America’s Cup: Crash, Penalty, Überholmanöver – Erster Renntag in Bermuda

Kamikaze-Angriff der Japaner

Die ersten sechs Rennen des 35. America’s Cups haben schon viel Dramatik zu bieten. Es kommt zu Kollisionen, Führungswechseln und überraschenden Ergebnissen.

 Kollision,  Land Rover

Die Kollision zwischen Land Rover (l.) und Softbank. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Dass Ben Ainslie einmal so mies erwischt werden könnte, hätte er sich wohl auch nicht gedacht. Der Angriff von Dean Barker ist eigentlich früh zu erkennen. Er positioniert sich in der Startbox weit in Luv, wartet dort wie ein Greifvogel im Rüttelflug und stößt auf den Gegner hinab.

Die Briten haben eigentlich eine vermeintlich sichere, klassische Position auf der Anliegelinie zur linken Starttonne eingenommen. Sie wären mit einem Gegner, der von hinten angreift, abgefallen, hätten seinen Speed aufgenommen und ihn nicht auf die Leeseite gelassen. Aber dieser Kamikaze-Angriff der Japaner ist nicht zu verteidigen.

 Kollision,  Land Rover

Kohlefaserstreifen hängen unter dem britischen Boot. © ACEA 2017 / Gilles Martin-Raget

Über 30 Knoten schnell hämmert Steuermann Dean Barker mit perfektem Timing auf den gegnerischen Katamaran zu, erreicht an dessen Heck die Lee-Überlappung mit seinen Bugspitzen und holt sich damit das Recht zu luven.

Größter Aufreger am ersten Spieltag

Er muss es langsam tun, um dem Gegner Zeit und Raum zum Ausweichen zu lassen, aber Ainslie reagiert erst überrascht und spät, dann hebt sich sein Boot zu hoch aus dem Wasser. Der Anstellwinkel der Foils passt nicht zur Situation. Die Tragflächen gewähren keinen Grip mehr gegen die Abdrift nach Lee – so wie wenn man bei einer Jolle das Schwert hochzieht – und das Land-Rover-BAR-Boot rutscht gefährlich nach Lee.

 Kollision,  Land Rover

Die Japaner greifen mit maximalem Speed in Lee an und schaffen die Lee-Überlappung, den “Hook”. © ACEA 2017 / Gilles Martin-Raget

Der Rumpf trifft einige Softbank-Grinder am Rücken und schlägt hart auf einer gegnerischen Armkubel auf. Es entsteht ein Loch, aus dem später Wasser sprühte und Kohlefaserfetzen flattern, aber das Team bemerkt den Schaden offenbar nicht. Er hat auch keine große Auswirkung, weil der Katamaran fortan über das Wasser schwebt. Aber nach der fälligen Strafe von den Schiedsrichtern (zwei Bootslängen achteraus bleiben) kommt das britische Boot nicht mehr heran.

Einslie sagt nach dem Rennen: “Das Boot ist ziemlich stark beschädigt. Es war eine gute Leistung, das Schiff noch über den Parcours zu bringen und wir mussten alles versuchen, um den Rumpf beim Foiling aus dem Wasser zu halten. Wir hatten Glück, dass es klappte, denn auf dem Weg zur Basis begann das Schiff zu sinken. Wir mussten Pumpen und schöpfen.” Nun sei das Shore Team gefragt, in einer langen Nacht den Katamaran wieder rennfähig für den nächsten Tag zu machen.

Kollision,  Land Rover

Das Team schöpft Wasser aus dem Rumpf nach dem Zieleinalauf. © LR BAR

Diese Situation ist der größte Aufreger des mit Spannung erwarteten ersten Renntages beim 35. America’s Cup. Nach dem Ausfall der Freitag-Rennen wegen Starkwindes fanden in Bermuda sechs Duelle statt und es waren weitere Situationen dabei, die Hoffnung auf mehr spannungsreiche Rennen machen.

Land Rover BAR gegen Artemis

So ist eine der größten Überraschungen nach dem ersten Tag die Leistung der Briten. Und dabei ist nicht der Crash im Vorstart gemeint, sondern der Sieg gegen Artemis. Nach den Trainingseidrücken musste man sich ernsthafte Sorgen um das Land-Rover-Team machen, aber gegen den Favoriten aus Schweden gelingt ein überzeugender Erfolg.

Nach einem guten Start in der Leeposition zeigt Ainslie nicht für möglich gehaltenen Speed im Sprint zur ersten Tonnen-Zone, kann in der Innenkurve als Erster abfallen und fährt mit soliden Manövern den Überraschungssieg ein. Damit scheinen die Briten wieder im Spiel zu sein.

Etwas, das man insbesondere von den Franzosen nicht behaupten kann. Sie segeln absolut chancenlos hinterher und verlieren gegen Oracle und Neuseeland mit über zwei Minuten Rückstand.

Oracle Team USA gegen Emirates Team New Zealand

Spannender ist der Auftritt der Neuseeländer. Die Revanche gegen Oracle von 2013 sollte der Höhepunkt des Tages sein, und tatsächlich hält das Match was es verspricht. Die Kiwis erobern die starke Leeposition am Start, werden aber von Oracle auf dem ersten Schenkel überlaufen.

Die Kiwis verpassen die Anliegelinie am Luvtor und lassen Oracle innen rein.

Spithill nutzt die Chance für ein Luvmanöver. und holt sich die Führung und den Sieg.

Am Leetor liegt Oracle knapp drei Längen in Führung, aber Peter Burling gelingt eine engere Rundung. Nach der nächsten Wende schieben die Kiwis in Lee ihre Bugspitzen voraus. Das sieht nach einem richtigen Segelboot-Wettrennen aus, auch wenn mit mehr als 25 Knoten Speed am Wind geflogen wird. Gibt es dabei auch so etwas, wie eine sichere Leestellung? Jedenfalls quetscht Burling alles an Höhe aus dem Kat, was geht, und nach der nächsten Wende gelingt das Überholmanöver.

Das Duell scheint gelaufen, aber am letzten Luvtor treffen die Kiwis die Anliegelinien nicht richtig, müssen eine zusätzliche Wende ausführen, und plötzlich ist Spithill wieder dran. Er luvt die Gegner über die Marke und protestiert. Zwar wird keine Strafe ausgesprochen, aber Oracle holt sich die Führung und gewinnt mit sechs Sekunden Vorsprung. Ein atemberaubendes Match.

Artemis gegen Softbank Team Japan

Auch der erste Auftritt der hoch gewetteten Schweden sorgt für viel Gesprächsstoff. Beim Duell gegen Japan liegen sie nach verlorenem Start lange Zeit hinten. Aber auf dem Kurs sind durchaus starke Winddrehungen im Spiel.

Steuermann Nathan Outteridge spricht später von 30 Grad-Schwankungen, und es gelingt seinem Team, sich durch einen klassischen Split am Leetor – nach einer zusätzlichen Halse rundet er die entgegengesetzte Tonne – vom Gegner auf der Kreuz zu entfernen.

17 Sekunden liegt Japan schon voraus, aber die sind in Nullkommanichts pulverisiert, als Artemis die Drehung erwischt. Dean Barker will die Führung durch einen klassischen Slam Dunk sichern und den Gegner in eine enge Deckung nehmen, aber da hört man schon Artemis-Taktiker Ian Percy im Bordfunk sagen: “Das ist eine schöne Chance für ein Luvmanöver.” Outteridge luvt, als Barker noch langsam in der Wende ist, erzwingt als Ausweichmanöver eine zweite Wende von den Japanern, und die werden dadurch so langsam, dass sie gleich 13 Sekunden hinten liegen. Game Over.

Fazit: Außer den traurig anzusehenden Franzosen bewegen sich alle restlichen fünf Teams offenbar auf Augenhöhe. Nach dem jetzigen Stand der Dinge kann jeder von diesen Mannschaften gegen jeden gewinnen. Offenbar sind gute Starts so entscheidend wie bisher und Windschwankungen machen so viel aus, dass sie Rennen entscheiden.

Manöver kosten nach wie vor viel Zeit und müssen minimiert werden, auch wenn alle Teams die Foiling-Wende beherrschen. Aber obwohl die Katamarane mit über 40 Knoten über das Wasser bewegt werden, ist strategisch, taktisch kein großer Unterschied zu Segelrennen mit langsameren Booten zu sehen.

Dieser Cup kann noch viel Spaß bereiten.

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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7 Kommentare zu „America’s Cup: Crash, Penalty, Überholmanöver – Erster Renntag in Bermuda“

  1. avatar uws sagt:

    Gibts außer bei sky ne möglichkeit das live mitzuverfolgen?
    Ich hatte gelesen servus.tv würde das im netz bereitstellen, hab es aber nicht gefunden.
    Über einen link wär ich megadankbar.

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  2. avatar KalleK sagt:

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 1

  3. avatar Fördepirat sagt:

    Chapeau an Dean Barker!

    Perfekt erkannt, dass sich Sir Ben zu tief aufgehalten hat und die Gunst der Stunde genutzt. Ben hätte gar nicht viel Speed holen können, dann wäre er viel zu tief unter der Anlegelinie herausgekommen.

    Das macht Lust auf mehr!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  4. avatar boatsailing sagt:

    Gibt es die Rennen auch nachträglich online?

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    • avatar Henk sagt:

      Leider noch nichts gefunden, wäre für Info dankbar!

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      ich habe da auch noch nichts gefunden. hin und wieder gibt es längere zusammenfassungen oder clips im netz von einzelnen teams. werde versuchen, sie dann zu posten

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