Aarhus Worlds: Olympia- und Hochsee-Held Iker Martinez droht Unsportlichkeit-Sperre

Erwischt

Die spanische Segellegende Iker Martinez (41) und seine Vorschoterin Olga Maslivets sind bei der Olympia-Klassen-WM in Aarhus abgereist. Die Jury wertete Veränderungen am Boot als Betrug-Versuch.

Bruchlandung für Iker Martinez und Olga Maslivetz. © Princesa Sofía

Während bei der Weltmeisterschaft aller Olympischen Klassen im dänischen Aarhus am Montag der Wind kaum mitspielte, stand insbesondere der Fall Martinez/Maslivets im Fokus der Segler. Der baskische Ausnahmesegler, der mit Gold und Silber im 49er dekoriert ist (2004, 2008) und nach Erfolgen beim Barcelona World Race (2. 2010) und als Volvo Ocean Race Skipper (Mapfre) zum Weltsegler des Jahres 2011 gewählt wurde, ist nun in einen hässlichen Vorfall verwickelt.

Vor dem ersten Rennen der Aarhus-WM im Nacra17 Katamaran haben die Vermesser eine regelwidrige Veränderung am Schwertkasten entdeckt. Es geht um das Überschreiten einer Toleranz von 5 Millimetern. Das hört sich wenig an kann sich aber in Bezug auf die Foiling-Fähigkeit des Multihulls extrem auswirken.

Martinez beim Foiling an der Kreuz. Der Anstellwinkel der Schwerter ist entscheidend. © Jesus Renedo

Die Tragflächen-Aufnahme des Nacra17 ist seit der Modifikation zum Foiler im Schwertkasten beweglich gelagert, damit die Anstellwinkel der Profile im Wasser verändert werden können. An dieser Stelle hatte es mit der Hülse schon große Probleme gegeben, und Schwerter brachen in voller Fahrt. Aber zuletzt scheinen die Nachbesserungen des Herstellers funktioniert zu haben.

Langloch zur Leistungssteigerung

Die Jury ist davon überzeugt, dass die Veränderungen am spanischen Katamaran allein zum Zweck der Leistungssteigerung vorgenommen wurde. Er weist ein Langloch auf, durch das sich der Anstellwinkel der Tragfläche über einen größeren Bereich verändern lässt. Die Vermesser schließen aus, dass Abrieb oder Schäden zur Diskrepanz geführt haben.

Es geht um Absicht und ein klares Motiv. Eine vier bis fünf Millimeter größere Beweglichkeit der Tragfläche am oberen Ende des Schwertkastens führt zu einer Differenz von 40 bis 50 Millimetern am unteren Ende des Profils. Dadurch ist der Foiling-Modus früher zu erreichen, und das kann insbesondere am Wind oder bei leichtem Wind unter Gennaker rennentscheidend sein. Normalerweise foilen Nacra17 bei 10 bis 15 Knoten Speed am Wind und bei 7 Knoten vor dem Wind. Wenn es bei solchen Bedingungen einem Team gelingt, früher ins Fliegen zu kommen, gewinnt es Regatten.

Besonders brisant: Das spanische Duo hat mit einer Hülse experimentieren können die nicht nur um fünf sondern 20 Millimeter vom Standard abweicht. Die Klassenvereinigung hatte drei dieser Vorrichtungen an Spitzensegler übergeben, die sie im Training testen sollten zwecks möglicher späterer Modifikation für alle Nacra17-Segler. Darunter waren auch die Spanier.

Protest wegen grober Unsportlichkeit

Der Verdacht liegt nahe, dass sie den positiv erlebten Effekt mit einer vorsichtigen Veränderung ein wenig für sich selber nutzen wollten. Die Jury ist jedenfalls von der Absicht überzeugt und verhängte nicht nur eine Disqualifikationsstrafe (DSQ) für die erste Wettfahrt, sondern machte daraus ein DNE (do not exclude) ein Ausschluss, der nicht gestrichen werden darf.

Martinez und Maslivets haben nach der Entscheidung die Regatta verlassen und sind abgereist. Nun folgt automatisch ein Regel-69-Protest wegen grober Unsportlichkeit. Martinez beantragte, für seine Verteidigung die erhobenen Vergleichsdaten anderer Boote ausgehändigt zu bekommen, wurde aber abgewiesen, da diese Daten bei der Verhandlung keine Rolle spielen sollen.

