49er und Nacra17 Worlds: Silber und Bronze für Deutschland – Dramatisches Finale

"Lachendes und weinendes Auge"

Tim Fischer und Fabian Graf holen bei der 49er-WM nach einer schwierigen Entscheidung im Medalrace Silber. Paul Kohlhoff und Alicia Stuhlemmer bestätigen im Nacra17 ihr Olympia-Bronze.

Drüber, oder nicht drüber? Tim Fischer und Fabian Graf mögen sich beim Rückblick auf den Medal-Race-Start der 49er WM im Oman am Kopf kratzen. Hätten sie vielleicht gar nicht abdrehen müssen und dann den WM-Titel feiern können? Wären sie ohne Frühstart davonkommen?

Das Bild des Trackers deutet darauf hin:

Laut Tracker wäre GER-13 vielleicht nicht über der Startlinie gewesen. Luv- und Leeboot werden disqualifiziert, GER dreht um. Wäre es vielleicht nicht nötig gewesen.

In der Live-Übertragung dagegen sieht es knapper aus:

Zwei Boote waren sicher über der Linie. Vielleicht auch drei, inkl. der Deutschen (gelber Kreis)?

Die Einzelrückruf-Flagge am Startschiff sagt nur aus, dass eine Crew zu früh gestartet ist, aber nicht wie viele. Polen und Österreicher zogen beim Start früh an, drehten nicht um und wurden später mit einem Frühstart aus dem Rennen genommen. Das deutsche Boot dazwischen lag deutlich zurück, aber war es ebenfalls drüber?

Zurücksegeln, oder nicht? Was für eine schwierige Entscheidung. Mit acht Punkten Vorsprung auf den Olympia-Sechsten Bart Lambriex mit neuem Vorschoter Floris van de Werken waren die frischgebackenen Vize-Europameister in das doppelt zählende Finalrennen gegangen, nachdem sie von dessen Disqualifikation im letzten Finalrennen profitiert hatten. Alles schien sich bei dieser WM von allein für sie zu fügen.

Geduldig und solide hatten sie diese Regatta durchgezogen, in den 17 Rennen fast durchgängig auf einem Podiumplatz gelegen, sich in die Lauerposition zwei vorgepirscht um schließlich im richtigen Moment aus dem Windschatten an den Holländern vorbeiziehen zu können.

Und nun dieses Medal Race. Eine Medaille ist schon sicher. Aber können sie Gold verteidigen? Drei Plätze dürfen sie hinter den Niederländern sein. Das sollte machbar sein. Bloß kein Frühstart mit 20 Punkten!

Aber nun droht genau das. Die Entscheidung zum Umdrehen muss im Bruchteil einer Sekunde fallen. Schließlich kann es auch danach trotz Rückstand gelingen, noch nahe genug heranzukommen. Vielleicht zeigen auch die Holländer eine Blöße. Oder doch lieber weiterfahren und hoffen, dass nur die anderen drüber waren? Volles Risiko für Gold? 

Tim Fischer und Fabian Graf segeln eine starke WM und holen Silber. ©Sailing Energy / Oman Sail

Es funktioniert nicht. Lambriex, der auch einer weltbesten eSailor ist, gelingt ein starker Start mit Wind von Steuerbord am Startschiff. Die Holländer segeln frei auf die rechte Seite und dominieren das Rennen. Fischer/Graf kämpfen, werden kurzzeitig einmal sogar auf dem rettenden vierten Platz geführt, reihen sich aber schließlich auf Platz sechs ein und gewinnen Silber. Ein unglückliches Medal Race, aber eine starke Regattawoche bei überwiegend leichtem Wind.

Die Olympia-Sechsten aus NED siegen vor GER und DEN. ©Sailing Energy / Oman Sail

Für Tim Fischer und Fabian Graf war es bereits ihre zweite WM-Medaille nach Bronze 2018 bei den Weltmeisterschaften im dänischen Aarhus. Im Verlauf der vergangenen Olympiaqualifikation war das Duo, das für den Norddeutscher Regatta Verein und Verein Seglerhaus am Wannsee startet, nach dem Aarhus-Erfolg aus dem Tritt geraten und bei den jüngsten Weltmeisterschaften auf den Plätzen 26 (2019) und 36 (2020) gelandet. Es hatte danach die Zusammenarbeit kurzzeitig beendet. Aber nun sind sie wieder da und wollen bis 2024 Vollgas geben.

