America’s Cup: Das vielleicht spannendste Cup-Match aller Zeiten

Große Spannung vor dem Showdown

Der America’s  Cup tritt in die entscheidende Phase. Am Samstag um 22:15 Uhr deutscher Zeit kommt es zum ersten Showdown zwischen dem Verteidiger Oracle Team USA und Herausforderer Emirates Team New Zealand. Die besten Segelteams treten mit den schnellsten Segelschiffen der Welt gegeneinander an.

Dean Barker (l.) und James Spihill duellieren sich um den America's Cup. © ACEA / GILLES MARTIN-RAGET

Dean Barker (l.) und James Spithill duellieren sich um den America’s Cup. © ACEA / GILLES MARTIN-RAGET

Drei Jahre nachdem Larry Ellison die 162 Jahre alte Sporttrophäe dem Schweizer Ernesto Bertarelli und seinem Alinghi Team unter anderem mit der Hilfe eines Heeres von Anwälten nach einer beispielosen Schlammschlacht entwunden hat, sieht er sich in San Francisco selber der Gefahr ausgesetzt, den Pokal zu verlieren.

Sein Skipper James Spithill ließ sich schon zu der überraschenden Aussage hinreißen: “Wir sind die Underdogs”. Der britsche Wettanbieter Paddy Power sieht es genauso. Er zahlt bei einem 100 Dollar Einsatz für einen Kiwi-Sieg 50 Dollar weniger als wenn der Cup in Amerika bleibt.

Freunde als Gegner

Auch bei der traditionellen Pre-Match Pressekonferenz übte sich Spithill neben seinem Widersacher Dean Barker eher in leisen Tönen. Kämpferisch zwar und selbstsicher aber dennoch respektvoll zurückhaltend. Kein Wunder. Auf der anderen Seite steht ein guter Freund, dessen Verdienste er gerne hervorhebt. Der Australier Glenn Ashby, 14maliger Katamaran-Weltmeister in verschiedenen Klassen, hat ihm für die vergangene Oracle Kampagne das Katamaransegeln beigebracht.

So bestätigt Spithill höflich, dass es wohl ein enges Duell werde. Man könnte es auch für Werbung halten, um die Spannung hoch puschen. Aber alle Team-Repräsentanten machen auf dem Podium nicht den Eindruck, als würden sie etwas vorspielen. Zu genau kennen sie die Leistungsfähigkeit des Gegners. Nie gab es so wenige Möglichkeiten sich vor dem Gegner zu verstecken, nie konnten so genaue Daten erhoben werden wie bei dieser Auflage des Cup Matches.

America's Cup

Dean Barker (l.) und James Spihill duellieren sich um den America’s Cup. © ACEA / GILLES MARTIN-RAGET

Die ähnliche Leistungsfähigkeit scheint real zu sein. Und das ist für sich genommen schon eine Sensation. Sollte Larry Ellison der fünftreichste Mensch der Welt, tatsächlich in Gefahr geraten, den Cup wieder zu verlieren? Wie konnte es so weit kommen? Die Amerikaner, die unabsichtlich oder absichtlich mit dem teuersten Cup aller Zeiten schon finanziell viele Gegner abgedrängt hatten, mit einer geschätzten Investition von über 200 Millionen Euro als klare Favoriten in das Rennen gegen das kleine Neuseeland gehen.

Nur drei Milliardäre

Auf der Insel gibt es überhaupt nur drei Milliardäre, und die interessieren sich nicht für den America’s Cup. Die Kiwis finanzieren sich mit einem Mix aus Steuer- und Sponsorgeldern. Aber das Oracle Team USA hat durch mehrere Ereignisse den Vorsprung verloren, den der America’s Cup Verteidiger traditionell hat.

America's Cup

Sportlicher Händedruck bei der letzten Pressekonferenz vor dem America’s Cup Match. © ACEA / PHOTO GILLES MARTIN-RAGET

Zuerst wurden die Amerikaner durch eine Regelinterpretation auf dem falschen Fuß erwischt. Eigentlich sollten die Rahmenbedingungen das Segeln auf Tragflächen verhindern. Aber die Kiwis fanden eine Lücke im Regelwerk, in der sie den Flugmodus entwickeln konnten. Oracle hatte sein erstes Schiff schon für den traditionellen Schwimm-Modus konstruiert und musste hektisch umbauen, um das Abheben zu erlernen.