Der Spanier mochte mit dem vermuteten Betrugsversuch seinem Karriere-Knick entgegenwirken zu wollen. Er zählte zu dem besten und vielseitigsten Seglern der Welt, nachdem er den Sprung vom Olympischen Superstar in die Welt des Profi-Hochseesegelns geschafft hatte. Immer an seiner Seite 49er Vorschoter Xabi Fernandez, der erst in diesem Jahr als Volvo Ocean Race Skipper des schließlich zweitplazierten Mapfre-Teams so richtig aus dem Schatten des Freundes getreten war.

Xabi Fernandez (l.) und Iker Martinez segeln nach dem BWR erneut um die Welt. Diesmal beim Volvo Ocean Race mit “Télefonica” © Volvo Ocean Race

Sie hatten ihre seglerische Laufbahn seit 1999 immer zusammen bestritten und segelten nicht nur stark beim Volvo Ocean Race sondern auch zu zweit im Hochsee-Modus beim Barcelona World Race (2.). Der absolute Ritterschlag: Ihnen gelang auch noch der Sprung zum America’s Cup mit einem Engagement beim Mitfavoriten für 2013 Luna Rossa. Keine anderen Segler schafften eine solche Entwicklung, in so kurzer Zeit.

Vorschoterin an den Coach verloren

Aber im Gegensatz zu Fernandez kam er im italienischen Team nicht zurecht. Im Januar 2013 trennte er sich im Ärger. Danach legte er sein Augenmerk auf die neue Nacra17 Mixed Klasse und startete eine neue Olympia-Kampagne mit einem Sieg bei der Kieler Woche und dem EM-Titel 2014.

Doch danach verlor er Vorschoterin Tara Pacheco – 470 Weltmeisterin 2011 – an den Coach Fernando Echavarri, der es nach Tornado-Gold 2008 und langer Segelpause noch einmal wissen wollte. Martinez stürzte sich in das enttäuschende Volvo Ocean Race Abenteuer mit Mapfre (4.) und dann schnappte ihm seine ex Vorschoterin den abonnierten Olympia-Spot für Rio vor der Nase weg.

Es lief nicht mehr bei dem Über-Segler. Kumpel Fernandez machte das große Geld beim America’s Cup (BAR Racing) und als Volvo-Skipper, und Martinez suchte eine neue Vorschoterin. Mit der vierfachen Olympiateilnehmerin Olga Maslivets wurde er fündig. Die von der Krim stammende viermalige Olympiateilnehmerin im Surfen und Vierte in London 2012 startete erst für die Ukraine, nach dem Überfall Russlands auf die Krim für Putin und nun für Spanien.

Eine extrem fitte Surferin an der Vorschot scheint die perfekte Wahl als Nacra17-Kombination, aber Martinez mag klar geworden sein, dass es trotzdem wieder sehr eng werden wird mit Olympia. Bei der ersten Nacra17-WM auf Tragflächen 2017 segelte er auf einen guten Rang 9. Doch die alten Widersacher Echavari/Pacheco holten Silber und schnappten ihm auch 2018 bei der Weltcup Quali in Palma knapp den Platz auf dem Treppchen weg.

Maslivets und Martinez holen 2018 beim Weltcup in Hyéres Bronz © WC Hyéres

Danach sah sich Martinez dann doch mit Bronze in Hyéres bestens auf Spur. Aber nun muss man zweifeln. Haben sie schon damals technisch nachgeholfen? Sahen sich Martinez und Maslivets so sehr unter Druck, die Hackordnung im Team neu zu ordnen? Es ist zu befürchten, dass sie ihrer Kampagne mit dem Regelverstoß auf die Sprünge helfen wollten. Das Gegenteil ist nun der Fall.

