America’s Cup: Der neue Luna Rossa Cupper – Deutscher Chef-Designer Fischer erklärt Details

"Wir sind gut positioniert"

Die Details des neuen Luna Rossa Renners. SR war bei der Taufe in Cagliari und sprach mit dem deutschen Chef-Designer Martin Fischer. Er erklärt, was den nächsten America’s Cup entscheiden wird.

Martin Fischer ist entspannt, während draußen am Tor der Trubel brandet. Er schlendert mit seiner Frau an den rotweiß, gedeckten Tischen und dem kleinen Eiswagen vorbei, um den sich in wenigen Minuten die Gäste drängen werden. Der aufkommende Mistral lässt die riesige italienische Flagge über dem großen Luna-Rossa-Gebäude stramm flattern. Er pfeift in den Masten des norwegischen Dreimasters “Christian Radich”, der auf der anderen Seite der Basis festgemacht hat – als wolle er als Kontrast zum AC75-Flieger allein optisch daran erinnern, wie weit sich das Segeln in nur 80 Jahren verändert hat.

Luna Rossa präsentiert seine Partner Pirelli, Woolmark und Panerai © Luna Rossa

Die Büros befinden sich in der ersten Etage der Luna Rossa-Basis, aus der Kinderlachen herüber weht, immer wenn sich die Türe öffnet. Hier hat sich Fischer in den vergangenen 18 Monaten den Kopf zerbrochen. Zusammen mit einem Ingenieur-Team, das 37 Spezialisten umfasst.

Es ist in vier Gruppen eingeteilt: Die Schiffbau-Ingenieure, Struktur-Analysten, Maschinenbauer, Aero- und Hydro-Dynamiker. Sie stecken täglich die Köpfe zusammen in den großen Meeting-Räumen des Gebäudes über dem Gym und neben dem geheimen Simulator-Raum – der nicht nur bei Luna Rossa eine zentrale Rolle spielt.

Martin Fischer © Groupama Team France

Fischer wurde 2018 als “Head of Design” vorgestellt. Er teilt sich die Führungsaufgaben mit dem Brasilianer Horacio Carabelli, der als Design Koordinator fungiert. Das alte Fähr-Terminal, das die knapp über 100 Menschen als Basis nutzen, mag nicht gerade als bestes Beispiel für großes Vertrauen in italienische Ingenieurskunst gelten.

Erst nach der Fertigstellung wurde festgestellt, dass der Tiefgang nicht für die abzufertigenden Fähren ausreicht – aber so etwas soll es ja auch in der Heimat von Martin Fischer geben. Nur weil man dort Probleme beim Flughafen-Bau hat, müssen nicht gleich alle ähnlichen technischen Bemühungen in diesem Land scheitern. Bei Luna Rossa kommt dazu, dass Fähigkeiten und Mentalitäten von Spezialisten aus 14 Ländern unter dem Dach des Roten Mondes vereint sind. Da lässt es sich schwer pauschalisieren.

Rumpf mit ausgeprägtem Wulst. Der neue Luna-Rossa-Renner. © SegelReporter

Es geht um Können, nicht um die Herkunft. Und kaum einer repräsentiert das besser als Martin Fischer selbst – der Prototyp eines Weltbürgers, der schon mit so vielen unterschiedlichen Landsleuten erfolgreich zusammengearbeitet hat. 

Nun also steht der große Moment bevor. Sein schwarzrotes Baby wird der Öffentlichkeit vorgestellt. Erst die große Feier mit Familie, Freunden und Sponsoren wie Pirelli, Panerai und dem technischen Bekleidungspartner Woolmark, dann der Schwimm-Test. Noch interessanter: Was passiert an den nächsten Tagen? Wird es sich wie die Konkurrenz auf Anhieb aus dem Wasser heben? Wird es sich verhalten, wie erhofft?

In früheren Zeiten wären die ersten Stunden auf dem Wasser vom Nägelkauen des Technik- Teams begleitet worden. Hält alles? Wird der Target-Speed erreicht?
Aber heutzutage sind die Segler mit diesem Boot schon stundenlang gesegelt – per Computer.

Diese Auflage des America‘s Cups ist so extrem abhängig von der Leistungsfähigkeit der Computer-Tools wie noch nie. Längst konnte das neue Design im Simulator getestet werden. Und Fischer sagt, er habe bisher bei der Konkurrenz nichts gesehen, was sein Team nicht auch beachtet, berechnet, bedacht hätte.

