49er-Duo Erik Heil und Thomas Plößel greift in Tokio nochmal an

„Wir wollen wieder aufs Podium“

Fünf Jahre nach Olympia-Bronze in Rio gehört die deutsche 49er-Crew Erik Heil und Thomas Plößel erneut zum Favoritenkreis der Skiff-Klasse. Zwei WM-Medaillen nach längerer Pause fürs Studium belohnten die zielgerichtete Vorbereitung.

Der vorläufige Glücksmoment ihres Lebens: Mit einem Rückwärtssalto von Bord feiern Erik Heil und Thomas Plößel 2016 vor Rio de Janeiro Bronze im 49er. Foto: Daniel Forster

Unvergessen bleibt ihr Rückwärtssalto von Bord in die Guanabara-Bucht von Rio de Janeiro. Mit einer Deutschlandfahne in der Hand des Vorschoters sprangen die einzigen Medaillengewinner des DSV aus voller Fahrt ins kühle Nass. Die Farbe des Edelmetalls war im nationalen Freudentaumel zunächst völlig egal, „obwohl es uns im Inneren schon ziemlich wurmte, dass wir Silber noch aus der Hand gegeben haben“, gibt Thomas Plößel zu.

Der 33-jährige konzentrierte sich anschließend auf die berufliche Zukunft und legte den Master of Science in Maschinenbau ab. Erik Heil hat das erste Staatsexamen als Mediziner in der Tasche. Zwei Jahre stand Segeln hintenan. Ihren Olympiakaderstatus sicherten sie „nebenbei“ als WM-Sechste und -Vierte 2017 und 18. Wer seit 20 Jahren in einem Boot sitzt, angefangen beim Tegeler Segel-Club in Berlin, kennt sich in- und auswendig. Das harmoniert allein aus Routine.

Zwei wie Pech und Schwefel: Das 49er-Duo in Enoshima. Foto: privat

„Thomas ist eine krasse Ergänzung zu mir, verkörpert all das, was ich nicht bin oder habe. Er denkt ganz anders mit seinem Mindset als Maschinenbauer und gibt immer 100 Prozent“, sagt der 31-jährige Steuermann über seine Speedmaschine an der Großschot. Die wiederum schätzt „Eriks Toleranz gegenüber meinen verrückten Ideen und Verhaltensweisen. Er gibt mir Sicherheit und holt mich wieder runter, wenn es nötig ist.“ Plößel weiter: „Wenn ich mit mir selbst segeln sollte, würde das innerhalb einer Woche explodieren.“

Das hohe Maß an Professionalität begeistert auch Bundestrainer Marc Pickel, der 2018 durch die ehemaligen Sparringspartner Justus Schmidt und Max Böhme zum 49er kam. Die Mannschaft begleitete der Kieler zu den PreOlympics, als Heil/Plößel noch ihr Studium abschlossen. Selbst olympiaerprobt (2000 und 2008 im Starboot) und als Bootsbauer, der sehr erfolgreich den eigenen P-Star konstruiert hat, bringt der 49-Jährige technisches Detailverständnis und einen enormen Erfahrungsschatz ein.

Ihre Abläufe an Bord haben Erik Heil (links) und Thomas Plößel weiter optimiert, um in Japan wieder eine olympische Medaille zu gewinnen. Foto: Christian Beeck/segel-bilder.de

„In der Weltspitze sind es nur noch Kleinigkeiten, die den Unterschied machen“, sagt Pickel, „deshalb haben wir jeden Stein umgedreht und an den letzten zwei bis drei Prozent Leistungspotential gefeilt.“ Schwerpunkt seien die Abstimmung und Kommunikation an Bord gewesen bei allen Manövern und Kursen, abhängig von Wind und Welle. Da der Coach selbst nie 49er gesegelt ist, hinterfragt er die einzelnen Abläufe genau und deckt so immer wieder Luft nach oben auf.

Ein gegenseitiges Geschenk des Himmels sei die langjährige Trainingsgemeinschaft mit den Spaniern Diego Botin und Iago Lopez Marra. Die Familie Botin bietet geballtes Knowhow im Background. Americas Cup-Designer Marcelino ist Onkel des Steuermanns. In der langen Welle vor Santander gelten die aktuellen Vizeweltmeister als Maß aller Dinge – Bedingungen, die auch in Japan vorherrschen können. Die aktuelle Nummer zwei und drei der Welt spielen untereinander mit offenen Karten und wollen diesen Vorteil bis ins Medalrace der Olympischen Spiele erhalten.

Dicht über der Wasseroberfläche trimmt das Duo Heil/Plößel seinen 49er bei allen Wind- und Wellenbedingungen optimal. Foto: Lars Wehrmann

Denn sie haben ein gemeinsames Ziel: die Überflieger Peter Burling und Blair Tuke aus Neuseeland diesmal zu schlagen. 2016 hatten die siebenmaligen Weltmeister bereits vor dem Finale „Gold“ in der Tasche. „Aber ich hoffe und glaube, deren Vorsprung ist geschmolzen“, sagt Thomas Plößel, „an guten Tagen sind wir ihnen näher als damals.“ Die Titelverteidiger hatten sich lange Zeit dem Americas Cup gewidmet, den sie im Frühjahr erneut für das Team New Zealand gewannen, und sind erst spät zum 49er zurückgekehrt.

