39. Regatta der Eisernen: 239 Boote beim kultigen Saisonabschluss vor Konstanz

Lachen in löchriger Luft

Die Eiserne ist eine der großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre im deutschen Segelsport. Die Mischung aus Spaß und Regatta hat zum Saisonende wieder ein riesiges Feld aufs Wasser gebracht. SR Autor Christian Stock war wieder mittendrin.

eiserne 2014

Bunter Reigen im Vorstart. Sieht von oben eleganter aus als auf dem Wasser. Vor allem, wenn das Raumgebrüll fehlt. © Kolibri-Filmtechnik

„Da kriegsch doch die Motten! Heeeyyyyy, Raum!!!“ Rufe wie diese erschallen minutenlang entlang der gesamten Startlinie. Es herrscht Chaos. Manche Boote treiben ohne Ruderwirkung dahin, andere kommen von achtern auf und drängen sich in Lücken, die es gar nicht gibt. Die Startlinienbegrenzungen kann kaum jemand sehen, von den Flaggensignalen der Wettfahrtleitung ganz zu schweigen.

Auf manchen Booten ist es Unerfahrenheit, auf anderen der Ehrgeiz, die zu haarigen Wegerechtsituationen führen. Nur mit viel Glück kommt es nicht zu schweren Kollisionen. So mancher drückt sein Boot mit Händen und Füßen erfolgreich vom Nachbarn ab. Einige Dickschiffe setzen kurzerhand den Dieselmotor als Notbremse ein.

Perfektes Chaos

Das Chaos wird noch perfekter, als nach einem allgemeinen Rückruf die erste Startgruppe umdrehen muss. Das ist leichter gesagt als getan, denn der Wind schwächelt arg. Manche schaffen es erst Sekunden vor dem erneuten Startschuss, hinter die Linie zurückzukehren.

Es ist mal wieder Regatta der Eisernen vor Konstanz. Bereits zum 39. Mal findet dieser kultige Saisonabschluss auf dem Konstanzer Trichter direkt vor dem Rheinabfluss des Bodensees statt, wie immer am ersten Adventswochenende. Rekordverdächtige 239 Yachten, Kats und Jollen drängeln sich an der Startlinie. 102 davon müssen die große Bahn absegeln, 137 die nur wenig kürzere kleine Bahn.

Als unsere Startgruppe mit den Jollen sich auf den Weg machen soll, ist schätzungsweise gerade mal die Hälfte der Yachten über der Linie. Manche der großen und kleinen Dickschiffe treiben dahin, als ob sie in zähflüssigem Sirup festkleben. Die erste Hälfte der Startkreuz ist ein einziger Hindernisparcours. Wer den Fehler macht, in Lee einer Yacht mit zehnfacher Segelfläche vorbeikommen zu wollen, verhungert grausam. Lücken im Feld suchen und immer sofort wegwenden, wenn sie sich schließen, lautet die taktische Devise.

Löchrige Luft

Doch selbst dann ist die ohnehin sehr löchrige Luft reichlich von Abwinden zerstört und verlangt viel Geduld von den Seglern. Dennoch hört man überall Gelächter auf den Booten. Die Stimmung ist gut, auch wenn die Windverhältnisse wieder einmal bescheiden sind. Jeder weiß: Selber schuld, wer an einem trüben Tag Ende November segeln geht.

Endlich, nach einer mühsamen Kreuz ist die Luvtonne erreicht. Hoch mit dem Spinnaker! Leider hat der Wind so gedreht, dass es ein Halbwindkurs zur nächsten Tonne ist, ich muss ihn gleich wieder bergen. Die Yachten mit ihren Riesenspis krängen ordentlich weg. Die Katamarane heben ein Bein und fräsen an den Bleibombern vorbei, dass es schon beim Zugucken eine wahre Freude ist.

An der Raumtonne gibt es dann erneut Gedrängel. Zwar sagen alle immer, die Eiserne sei ein Spaßevent. Aber auf der Bahn wird gefightet wie bei jeder anderen Regatta auch. Zumindest in der vorderen Hälfte des Feldes. Im der hinteren Hälfte lassen es viele Mannschaften sichtlich entspannter angehen. Wer wohl mehr Freude am Segeln hat? Schwer zu sagen, denn hinterher haben sie alle ein Lächeln im Gesicht.

Kielboote im Gewühl schneller als große Kats

Der Kampf um die Line Honours findet in diesem Jahr ohne die großen Katamarane statt. Angesichts des Gedrängels am Start und der Kürze der Bahn ist es ihnen kaum möglich, hier einen Blumentopf zu gewinnen. Vor allem wenn es um die nach Yardstick berechnete Gesamtwertung geht, sind die Kats fast immer abgeschlagen gewesen. So auch der  SL 33-Kat „Black Jack“ von Ralph Schatz, das heißeste Schiff am Bodensee. Schatz hat daraus Konsequenzen gezogen und ist bei der Eisernen nun mit einem Kielboot dabei, wie bereits in früheren Zeiten.

