America’s Cup: Ainslie unter Druck, Neuseeland stark, Oracle am Rand einer Niederlage

"Was ist passiert? Das killt uns"

England gegen Frankreich ist beim America’s Cup das spannendste Duell des Tages mit vier Führungswechseln. Andere Teams zeigen sich bei Leichtwind aber deutlich stärker.

“Arrrgh”, gurgelt es aus der Tiefe seines Körpers. Tiefer Frust steckt in diesem Ton. Ben Ainslie ist richtig sauer. Erst raubt ihm der kleine Kiwi in Luv die dominierende Position durch reinen Bootspeed, dann geht auch die erste Halse völlig daneben. “Arrrrrrgh” entfährt es dem Briten wieder. Solche Laute muss er von sich gegeben haben, als er in Perth den Fahrer eines Fotografenbootes attackierte.  Das ist schon sechs Jahre her, aber irgendwo steckt da noch dieses Tier in ihm.

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Ainslie im Manöver. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

“Was ist passiert? Was ist passiert?”, ruft er. “Das killt uns.” Er weiß ja nicht, dass er sich eigentlich entspannen könnte. Denn gegen die Kiwis ist er ohnehin chancenlos. Vielleicht dämmert ihm das schon bei dieser Halse. Eben noch rast er auf Augenhöhe mit dem Gegner zur ersten Tonne, luvt ihn kurz und bereitet sich auf ein Duell vor, das durch taktische Feinheiten entschieden wird. Dann merkt er die Überlegenheit des Gegenübers. Es hängt nicht an diesem einen Manöver. Das Boot der Briten funktioniert bei diesem Wind nicht.

Peter Burling dagegen steuert den Kiwi-Kat problemlos um die Ecken, stützt die drei Tonnen auch beim sechs bis sieben Knoten Lüftchen mühelos auf die langen geknickten Tragflächen, schleudert das Schiff geradezu durch die Wenden, es ist ein Genuss.

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Die Radfahrer in Aktion. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Nur einmal kommt das BAR Team den Kiwis noch nahe. Sie kreuzen schon auf, als die Briten noch vor dem Wind dümpeln. Ainslie kreiert einen Kollisionskurs und drückt auf den Protestknopf. Es ist nicht mehr als eine hilflose Geste. Die Schiedsrichter verteilen keine Strafe und irgendwann gibt Ainslie das Rennen auf, als er fast überrundet wird. Der Rückstand beträgt mehr als 6 Minuten.

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Das Überholmanöver der Kiwis. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Später spricht der Skipper von einem technischen Problem, das beim Kontrollmechanismus der Tragflächen aufgetreten sei, und das Team habe “brilliant gearbeitet”, um es rechtzeitig für das nächste Match wieder in Ordnung zu bringen. Aber auch bei diesem zweiten Duell ist zu erkennen, dass die Briten mit ihrem Leichtwind-Paket deutlich hinter den besten Teams her hängen.

Schließlich heißt der Gegner Frankreich, und Franck Cammas wird von Dean Barker mit seinem Japan-Team geradezu zerstört. Sechs Minuten beträgt schließlich der Rückstand auf einem verkürzten Kurs. Das Softbank-Team segelt einfach deutlich kontrollierter auf seinen Foils.

Am Ende dieses Tages kommt es deshalb zum spannendsten Rennen: Frankreich gegen England. Beide Gegner sind sichtbar schwach bei Schwachwind, aber sie bewegen sich auf Augenhöhe. Den Briten helfen zwar immer noch die zwei Bonuspunkte durch den Sieg bei der World Series, aber wenn Groupama gewinnen sollte, würden sie Artemis überholen und schwer unter Druck setzen.

Frühe Entscheidung für Ainslie?

Das Duell scheint schon früh zugunsten der Briten entschieden. Cammas taucht zu spät in die Startbox ein und ermöglicht es Ainslie, ihn mit Vorfahrt zu erwischen. Er hält lange seinen Kurs und die Schiedsrichter entscheiden, dass die Franzosen zu spät ausweichen. Penalty. Nach dem Start müssen sie sich zwei Längen hinter dem Gegner einordnen.

Aber damit ist noch nichts entschieden. Vor dem Wind ist Groupama etwas schneller, am Wind hat das Land-Rover-Team leichte Vorteile. Viermal wechselt die Führung. Am Ende hat Ainslie möglicherweise Glück, dass der Wettfahrtleiter die Bahn verkürzt und ausnahmsweise das Luvtor als Ziel bestimmt. Wären die Franzosen vor dem Wind wieder vorbei gesegelt?