Tipp: Thorsten Paech

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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13 Kommentare zu „Aarhus Worlds: Olympia- und Hochsee-Held Iker Martinez droht Unsportlichkeit-Sperre“

  1. avatar Christof sagt:

    “Die von der Krim stammende viermalige Olympiateilnehmerin […] startete […] nach dem Überfall Russlands auf die Krim für Putin […].”
    Kann man in einem Segelmagazin nicht auf unqualifiziertes Russland-Bashing verzichten?
    Die Krim wurde an keinem Tag von Russland überfallen. Zwar ist das durchgeführte Referendum zur Abspaltung von der Ukraine und Eingliederung in die Russische Föderation vor allem im Westen Völkerrechtlich umstritten, aber das rechtfertigt nicht solche Revolver-Rhetorik.
    Dass Maslivets anschießend für “Putin” gestartet sein soll setzt dem Bierzeltgeschwafel dann die Krone auf.
    Überlasst die Politik lieber dem Claus Kleber. Da weiß ich, dass ich wegschalten muss…..

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    • avatar Andreas Borrink sagt:

      Zum “Like” noch ein paar Worte: Sehr treffender Kommentar. Polit-Journalismus ist dünnes Eis und Welterklärer haben wir bei Spiegel, Focus, Tagesschau und Co. schon genug; da sollte eine Seglerplattform sich schön raushalten.

      Zumal gerade die Segler mit ihrem grenzübergreifenden Sport schon immer weder über noch unter der Weltpolitik gestanden sondern es vielmehr irgendwie geschafft haben, immer ganz unpolitisch aussen vor zu bleiben. Das ist eine gute Position und die sollten die Segler halten.

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  2. avatar Marc sagt:

    Kann es sein das sie einfach vergessen haben die Änderungen des Tests im Training rückgängig zu machen?
    Wenn sie da schon mit verschiedenen Hülsen offiziell getestet haben. Vielleicht nur falsch/nicht richtig zurück gebaut.

    Falls es Absicht war, ist es natürlich grob unsportlich und wird sicher eine lange Sperre bewirken.

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    • avatar Horst sagt:

      Genau deswegen gilt die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils. Richtige Journalisten halten sich dran. Dieses Medium stellt erneut unter Beweis, dass es weder einem journalistischen Standard genügt, noch das liefert für was die Kunden zahlen.

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      • avatar Christian sagt:

        Leute, es haben bereits ein kompetentes Vermessungskomitee und eine Jury sich mit dem Fall befasst und beide haben klare Entscheidungen getroffen. Von Vorverurteilung kann keine Rede sein, die Unschuldsvermutung gilt nicht mehr. Aber Hauptsache SR bashen, oder was?

        Davon abgesehen ist eine solche Modifikation nicht im Geiste sportlicher Fairness, sie ist aber auch kein Kapitalverbrechen. Ich würde den Fall bei weiterm nicht so hoch hängen wie schweres Doping à la Tour de France, wo es zudem um die Gesundheit von Sportlern geht.

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        • avatar Wiflried sagt:

          Dopen des Bootes ist mindestens genauso hoch zu hängen wie Doping des Körpers. Beides ist bewusster Betrug um einen Vorteil zu erlangen.

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          • avatar Christian sagt:

            Wilfried, sorry, diese Ansicht ist undifferenziert. 5mm Modiifikation am Template eines Schwertkastens (bei einem hektisch konstruierten Bootstsyp, bei dem gerade die Templates technisch nicht ausgereift sind und die Segler nichts anderes als Testfahrer sind) sind etwas ganz anderes als jahrelanges sytematisches Doping mit einem kriminellen Netztwerk aus Sportlern, Ärzten, Trainern, Funktionären usw..

            Doping führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu schwerwiegenden körperlichen Schädigungen.

            Wer so argumentiert wie du, für den besteht auch kein Unterscheid zwischen Schwarzfahren und schwerer Körperverletzung. Zum Glück sehen das die meisten Gerichte deutlich anders.

            Dass das spanische Team bestraft wird, ist selbverständlich voll in Ordnung. Nicht unwahrscheinlich, dass es ihm die Olympiaquali für Tokyo kostet. Insofern ist es auch eine harte Strafe.