Die Ressourcen waren kein Problem, aber die Zeit lief den Amerikanern davon. Sie schienen den Rückstand aufzuholen, aber dann kam es im Oktober 2012 zum Kenter-Desaster unter der Golden Gate Bridge. Der AC72 Katamaran überschlug sich und wurde größtenteils zerstört. Erneut ging wichtige Entwicklungszeit verloren. Erst im Februar 2013 segelte der reparierte und modifizierte Katamaran wieder in San Francisco.

Oracle holte auf

Im April wurde der zweite Oracle Katamaran zu Wasser gelassen, und seitdem holen die Amerikaner mit dem nur für den Verteidiger zugelassenen Two-Boat-Testing rasant den Vorsprung der Neuseeländer auf. Bei den Wassertagen steht es sogar 110 zu 100 für ORacle. Die Kiwis konnten sich zwar beim Louis Vuitton Cup schon im Wettkampf vorbereiten, hatten aber mit Luna Rossa keinen adäquaten Gegner, der sie hätte weiterbringen können.

America's Cup

Erstes Aufeinandertreffen der Cup-Finalisten am Samstag. © ACEA / PHOTO GILLES MARTIN-RAGET

Die Amerikaner schienen vorbeizuziehen. Aber dann wurde ihre Vorbereitung empfindlich durch den aufgedeckten Betrugskandal gestört. Teammitglieder wurden für schuldig befunden in der eigentlich bedeutungslosen Vorserie mit den kleineren AC45 Katamaranen das Material manipuliert zu haben. Versteckte Bleisäckchen und veränderte Beschläge wurden gefunden, die eine verbesserte Leistungsfähigkeit zur Folge haben.

Das Vergehen wurde von der unabhängigen Jury wie Doping im Radsport behandelt. Da die Rennserie der kleinen Katamarane unter dem Mantel des America’s Cups gesegelt wurde, hat die ausgesprochene Strafe auch eine Auswirkung auf die eigentlichen Cup-Rennen.

Neben der Geldstrafe von 250.000 Dollar konnten Oracle somit schon vor dem America’s Cup Match zwei Punkte aberkannt werden. Sie starten mit zwei Minuspunkten in die Rennen und müssen somit elf statt neun Matches gewinnen, um den Cup zu verteidigen.

Schuldig der Manipulation

Noch schwerwiegender mag aber die Sperre für Dirk de Ridder sein, der als Wingtrimmer eine der Schlüsselpositionen auf dem A-Boot bekleidet. Der Holländer wurde als Hauptschuldiger für die Manipulation ausgemacht und von der Regatta ausgeschlossen. Wie stark Oracle wirklich dadurch geschwächt wird, ist noch nicht klar. Ein 24-Jähriger übernimmt seine Position. Wird er dem Druck standhalten?

Die Protagonisten des Cup Matches. V.l.: John Kostecki (USA), James Spithill (AUS), Dean Barker (NZL), Glenn Ashby (AUS). © ACEA/Gilles Martin-Raget

Die Protagonisten des Cup Matches. V.l.: John Kostecki (USA), James Spithill (AUS), Dean Barker (NZL), Glenn Ashby (AUS). © ACEA/Gilles Martin-Raget

Bei der Pressekonferenz zeigten die Skipper offenbar Einigkeit darüber, dass die Leistungsfähigkeit beider 72 Fuß Katamarane beim Standard-Speed sehr ähnlich sei. Sie gehen davon aus, dass die entscheidenden Unterschiede beim Ausführen der Wenden und Halsen zustande kommen wird. Dabei hat dann der Trimmer der riesigen Segel-Tragfläche eine besondere Verantwortung.

Wie knapp es tatsächlich wird, kann sich erst am Samstag zeigen. Wer hat noch Pfeile im Köcher? Wer hat geblufft? Wem liegen die speziellen Windbedingungen am besten? Kiwi-Skipper Dean Barker hat schon gesagt, dass sich für ihn mit der Strafe des Gegners nichts geändert hat. Er muss immer noch neun Rennen gewinnen.

Überholmanöver sind schwierig

Wenn die neuseeländische Konstruktion klar langsamer sein sollte, wird es schwer sein, den Cup zu holen. Wenn der Unterschied aber tatsächlich nur gering ausfällt, kann es spannender werden, als bei allen bisherigen Finals in der 162-Jährigen Cupgeschichte.

Denn das neue Format sieht Rennen vor, die mit rund 45 Minuten so kurz sind wie nie. In Verbindung mit dem einseitigen Rennkurs, der wegen der starken Strömung sehr oft nur einen sehr schmalen Korridor als Ideallinie zulässt, werden Überholmanöver sehr schwierig. Dazu kommt, dass die schnellen Katamrane im Gegensatz zu ihren traditionellen Vorgängern nicht nur am Wind sondern auch auf dem Vorwind-Kurs gestörte Luft nach hinten wirbeln und den Verfolger ausbremsen können.