Ein starkes Manöver kurz vor dem Ziel bringt die Entscheidung. Aber die Reaktion der Briten zeigt, dass der Sieg kein Grund zum Jubeln ist. Sie sind nicht angetreten, um knapp gegen die Underdogs aus Frankreich zu gewinnen. Die Chancenlosigkeit gegen Neuseeland nagt noch am Selbstbewusstsein. Nach motivierenden Auftritten bei stärkerem Wind mit dem kurzen Foil-Set offenbart sich nun ein großes Problem bei leichtem Wind. Ob sie das noch lösen können?

Ainslie sagt: “Bei einigen Bedingungen fühlen wir uns konkurrenzfähig, bei anderen nicht so sehr. Morgen haben wir die Möglichichkeit zu sehen, wie wir uns verbessern können (BAR muss nicht segeln). Wir müssen uns entwickeln und werden alles tun, um mehr Leistung aus dem Boot zu holen.”

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Das “Dial Down Manöver” von Ainslie. Cammas muss einen Schlenker steuern, der ihn unter die Anliegelinie bringt. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

In dieser Form werden sie jedenfalls nicht das Halbfinale der Playoffs überstehen, für das sie mit dem Sieg vorzeitig qualifiziert sind, und schon gar nicht den Cup home bringen. Zumindest nicht bei diesen Leichtwind-Bedingungen. Mindestens zwei Herausforderer sind bei diesen Bedingungen klar besser. Es ergibt sich ein Szenario, das Neuseeland den Qualifier gewinnt, und sich dann für das Halbfinale den schwächsten der verbliebenen drei Gegner aussuchen darf. Das sind im Moment die Briten. Größer könnte der Unterschied nicht sein.

Entwicklungsspielraum für die Briten?

Allerdings schien das Land Rover Team auch schon am ersten Tag darnieder zu liegen, bis die zwei Siege gegen Artemis gezeigt haben, dass durchaus großes Entwicklungspotenzial und Spielraum für Überraschungen vorhanden ist.

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Das lange Leichtwind-Foil der Japaner funkioniert bestens. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Und auch die Japaner sind zurzeit besser. Das hat ihr Rennen gegen die Technologie- und Trainingspartner von Oracle gezeigt. Erst schien es, als wolle das US-Team seinen Freunden den Punkt schenken, als Spithill spät in die Startbox eintauchte, von Barker geblockt wurde und sogar einen Penalty für ein “late entry” in die Startzone erhielt.

Japan ist längst auf der Kreuz als Oracle mit zwei kurzen Halsen den Split erzwingt. Am Ende zahlt es sich aus.

Vor dem Wind betrug der Vorsprung schon über 200 Meter und beide Teams segelten stabil auf ihren Tragflächen. Am letzten Leetor hatte der große Vorsprung Bestand, und Oracle war schon zu einem Verzweiflungsmanöver gezwungen, um mit zwei kurze aufeinander folgenden Halsen einen Split zu generieren.

Der Rückstand betrug 22 Sekunden. Aber Druck und Dreher kamen wie gewünscht und kurz vor dem Luvtor gelang das entscheidende Überholmanöver.

 

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Carsten Kemmling

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4 Kommentare zu „America’s Cup: Ainslie unter Druck, Neuseeland stark, Oracle am Rand einer Niederlage“

  1. avatar Segelfan sagt:

    Es gibt auch noch etwas anderes außer dem Amerikas Cup.
    Da ist am Montag das OSTAR/ TWOSTAR in Plymouth gestartet, auch zwei deutsche Boote dabei, und hier kein Wort davon. Schade!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 21

  2. avatar sanno sagt:

    weil es keinen interessiert…
    alle 4 Jahre das Highlight AC, dafür wird in meinen Augen noch zu wenig hier berichtet!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 19 Daumen runter 2

  3. avatar Jörg sagt:

    Hi Carsten,
    Kannst Du erahnen,,warum Dean Barker nicht sofort rüber gewendet hat auf die Oracle Seite, als Spithill den Split angesetzt hat?
    Ist das kontrollieren des Gegners durch Abwinde aufgrund der Foils/Wings Technologie nicht mehr so einfach oder gar nicht mehr machbar?

    Zumindest wären Dreher dann beiden zu Gute gekommen, wenn auch bei reduziertem Vorsprung.

    Gruss
    Jörg

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Ich denke auch, dass er das besser hätte machen sollen. Aber mit diesen Booten bei diesem Wind gilt es glaube ich noch mehr das Risiko abzuwägen, wie viel man durch eine Wende verlieren kann. Wenn sie bei den 6 – 7 Knoten das Manöver nicht sauber durchfoilen und nicht mehr auf Foils kommen verlieren sie extrem viel. Diese Überlegung mag dabei mitgespielt haben. Aber der Vorsprung war ja auch so groß nach der Doppelhalse von Oracle, dass sich Barker vllt schon zu sicher gewesen ist.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

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