Windschiff: Ein Frachter, der hoch am Wind fahrt – ohne Segel! German Design Award 2020

Der mit dem Rumpf segelt

Ein Autofrachter, dessen Schiffskörper als Segel dient– ist das nicht ein bisschen viel Utopie? Doch langsam nimmt die „Vindskip“, auch dank eines neuen Teilhabers, konkrete Formen an. Und wurde mit einem renommierten deutschen Design Preis ausgezeichnet.

Das Grundprinzip des „Vindskip“ (Windschiff) leuchtet vor allem Seglern ein: Jede schwimmende Masse bietet dem Wind oberhalb der Wasseroberfläche einen Widerstand. Und je nach dem, wie diese Masse vom Wind umströmt wird, entsteht daraus ein Vortrieb. Das nutzen Segler mit ihren Segeln bis zur Perfektion aus, darüber fluchen Segler wenn sie von ihrer Jolle abgeworfen wurden und diese selbst im gekenterten Zustand, nur mit dem aufragenden Rumpf, noch schneller vor dem Wind treibt, als man schwimmen kann. 

Der Norweger Terje Lade will nun dieses Prinzip des An- bzw. Vortriebs durch Wind in seiner ursächliche Form, sozusagen direkt am Objekt, für die Handelsschifffahrt nutzen. Und das ganz ohne Segel, nur mit einem speziell geformten Rumpf als Windangriffsfläche. Klingt irgendwie nach Spielzeugbaukasten? Vielleicht, „Vindskip“ macht aber nun schon seit 10 Jahren Furore unter den Schiffskonstrukteuren und Reedern. Zwar sind bisher noch alle Bauvorhaben mit dem Windschiff-Prinzip im letzten Moment gekippt worden, doch das könnte sich durch einen neuen, in der schifffaht sehr renommierten Projekt-Partner bald ändern. (SR stellte das „Windschiff“ bereits mehrfach vor, zuletzt hier)

Hart am Wind – ohne Segel

Seit 2010 geht Terje Lade nun schon mit seinem Konzept „hausieren“, sammelt allerorten Lob, Preise und Auszeichnungen für innovative Ideen im Dienste des Umweltschutzes und der Wirtschaftlichkeit ein. 

Kaum noch Stickoxide, weniger CO2 – schafft man das mit einem Rumpf als Segel?

Lade hat ein Modell entwickelt, das auf den ersten Blick eher in die Star Wars-Fantasiewelt eines Herrn Lucas passen würde. Und das auch bei wiederholtem Hinschauen nicht unbedingt Vertrauen erweckt. Ein 200 Meter langer, überproportional hoher Rumpf, der später einmal 6.600 Automobile transportieren soll, wurde ähnlich wie ein Segel „geschnitten“ und soll einen Vortrieb in Fahrtrichtung erzeugen. Kippt das Ding nicht beim ersten kräftigeren Windhauch um? 

Selbstredend soll der Autotransporter nicht ausschließlich per Windkraft von A nach B fahren, sondern als Hybrid-Frachter möglichst viel Energie sparen und deutlich weniger Emissionen in die Luft und Ozeane pusten. 

Da macht es durchaus Sinn, wenn sich zwei umweltfreundliche Antriebsarten „zusammentun“ – Windkraft und LNG (Flüssigerdgas). Dieser Treibstoff gewinnt in der Handelsschifffahrt immer mehr an Bedeutung, um Verbrennungsmotoren emissionsärmer und wirtschaftlicher zu machen. Im Februar 2020 waren international 175 Schiffe mit LNG-Antriebsmöglichkeit in Fahrt und 203 bestellt. Zum Vergleich: zum gleichen Zeitpunkt gab es 192 Schiffe mit Elektroantrieb (Batterie und Hybrid), weitere 196 sind in Bau oder geplant. 

Neue Mehrheitsbeteiligung durch Høglund

Nun hat die ebenfalls in Norwegen ansässige Høglund Marine Solutions eine Zwei-Drittel-Mehrheitsbeteiligung an Vindskip AS übernommen. Høglund wird das LNG-Brennstoffsystem, das Energiemanagement und die Automatisierungstechnik liefern.

Auf dem Bildschirm sieht immer alles so schön stimmig aus © vindskip

Beide Unternehmen sind sich sicher, dass mit dieser Fusion dem Bau eines ersten Autofrachters mit dem spektakulären Rumpf-Segel-Design bald nichts mehr im Wege stehen wird. Høglund sieht allein mit der Form des Rumpfes die Möglichkeit, 75 Prozent des Luftwiderstandes zu reduzieren. Hinzu käme dann noch die mögliche, ergänzende Vortriebsleistung durch den Wind. 

Das Schiff wird ein Wetter-Routing-Modul (WRM) enthalten, das die am besten geeignete Route für die „Vindskip“ berechnet und empfiehlt, um das volle Potenzial der verfügbaren Windbedingungen auszunutzen, somit die Treibstoffeinsparung zu optimieren und die ETA einzuhalten. Neben der Nutzung des Windes wird das Schiffskonzept auch durch ein flexibles Hybrid-Elektro-LNG-Antriebssystem angetrieben werden, das Biogas (LBG) zur weiteren Reduzierung der THG-Emissionen nutzen könnte. 

63 % weniger CO2, 96 % weniger NOx

Das dynamische Motormanagement – an dessen Entwicklung und Lieferung Høglund maßgeblich beteiligt sein wird – wird die Motorleistung optimieren, um die überschüssige Kraftstoffverbrennung je nach Windverhältnissen zu minimieren und die Geschwindigkeit konstant zu halten.

Vindskip soll mit der entsprechenden Høglund -LNG-Technologie 63% weniger CO2 und 96% weniger Stickoxide ausstoßen, als derzeit in Betrieb befindliche Transportschiffe mit ähnlicher Kapazität.

Ein Kommentar „Windschiff: Ein Frachter, der hoch am Wind fahrt – ohne Segel! German Design Award 2020“

  1. avatar Oliver Pause sagt:

    Es gibt bereits realisierbare und zu 100% emissionsfreie Frachtseegler für bis zu 5.000 PKW “s. Aber es gibt nicht nur das, sondern wenn wir schon mal bei den Norwegen sind, werfen wir mal einen Blick auf den angeblichen Umweltschutz der hier mit diesem Projekt dargestellt werden soll. Greenwashing light würde ich sagen.
    In diesem Zusammenhang verweise ich auf die ZDF Utopia Dokumentation “Die Gier nach Lachs – wie ein Fisch die Erde zerstört”. Wenn man diese Doku sieht und dann einen zu 100% Co2 freien Frachtseegler mit einer nachhaltigen Lachsfarm an Bord, nach dem Prinzip Cradle to Cradle, präsentiert, kommen die Norweger zum Thema Frachtseegler und Umweltschutz einfach nur schlecht dabei weg. Das können wir besser in jeglicher Hinsicht.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *