A-Cat EM: Ashby souverän vorne – Foilen im Teebeutel-Modus

„Glenn is a Freak“

Was Teebeutel mit Foilen zu tun haben, wieso Ashby ausgerechnet den Schwarzwald schätzt und warum man nie an der Pinne zucken sollte. Zwischenbericht von der A-Cat-EM in Warnemünde.

Die Spatzen pfiffen es schon lange von den Dächern, und genauso kam es nun bei der offenen Europameisterschaft in Warnemünde: America’s Cup-Gewinner Glenn Ashby ist auch im A-Cat eine Klasse für sich. Nach fünf gesegelten Wettfahrten hat er zur Halbzeit der EM gerade mal sieben Punkte auf dem Konto. Ohne Streicher, wohlgemerkt, und bei einer wirklich starken Konkurrenz. Es wären beinahe sogar nur fünf Punkte gewesen, hätte nicht in der fünften Wettfahrt ein Schaden an der Rudercassette verhindert, die wieder einmal erreichte Führung bis ins Ziel zu behaupten. „Glenn is a Freak“, kommentierte ein Facebook-User die außergewöhnliche Performance des 40-jährigen Australiers.

Ashbys Erfolg im A-Cat ist keine Eintagsfliege. Er ist keiner von jenen Segelprofis, die nur temporär in die A-Cat-Klasse schnuppern, um ein bisschen Know How in Sachen Foiling mitzunehmen. Seit seiner Kindheit ist er ein hundertfünfzigprozentiger Fan der Klasse, er ist darin groß geworden und hat mit ihr seine größten Erfolge gefeiert – sieht man einmal vom America’s Cup und von der olympischen Silbermedaille im Tornado ab.

Barfuß an die Spitze

Unter den A-Cat-Veteranen ist Ashbys erster Auftritt bei einer Weltmeisterschaft bis heute unvergessen. Als bis dato in der Klasse völlig unbekannter 18-jähriger kreuzte er 1996 im spanischen L‘Estartit auf und düpierte dort barfuß segelnd die gesamte Weltelite der A-Cat-Segler. Gesponsert hatte den Trip des frechen Jungspunds nach Spanien der australische Katamaran-Guru Greg Goodall, nachdem er eine Regatta gegen Ashby verloren hatte. Es folgten Lehr- und Wanderjahre, die den angehenden Segelmacher auch an den Titisee im Südschwarzwald führten. Dort betrieb der Australier Andrew Landenberger eine Segelmacherei, in der sich Ashby einiges Wissen in Sachen Katamaransegel aneignen konnte.

Bis heute blieb Ashby der A-Cat-Klasse treu. Für sie schlägt sein Herz, obwohl er sich nach Belieben aussuchen könnte, welche abgefahrenen Boote er segelt. Im Interview nennt er dafür einen simplen Grund: „Du kannst so wunderbar selbst über alle deine Manöver entscheiden. Im großen Boot ist immer die Mannschaftsleistung maßgebend. Das dauert manchmal, bis sich da alle einig sind.“ An der Euro in Warnemünde schätzt er zudem das große Teilnehmerfeld von 95 Booten. Auf die Frage, ob er sich als Favorit sieht, stapelt er tief: „Das bin ich überhaupt nicht. Außerdem ist die Warnemünder Woche ‚full holiday‘ für mich. Ich genieße es. Ich bin zufrieden, wenn ich unter die ersten Zehn komme.“

Für eine Urlaubsregatta betreibt Ashby allerdings sehr viel Aufwand. Als ihm am Sonntag beim Practice Race beide Ruder wegbrachen und auch sonst an seinem hochtechnischen DNAFx1 einiges zu optimieren war, legte er eine Nachtschicht ein. Intensive Bootsvorbereitung war schon immer ein erheblicher Teil seines Erfolges. Er legt dabei oft lieber selber Hand an, statt sich von anderen ein segelfertiges Boot hinstellen zu lassen. Er lässt sich aber auch helfen, so wie am Mittwoch, als wieder einmal ein Ruder beschädigt war. America’s-Cup-Designer Adam May und Segel-Weltrekordinhaber Paul Larsen ließen es sich nicht nehmen, ihrem Konkurrenten Ashby mit Kohlefaser, Epoxy und bootsbauerischem Know How beizustehen. Solche Aktionen sind typisch für den bemerkenswert freundschaftlichen Spirit der A-Cat-Klasse.

Lieber auf ein paar Bier mit den A-Cat-Kumpeln

Ashby fügt sich darin bestens ein. Trotz seiner enormen Erfolge ist er ein unkomplizierter Typ ohne Starallüren geblieben. Als er vor drei Jahren einen Layday bei einer seiner Verpflichtungen im Profizirkus der GC32-Katamarane am österreichischen Traunsee hatte, lieh er sich spontan ein Auto, um seine A-Cat-Freunde bei einer Regatta am Bodensee zu besuchen. Abends fragte er dann in die Runde, ob jemand einen Schlafsack für ihn übrig habe. Bier trinken mit alten Kumpels war ihm wichtiger als Leistungsschlaf. Am nächsten Tag machte er dann dennoch den Sieg für sein Team klar.

A-Cat-EM Warnemünde

Ooops: Rainer Bohrer ist aus dem Trapez abgestürzt. Er war nicht der einzige an diesem Tag © Gordon Upton

Bei der aktuellen EM zeigte sich das Revier in Warnemünde bisher nicht von seiner schönen Seite. Entweder gab es zu viel oder inkonstanten Wind und es stand fast durchweg eine ruppige Welle. Regen und niedrige Temperaturen sind verschmerzbar, doch viel Seegras auf der Bahn können Segler gar nicht leiden, vor allem auf High-Performance-Booten, bei denen schon der kleinste zusätzliche Widerstand erhebliche Geschwindigkeitseinbußen zur Folge hat. Die bisherigen Wettfahrten wurden bei wechselhaften Konditionen zwischen 8 und 22 Knoten Wind ausgetragen. Das dritte Rennen endete bei auflandigem Starkwind mit typischer Warnemünde-Welle im Survival-Modus. Selbst Ashby kenterte, nachdem sein Boot plötzlich allzu hoch geflogen war und beim unausweichlich folgenden Absturz die Bugspitzen einsteckten. Fortan zog auch er es vor, die wilden Vorwindritte im Sitzen zu absolvieren.

Im Vergleich zu einer Moth ist das Foilen im A-Cat mit zwei zusätzlichen Schwierigkeiten verbunden: Erstens verbieten die Klassenregeln eine automatische Flughöhenregulierung durch Anstellklappen am Schwert. Die Segler müssen allein mit Gewichtsverlagerung in Längsrichtung, mit Schotzug und mit Aussteuern von Wellen arbeiten, um eine stabile Fluglage herzustellen. Zweitens ist das Steuern aus dem Trapez erheblich schwieriger als im Sitzen. Ein kleines bisschen zu viel am Pinnenausleger gezuckt, und man verliert bei den hohen Bootsgeschwindigkeiten bis zu 25 Knoten das Gleichgewicht. Erschwerend hinzu kommt ein Phänomen, das die Briten treffend als „Teabagging“ bezeichnen: Ein bisschen viel Luvkrängung oder eine besonders hohe Welle, und schon baumelt man wie ein Teebeutel im Wasser.

Nicht umsonst wird der federleichte A-Cat wegen seiner Agilität und Kenterneigung als „das Skiff unter den Katamaranen“ bezeichnet. Bereits in den nichtfoilenden Classic-Booten ist viel Körpereinsatz gefragt. So muss zum Beispiel die Schot trotz der gewaltigen Kräfte jederzeit aus der Hand gefahren werden, will man schnell segeln. Bei den Foilern sind die physischen Anforderungen noch um einiges höher. Die Kräfte sind aufgrund des stärkeren scheinbaren Windes größer. Die Bootsbewegungen sind noch extremer, als es insbesondere bei Welle ohnehin schon der Fall ist. Vor allem aber müssen Flughöhe und Krängungswinkel über die Großschot reguliert werden, weshalb ständiges Arbeiten mit ihr gefragt ist.

Baier überzeugt trotz Schulter-OP

In Ashbys Windschatten zeigte in Warnemünde eine große Gruppe Segler, dass sie die Technik des Foilen ebenfalls beherrscht. Die Leistungsdichte ist gut verteilt, unter den ersten Zehn sind acht Nationen vertreten. Der Spanier Manuel Calavia zeigte sich besonders souverän, ebenso wie der Pole Maciej Zarnosyki.  Der zweimalige Weltmeister Mischa Heemskerk tat sich hingegen schwer, ganz vorne mitzuhalten. Möglicherweise liegt das an seinem Segel, das im Topp sehr schlank geschnitten ist und das bei Leichtwind und Welle vielleicht nicht genug Power entwickelt. Zumal Heemskerk nicht zu den Leichtgewichten der Klasse zählt.

Wassersport ist nun mal nass © Gordon Upton

Unter den deutschen Teilnehmern sticht Bob Baier hervor. Das kommt ein wenig überraschend. Zwar ist der Allgäuer ein sehr erfahrener und leistungsstarker A-Cat-Segler, er war nicht umsonst 2009 Europameister. Aber wegen einer Schulter-OP konnte er erst sehr spät in diesem Jahr mit dem Training beginnen. Umso beeindruckender sind der 3. Platz in der Starkwindwettfahrt vom Dienstag und der momentan 7. Platz in der Gesamtwertung.

Für die letzten beiden Renntage sind moderate Winde von drei bis vier Beaufort angesagt. Das sind ideale Bedingungen für die Foiler. Ashby müsste schon großes Pech mit dem Material widerfahren, um den Sieg nicht nach Hause zu fahren. Spannend bleibt der Kampf von Calavia und Zarnosyki um Platz zwei, bei dem es um die Europameisterschaft im engeren Sinne geht.

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Christian Stock

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Ein Kommentar „A-Cat EM: Ashby souverän vorne – Foilen im Teebeutel-Modus“

  1. avatar jorgo sagt:

    Sehr guter Bericht, danke.
    Ich würde noch ergänzen dass alle A-Cat Segler irgendwie “Freaks” sind.
    Ride on!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 15 Daumen runter 0

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