mit einem Jeep auf Erkundungstour quer über die Insel geht. Auf dem Weg kommen uns zwei britische Touristinnen mit mehreren Eistüten in der Hand entgegen. „Das bestimmt beste Eis Kroatiens“, erzählen sie und weisen uns den Weg durch die kleinen Gassen zum unscheinbaren Lädchen. Also auch schnell noch ein Eis, so viel Zeit muss sein.

Vis-Stadt liegt im Nordosten des kroatischen Eilands in der Bucht von Viška Luka. Schon beim Einlaufen wird die kleine Halbinsel Prirovo passiert, auf der gut sichtbar das Wahrzeichen von Vis – ein Franziskanerkloster – thront. Die Inselhauptstadt zählt knapp 2.000 Einwohner und besteht aus den beiden Ortsteilen „Luka“ im Westen und „Kut“ im Osten. In der kompakten Altstadt in „Kut“ sind einige prachtvolle Häuser und Paläste aus Renaissance und Barock erhalten. Spuren der einstigen griechischen Kolonie „Issa“ sowie der römischen Nachfolgestadt sind westlich des Hafens zu finden. Hinter einer Tennisanlage ist hier eine griechische Nekropole versteckt, und nicht weit entfernt können Fundamente römischer Thermen besichtigt werden. Weitere antike Funde sind außerdem im Archäologischen Museum in der ehemaligen Habsburger Hafenfestung aufgehoben. Wer sich für die frühe Inselgeschichte interessiert, sollte hierher einen Abstecher machen.

Die kleine Felseninsel „Hoste“ vor Vis-Stadt ist nach einem britischen Admiral benannt © Philine Lehmann

Fort George

Als wir von unserem kleinen Strandausflug an die Hafenpromenade zurückkehren, wartet, an einen alten, grünen Jeep gelehnt, bereits unser Guide Filip vom Tourenanbieter „Vis Special“ mit dem Rest der Crew. Wem schnell übel werde, der solle besser auf den Beifahrersitz kommen. Es könne ruppig werden.

Zunächst noch auf asphaltierten Wegen geht es hinauf zum Fort George, das um 1813 unter dem englischen Befehlshaber George Duncan Robertson erbaut wurde. Heute können Besucher hier im Garten der steinernen Festung bei einem Drink oder Abendessen übers Meer schauen. Wir haben kein Glück: Restaurant und Bar sind geschlossen. Jeden Augenblick werde eine Hochzeitsgesellschaft eintreffen, erzählt uns eine Mitarbeiterin.

Vom Fort George aus hat man einen guten Blick auf die Einfahrt zur Bucht Viška Luka © Philine Lehmann

Die fantastische Aussicht an den Klippen genießen wir trotzdem. Auch wenn es ein wenig diesig ist, können wir in der Ferne sogar die Umrisse von Hvar erkennen. Filip erzählt uns nebenbei von Vis und der Inselküche. Wenn es hier eines gebe, dann sei das guter Fisch. Am besten bereite den seine Schwiegermutter zu – zum Beispiel unter einer gusseisernen Glocke, genannt „Peka“. „Das müsstet ihr probieren!“ Feine Restaurants solle man sich als Tourist ohnehin sparen. Viel besser seien nämlich die traditionellen Gasthäuser – Konobas – mit ihrer bodenständigen Küche. „Konoba, merkt euch das!“, wiederholt er und lacht. „Geht nur dort rein, wo ‚Konoba‘ dransteht.“

U-Boot-Hafen

Wenige Buchten weiter westlich halten wir das nächste Mal. Vorher geht es allerdings noch ein paar Meter offroad zum Wasser hinunter. Unser Jeep klappert dramatisch. „Der ist noch aus der sowjetischen Ära – und unkaputtbar“, will uns Filip beruhigen und haut noch mal demonstrativ gegen die Tür.

Als wir aussteigen, liegt rechts von uns der Eingang zum U-Boot-Hafen „Jastog“, der in den 70er-Jahren in den Felsen gebaut wurde. Das Wasser unter dem gigantischen Bunkergewölbe hat eine fast schon magische Farbe. Vor dem Eingang ankert eine einzelne Segelyacht. Die Segler schwimmen ins düstere Bunkerreich hinein und wieder hinaus. Noch vor ein paar Jahrzehnten war der Zugang zum geheimen Hafen natürlich gut verborgen.