Ein langsameres Boot, das den Start gewinnt und an der ersten Wendemarke vorne liegt, könnte den Angreifer effektiver ausblocken als es früher der Fall war. Beim Louis Vuitton Cup ist das bisher nicht passiert, weil die langsameren Teams von Anfang an hinten lagen. Diesmal könnte es anders sein. Möglicherweise steht das spannendste America’s Cup Finale aller Zeiten bevor.

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Carsten Kemmling

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9 Kommentare zu „America’s Cup: Das vielleicht spannendste Cup-Match aller Zeiten“

  1. avatar Backe sagt:

    Na, ich halte die Erwartung des “vielleicht spannendsten Cups aller Zeiten” doch für etwas überzogen.
    Und zwar deshalb, weil – der letzte Absatz legt das nahe (enger Segelkorridor, kaum Gelegenheit zu überholen …) – die Rennen bereits am Start, resp. an der Luvtonne entschieden sein dürften.

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    • avatar Super-Spät-Segler sagt:

      Die gesamte Pressekonferenz (~40min) bei Youtube:

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    • avatar liebersegeln sagt:

      Das würde ich so nicht unterschreiben. Denn nach allem was ich gehöhrt habe, kann ETNZ deutlich mehr Tiefe fahren als OTUSA, dafür aber nicht ganz so schnell, dann kann es schon zu Überholungen kommen und die Veranstaltung spannend werden. Denn wenn die Boote nicht mehr “exakt” hintereinander her fahren, muss der Hintere auch nicht mehr permanent in den Abwinden des Führenden fahren/fliegen und die Manöver bekommen eine noch größere Bedeutung.
      Allerdings ist das schon eine Weile her, dass ich das gehöhrt habe.
      Ich bin gespannt!

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    • avatar Uwe sagt:

      Warum sollte das Rennen an der Luvtonne entschieden sein ? Spätestens am 1. Gate kann das zurückliegende Schiff einen Seitenabstand herstellen und in ungestörtem Wind segeln. Ausserdem ist es ja schwierig, das Schiff stets mit der optimalen Geschwindigkeit laufen zu lassen. Die Abläufe bei den Wendemanövern sind dermassen komplex, dass sich leicht kleinere oder auch grössere Fehler einschleichen können, die das Schiff abstoppen lassen und dem Gegner Überholmöglichkeiten bieten.
      Sollte jedoch ein Schiff wesentlich schneller als der Gegner sein, könnte es bereits nach der 1. Wettfahrt langweilig werden.

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  2. avatar Olli sagt:

    Die Frage ist ja, wie sicher die prognostizierten Geschwindigkeiten sind. ETNZ mußte während der Rennen gegen Luna Rossa mitunter ungebremst segeln, so daß ihr Potential halbwegs seriös erfasst werden konnte. Wir genau konnte ORs Geschwindigkeit erfasst werden? Die hatten ja keine Lampe an, die signalisierte: “hallo, wir segeln gerade ungebremst, schneller wird die Kiste nicht”
    Daß die Buchmacher für NZ sprechen ist immerhin schonmal ein Fingerzeig, denkbar hier aber auch, daß viele unter dem Motto “es kann nicht sein, was nicht sein darf” gesetzt haben, denn darin ist sich die Seglerwelt wohl einig: Es wäre schon echt doof, wenn Oracle verteidigen könnte.

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  3. avatar dubblebubble sagt:

    Hab mir gestern Nacht noch die Fernbedienungshand wundgedaddelt und weiß nun, wo in meinem SAT-Receiver die ÖSTERREICHISCHEN Fernsehkanäle von Servus TV sind, die morgen live übertragen.

    Servus TV HD: 1147
    Servus TV: 1107

    Servus TV Deutschland überträgt nicht. Vielleicht nutzt das ja jemand was.

    lg

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  4. avatar coist sagt:

    Bring it on nooooooooow!!

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  5. avatar Christian sagt:

    Guck sich das wirklich jemand an? Könnte mir nix langweiligeres vorstellen.

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  6. avatar Silvia sagt:

    Na klar schaut sich das jemand an, hallo?! Ist sogar extrem spannend und viiiieeeel interessanter als der ewige mühsame und leider omnipresente Sch…-Fussball. Am besten live und vor Ort, was diese Woche zufälligerweise der Fall ist. Yeah, good luck ETNZ, wish you perfect races, go for it. Bringt den großen Becher nach Hause!!!!

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