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  3. avatar Jorgo sagt:

    Ich würde mal ganz sachlich vermuten, dass bei der“ Einheitsklasse „N17 alle Topsegler mit Know-How versuchen ihre Boote ans richtige Limit der Toleranzen zu bringen ….. oder eben auch etwas darüber und zwar natürlich gerade an den Foils. Nun hat es Einen erwischt. Wieviele andere Teams dasselbe Langloch H a t t e n , lässt sich jetzt nicht mehr feststellen.
    Man muss sich nicht wirklich einbilden, dass im olympischen Spitzensport nicht wirklich alles versucht wird jeden kleinen Vorteil für sich zu nutzen. Am Limit…. oder eben auch manchmal etwas drüber. Soll natürlich keiner merken….. Die immer wiederkehrende Dominanz einzelner Teams gerade im N 17 kam mir schon immer etwas „spanisch“ vor. Merkwürdigerweise sind alle italienischen Teams gerade gestern und heute extrem abgestürzt.
    Würde da möglicherweise vielleicht etwas zurückgebaut nach dem Skandal? Wer weiß mehr?

    Und: Was heißt das überhaupt „für Putin segeln“? Segelt Buhl für Merkel?

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    • avatar Christian sagt:

      Danke jorgo für diese wahren Worte. Es ist ein schmaler Grat zwischen legal und illegal., wenn es um solche Finessen geht. Deswegen ist eine ausgewogene Beurteilung nötig, kein erregter Volkszorn.

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    • avatar Piotr sagt:

      Ist Buhl nicht deutscher Soldat? In diesem Falle aber sowas von

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  4. avatar Breitensportler sagt:

    Ich finde es gut, wenn solche Dinge herauskommen (siehe auch J70 WM). Leider bleibt der fade Beigeschmack, dass in den Niederungen der “unbedeutenden”, nichtolympischen Klassen vermutlich wegen fehlender Kontrolle noch mehr geschummelt wird…

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    • avatar Lars Hückstädt sagt:

      Bei Meisterschaften werden doch auch bei nationalen oder nicht-olympischen Klassen Vermessungen durchgeführt. Hier werden auch Grenzmaße, Gewichte etc. kontrolliert.

      Ich habe es schon häufig erlebt, dass hier auch Fehler / Grenzmaßüberschreitungen festgestellt wurden. Unsere Vermesse arbeiten sicherlich auch nach bestem Gewissen um sicher zu stellen, dass die Regattaboote Regelkomform sind.

      Im Gegenteil zu den Profiteams gehe ich aber davon aus, dass ein Großteil der Reperaturen und Umbauten an Regattabooten durch Werften durchgeführt werden. Als Bootsbaubetrieb kann man es sich aus meiner Sicht nicht leisten, ein Boot, dass nicht den Klassenvorschriften entspricht, mutwillig abzuliefern.

      Ich glaube nicht, dass die “Breitensportler” mehr Möglichkeiten zum Schummeln haben.

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  5. avatar Checker sagt:

    Die Disqualifikation ist berechtigt und nachvollziehbar, wenn man die Begründung liest:

    “Facts
    8. Mr. Iker Martinez is the owner and person in charge of ESP 70.

    9. ESP 70 was bought by Mr. Iker Martinez new from Nacra Sailing at the beginning of 2018. It had
    not been used by any other crew and was only raced with him onboard.

    10. Between 2 August and 5 August 2018 (inclusive), ESP 70 was inspected by the Technical
    Committee and the maximum distance that the daggerboard bearing could move (between the back
    of the bearing and the front of the worm drive) was measured.

    11. The building specifications for this measure is 75mm. The Technical Committee measured
    74.5mm to 75mm on all other inspected Nacras (in excess of 60) that are competing in the World
    Championship.

    12. On ESP 70, this distance was measured to be 79.5mm on both hulls. In addition, the round holes
    for the fitting in the stainless steel tracks had been elongated. This could not have been caused by
    damage or normal wear.

    13. Using a builder‐provided daggerboard bearing track, it was not possible to fit all six bolts into the
    holes in the hull. The back holes were further back compared to building specifications.

    14. During manufacturing, all holes in the hull recess for the daggerboard bearing are drilled using a
    unique jig. Only one jig set (one tool for producing port hulls and one for starboard hulls) exists at
    the hull manufacturer in Thailand. The position of the holes on ESP 70 could not have been the result
    of using that jig to drill, or have been caused by damage or normal wear.”

    https://www.manage2sail.com/en-US/Home/DownloadDocument/8bde801b-e8c9-48c4-bdca-ab981af51c1b

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