Ein solch fulminanter Start macht Mut. Nach dem Karriere-Ende von Schmidt/Böhme sind Fischer/Graf nun weiter in der Hierarchie aufgerückt. Erik Heil und Thomas Plößel wollen erst nach der nächsten WM entscheiden, ob sie in Marseille noch einmal angreifen. Falls nicht, stehen ihre Nachfolger bereit.

Das Erfolgsduo mit Coach Max Groy. ©Sailing Energy / Oman Sail

Die von DSV-Trainer Max Groy trainierte Mannschaft war kurz nach dem Finale noch etwas enttäuscht. Tim Fischer sagte: „Die Silbermedaille ist sehr cool, aber so schnell werde ich nicht vergessen, was für eine Chance wir hier heute hatten. Wir arbeiten daran, sie auf Kurs Olympia wieder zu erkämpfen. Auf jeden Fall wird uns diese Medaille beflügeln.“

Max Groy, der Fischer/Graf seit Ende 2016 mit einer jüngeren Gruppe aufstrebender 49er-Teams trainiert, zu der auch die WM-Elften Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger vom Bayerischen Yacht-Club sowie Max Stingele und Linov Scheel vom Kieler Yacht-Club zählen, sagte im Oman: „Tim und Fabian zeichnet ihr intelligenter Segelstil aus. Sie haben ein gutes Gefühl für den Wind, finden auch kluge Wege durch die Mitte und müssen nicht immer in die Ecken ballern. Das steht auf ihrer Haben-Seite. Wir trainieren mit einer starken deutschen Gruppe, deren Mitglieder sich gegenseitig pushen und entsprechend ihren Anteil an diesem Silber-Erfolg haben.“

Weinendes und lachendes Auge

Kurz nach dem Erfolg der 49er hatten auch Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer ihre Medaillenchance im Nacra 17 Katamaran gewahrt. Im kleinen 15-Boote-Feld erkämpfte die Crew vom Kieler Yacht-Club wie schon bei den Olympischen Spielen Bronze, aber bei dieser WM wäre für so wohl mehr drin gewesen.

Kohlhoff/Stuhlemmer gewinnen nach Olympia-Bronze auch WM-Edelmetall im Nacra17. ©Sailing Energy / Oman Sail

„Es war hart”, sagt Kohlhoff. “Wir wären nach unserem Sieg im letzten Hauptrundenrennen, mit dem wir uns für das Medaillenrennen gut hatten positionieren können, heute wirklich gerne Zweite geworden. Doch dafür haben wir uns im Medaillenrennen zu viel erlaubt. Ich habe deswegen heute ein weinendes und ein lachendes Auge.

Unter dem Strich wird aber die gute Erkenntnis bleiben, dass wir das Jahr über konstant in der Spitze agiert haben und da auch bleiben. Hätte uns im vergangenen Jahr jemand zweimal Bronze für Olympia und die WM 2021 angeboten, hätten wir sofort eingeschlagen. Wir sind unserem Trainer Marcus Lynch dankbar für das Erreichte und geben weiter Gas.“

Olympia-Silber-Sieger GBR verteidigt den WM-Titel vor ITA und GER im Nacra. ©Sailing Energy / Oman Sail

Neue und alte Nacra-17-Weltmeister sind die Briten John Gimson/Anna Burnett, die auch bei den Olympischen Spielen schon Silber gewannen. Die zweitplatzierten Italiener Gianluigi Ugolini/Maria Giulbilei kommen aus dem Nachwuchs und waren zuletzt dreimal Junioren-Weltmeister. Der Leistungssprung bei den Senioren ist aber darauf zurückzuführen, dass sie sich als Sparringspartner der italienischen Olympiasieger Tita/Banti auf ein neues Niveau gehoben haben.

Die deutsche Erfolgscrew mit Coach Marcus Lynch. ©Sailing Energy / Oman Sail

49er Ergebnisse WM 2021

Nacra 17 Ergebnisse WM 2021

49erFX Ergebnisse WM 2021(ohne deutsche Beteiligung)

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „49er und Nacra17 Worlds: Silber und Bronze für Deutschland – Dramatisches Finale“

  1. avatar Manfred sagt:

    Glückwunsch den deutschen Team ! und Dank an den Ausrichter für die Live Übertragung der spannenden Rennen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

drei × fünf =