Der U-Boot-Hafen „Jastog“ in der Bucht Parja wurde in den 70er-Jahren gebaut © Philine Lehmann

Filip lotst uns auf dem schmalen Kai um das Meerwasserbecken herum und hinein in einen stockdunklen Gang, der von dort aus weiter in den Hügel führt. Viele Dutzend Kilometer sollen die Gänge, die im Inneren der Insel versteckt sind, insgesamt lang sein. In diesem kennt sich Filip zum Glück aus.

Zurück am Tageslicht treffen wir auf einen deutschen Touristen, der sich gerade für einen waghalsigen Sprung vom äußeren Rand der Bunkerdecke hinunter ins Becken positioniert. Sein Freund steht im Wasser, mehr als zehn Meter unter ihm, mit einem gezückten Handy parat, um den Moment im Video festzuhalten – für Instagram. Auch hier gibt es ihn inzwischen also – den ganz modernen Tourismus. „Das ist doch Wahnsinn“, schimpft Filip ungläubig und stapft zum Auto. „Da kann ich gar nicht hingucken.“ Wenig später ertönen Jubelschreie, die von den Bunkerwänden zurückgeworfen werden, und wir folgen Filip erleichtert.

Die Hafenbucht von Komiža © Philine Lehmann

Komiža

Das Fischerstädtchen Komiža im Westen von Vis war einer der Drehorte des Musical-Films „Mamma Mia 2“ und gilt als touristisches Zentrum der Insel. Auch hier geht es während unseres Besuchs aber eher gelassen zu. Im Hafenbecken, das von Steinhäusern und Palmen gesäumt wird, dümpeln Fischer- und Ausflugsboote neben ein paar modernen Segelyachten. In den Bars, Cafés und Restaurants sitzen hier und da ein paar Besucher, am Strand um die Ecke herrscht ein wenig mehr Leben.

Viele Jahrhunderte drehte sich das Leben hier fast ausschließlich ums Fischen. Dafür entwickelten die Bewohner einen ganz eigenen Bootstyp, Falkuša genannt. Im kleinen Fischereimuseum, das im Festungsturm am Hafen untergebracht ist, ist der Nachbau eines solchen Holzsegelbootes zu sehen.

Heute können die traditionellen Falkuša-Boote für Ausflugstörns gebucht werden © Philine Lehmann

Ganz in der Nähe der kleinen Stadt liegt mit der „Tito-Höhle“ ein weiterer Geschichts-Hotspot der Insel. Hier am Berg „Hum“ soll Tito die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs verbracht und seinen Partisanenkampf organisiert haben.

Vor der Abfahrt zurück nach Vis trinken wir noch einen Espresso mit Blick auf die idyllische Hafenbucht von Komiža. Filip erzählt von seinem Leben auf der Insel, der Familie, der Arbeit. Neben seinem Job als Touristenführer fahre er auch noch zur See, sei mit Containerschiffen schon mehrmals in Hamburg gewesen. Eine schöne Stadt, findet er. „Aber wisst ihr, was in Deutschland wirklich schrecklich ist? Im Restaurant zahlt jeder für sich. Keiner lädt den anderen ein. Das ist hier undenkbar – hoffentlich auch in 30 Jahren noch.“


Blaue Grotte

Einige wenige Seemeilen südwestlich von Komiža liegt das kleine Eiland Biševo mit seiner Blauen Grotte (Modra špilja) – einer etwa 24 Meter langen Höhle, die durch einfallende Sonnenstrahlen in ein magisches türkisblaues Licht getaucht wird. Am intensivsten leuchtet das Meerwasser im Inneren der Grotte am Vormittag.

© Dronepicr

Als Naturdenkmal darf die Blaue Grotte nicht auf eigene Faust besucht werden. Insbesondere im Sommer ist der Andrang von Ausflugsbooten groß, die allerdings nur bei ruhiger See durch den kleinen Eingang ins Innere der Höhle gelangen.

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