Die Favoriten tun gut daran, sich nicht nur auf einen Dreikampf auf dem Podium einzurichten. Der erweitere Kreis der Medaillenanwärter erstreckt sich über Großbritannien und Österreich hinaus auch auf die Polen, Dänen und Niederländer. Trumpfkarte der Deutschen könnten ihre ausgeprägten Allroundstärken werden, denn mit Wetterwechsel ist in Enoshima zu rechnen, Leicht- bis Mittelwind um 15 Knoten am wahrscheinlichsten.

Erik Heil und Thomas Plößel „gehen da total offen rein“, aber wollen drumherum so wenig wie möglich dem Zufall überlassen. Als erstes Team flogen sie eine knappe Woche vor dem Rest der Segelequipe in die Olympiastadt. „Dann können wir uns in aller Ruhe akklimatisieren und das Boot für die letzten Tests auf dem Wasser vorbereiten“, erklärte der Trainer.

Erik Heil (links) und Thomas Plößel waren die ersten deutschen Segler vor Ort und akklimatisierten sich frühzeitig im Tokio-Look. Foto: privat

Von ihren zweiten Spielen erwarten die 49er-Männer nicht viel mehr als einen reinen Wettkampf. Das typische Olympiafeeling dürfte aufgrund der erheblichen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie auch in punkto Bewegungsfreiheit weitgehend auf der Strecke bleiben. Immerhin haben die Ausrichter mit einem 50 Meter breiten Hightech-Screen auf einem Schwimmponton im Hafen ein Novum geschaffen, auf den die Wettfahrten durch neuste Kommunikationstechnologie übertragen werden.

Die Gastgeber der olympischen Segelwettbewerbe wollen dem ausgesuchten Publikum an Land mit neustes Übertragungstechnologie die Wettfahrten über diesen 50 Meter breiten Screen auf einem Schwimmponton näherbringen. Foto: Tokyo 2020

„In Rio mussten wir die ersten sieben Tage mit Scheuklappen rumlaufen, um uns zu konzentrieren“, erinnert sich Thomas Plößel, das falle diesmal wohl flach. Gleichwohl blieben die Olympischen Segelwettbewerbe der absolute Höhepunkt einer Karriere, „einfach richtig cool.“ Am liebsten erinnert sich der scharfsinnige Analytiker an die Zeit nach Rio. „Wir sind bewundert worden und haben viele Kinder in den Schulen motiviert, selbst Sport zu treiben und sich Ziele zu setzen“, sagt der Kieler aus Berlin, „das Gefühl war großartig und ist wirklich sinnstiftend.“

Philipp Buhl blickt konzentriert nach vorn mit dem Ziel, im Laser Edelmetall zu holen. Foto: Lars Wehrmann

Für die absolut leistungsorientierten Athleten zählt fraglos nur eine Medaille. „Allen“, antwortet Plößel spontan auf die Frage, welchen deutschen Aktiven er eine zutraue. Besonders hoch im Kurs steht Laser-Weltmeister Philipp Buhl, der nach Rio ohne Medaillenrennen seinen zweiten Anlauf nimmt. „Er hat uns mit seiner Zielstrebigkeit mitgerissen und ist ein großes Vorbild“, schwärmt Erik Heil. Als Ebenbild für Kampfgeist nach zwei verlorenen Olympiaausscheidungen wird Tina Lutz und Susann Beucke im 49erFX ebenfalls der Sprung aufs Treppchen zugetraut.

Wiederholungstäter ist auch Paul Kohlhoff auf dem Nacra 17-Katamaran. Diesmal fliegend auf Foils statt gebogenen Schwertern, der einzigen Änderung im Segelprogramm, und mit neuer Vorschoterin Alice Stuhlemmer (21), der Jüngsten im Team, will der Kieler hoch hinaus. „Edelmetall wäre ein Traum.“ Svenja Weger fühlt sich im Laser Radial wiederum in ihrer Außenseiterrolle ganz wohl. An Trainingsfleiß nicht zu überbieten sind die 470er-Frauen Luise Wanser und Anastasiya Winkel, die wie fast die gesamte Equipe den Norddeutschen Regatta Verein aus Hamburg repräsentieren. Nach der überraschenden Qualifikation legte die Steuerfrau ihre Messlatte erfrischend hoch: „Nun wollen wir Gold für Deutschland holen.“

Und selbst, Herr Heil und Herr Plößel? „Das Ziel ist auch eine Frage der mentalen Herangehensweise“, wägt der Vorschoter ab, „aber wir würden über eine zweite Bronzemedaille sicher nicht weinen.“ Der Steuermann legt noch ein bis zwei drauf: „Silber oder Gold!“ Auch da ergänzt sich das Duo einmal mehr perfekt.

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