Allerdings ist seine „Nila-Ann“ vom Typ CR 950 heftig modifiziert. Mit einem riesigen Code Zero, einem massiven Bugspriet und fünf Trapezen ist das schlanke Boot ein echter Binnenracer, wie es sie nur an Leichtwindrevieren à la Bodensee gibt. Dasselbe gilt für die schärfste Konkurrenz, die Libera B „Carondimonia“. Sie ist so gnadenlos übertakelt, dass schon beim leisesten Windhauch ein Teil der Mannschaft ins Trapez muss, um die Kiste aufrecht zu halten.

Die Nila-Ann und die Carondimonia liefern sich bis zum Ziel ein enges Rennen mit einigen Führungswechseln. Die Line Honours gehen schließlich mit 24 Sekunden Vorsprung an die Libera. Die junge Mannschaft der Nila-Ann kann sich mit dem berechneten Gesamtsieg auf der großen Bahn trösten, ihr Yardstickwert ist deutlich niedriger. Teamchef Ralph Schatz ist bei der Siegerehrung sichtlich zufrieden, sein Kalkül ist aufgegangen.

DSV Präsi Lochbrunner auf Rang vier

Einen rundum zufriedenen Eindruck macht auch DSV-Präsident Andi Lochbrunner aus Lindau. Er ist mit seinem Sportboot vom Typ B/One angetreten. „Es ist einfach schön, dass hier zum absoluten Saisonende lauter bekannte Gesichter vom Bodensee zusammenkommen“, erklärt er nach der Regatta am Glühweinstand das Erfolgsrezept der Eisernen. „Die Platzierung ist bei der Eisernen nicht so wichtig, es geht um den Spaß“, fügt er hinzu.

Er selber kann jedenfalls absolut zufrieden sein. Der 11. Platz in der Gesamtwertung der großen Bahn ist angesichts schwieriger Bedingungen und starker Konkurrenz mehr als respektabel. Geschlagen hat er damit beispielsweise ein Matchrace-As wie den Schweizer Eric Monnin, der derzeit den 4. Platz der Weltrangliste innehat.

Auf der Kleinen Bahn zeigt Lutz Lang, dass ein guter Riecher für den Wind wichtiger ist als alles High Tech Equipment. Gewiss, seine bildschöne hölzerne J-Jolle ist ein berühmt-berüchtigter Flautenrenner. Länge läuft eben. Ihr durchgelattetes Gaffelgroß erinnert stark an die hocheffizienten Squarehead-Großsegel, die seit einigen Jahren auf allen High Performance-Racern angesagt sind.

Es geht über links

Aber es ist letztlich eine richtige taktische Entscheidung, die Lang und seine beiden Vorschoter nach vorne bringt. Als einzige von allen Jollen entscheiden sie sich auf der zweiten Hälfte der Startkreuz, ganz nach links zu segeln. Die zunächst riskant erscheinende Rechnung geht auf, denn von links setzt frischer Wind ein. Binnen Minuten ist der Vorsprung der J-Jolle uneinholbar.

„Wie war’s?“ frage ich meine Clubkollegen Stefan und Sarah direkt nach dem Rennen an der Sliprampe. Sie sind in diesem Jahr zum ersten Mal dabei. „Super!“, gibt die 15-jährige Tochter Sarah ebenso knapp wie glaubwürdig zur Antwort. Dabei haben sie mit ihrem Topcat K1 nicht gerade das richtige Boot für eine Leichtwindregatta mitgebracht. Besonders an der Kreuz taten sie sich schwer. „Immerhin haben wir eine Viper geschlagen“, freut sich Stefan über ihren relativen Erfolg.

Auf meine besorgte Frage, ob sie arg gefroren haben, antwortet Stefan: „Kalt war’s mir nur an den Füßen.“ Kein Wunder bei acht Grad Wasser- und drei Grad Lufttemperatur. Man muss schon reichlich segelverrückt sein, bei solchen Bedingungen sein Boot aus dem Winterlager zu zerren. Der logistische und finanzielle Aufwand für eine Stunde Regatta segeln ist enorm. Aber der Eisernen-Virus ist hochgradig ansteckend. Es scheint fast, als seien auch die beiden Novizen infiziert.

Gesamtergebnis kurze Bahn

Gesamtergebnis lange Bahn

Ergebnis nach Gruppen

 

 

 

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Christian Stock

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2 Kommentare zu „39. Regatta der Eisernen: 239 Boote beim kultigen Saisonabschluss vor Konstanz“

  1. avatar Stefan Meier sagt:

    Super Bericht – Danke Christian

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

  2. avatar Jensinger sagt:

    Super Bericht, so macht Segelreporter Spaß

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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