Klar, das muss er sagen, aber es klingt ehrlich überzeugt. Dabei unterscheidet sich das geradezu klassisch anmutende Kielschwein mit dem Skeg signifikant von den Konkurrenz-Konstruktionen. Aber auch der gerade, schmale Bug, der so völlig anders aussieht wie die platte Nase der Amerikaner macht ihm keine Sorgen.

Rumpf wie das Fahrwerk bei einem Jet

Es mag daran liegen, dass gerade der Rumpf für die Geschwindigkeit dieser Foiler eine solch untergeordnete Rolle spielt, wie das Fahrwerk für einen Jet. Und längst beschäftigt  sich Fischer schon intensiv mit dem Bau des zweiten Bootes.

Dabei erwartet er keine großen Überraschungen. Es geht wieder um den Mix der kleinen Zutaten. Er ist ein Mann der Zahlen und der Wissenschaft. Beim America’s Cup geht es längst immer mehr um Mathematik und Physik. Für große Gefühle, wilde Ideen oder schöne Formen ist kein Platz. Der Computer sagt schnell, was funktioniert, oder was nicht.

Die entscheidenden Unterschiede wird es bei den Kontroll-Systemen geben, sagt Fischer. Alle beweglichen Teile unter Wasser dürfen diesmal mit Batterie-Energie bewegt werden. Man muss effiziente Systeme zur Gewinnung, Speicherung und Nutzung der Energie entwickeln, um die Tragflächen effektiv steuern zu können.

Wer kann wie schnell die Foils und Segel den wechselnden Bedingungen anpassen? Und welche Entwicklungen gibt es noch bei den Tragflächen? Schließlich erlaubt das Protokoll den Bau von sechs Flügel-Paaren und gleich 20 beweglichen Klappen. Da werden noch einige erstaunliche Konstruktionen montiert.

Martin Fischer 

Martin Fischer bewegte sich lange Zeit eher hinter den Kulissen der großen Segelteams, denen er bei der Entwicklung der sogenannten Anhänge, also den Rudern und Schwertern, half. Sein Spezialgebiet ist eigentlich das Klima. 2000 machte er sich in Neu Kaledonien mit einer Firma selbstständig, die Energieversorgern bei der Wetterberechnung hilft. Dort lernte er auch seine jetzige Frau kennen.

Die Strömungslehre wurde für den in der Nähe von Bremen geboren Deutschen, der in Hamburg Physik studierte, immer wichtiger. Schließlich  entwickelte er die Rumpf-Anhänge für den ORMA 60 Tri „Groupama-2“,  den 150 Fuß Maxi „Groupama-3“, wie auch für den Mega Multi „Sodebo“.

Außerdem arbeitete an den ersten Anhängen des BMW Oracle Trimarans für 2010 und revolutionierte nebenbei die Formel 18 Klasse mit dem Capricorn-Design. 2006 wurde damit die Weltmeisterschaft gewonnen. Danach war der Physiker maßgeblich am Hobie Wild-Cat-Projekt beteiligt und gehörte zum Design-Team beim 2012/13 Volvo-Ocean-Race-Sieger Groupama.

Der Schritt zum Foiling erfolgte mehr durch ein Spaß-Projekt, das ihn ins Rampenlicht rückte: Ein fliegender A-Cat. 15 Jahre segelte er in der Klasse, und dann begann er, mit Rudern und Schwertern zu experimentieren,  mit denen sich der kleine Kat kontrolliert aus dem Wasser heben ließ.

Inzwischen ist das schon fast ein alter Hut. Fischer schob maßgeblich das Flying Phantom-Projekt an und brachte den GC32 Foiler auf Kurs. Seine Expertise auf dem Gebiet der fliegenden Segelboote ist unerreicht.

Als Spezialist für Strömungslehre spielt er in der höchsten Liga. Aber erst 2010 gab er seine Klima-Firma auf und wechselte zum Bootsdesign. 2013 verhalf er Franck Cammas und Groupamazum Little America’s Cup-Gewinn mit einem fliegenden C-Class-Katamaran und direkt danach kam der Anruf des Luna Rossa Teams für ihren Angriff des Cups 2017.

Aber nach der skandalösen Regeländerung von Ellison und Coutts löste sich Patrizio Bertelli das Team auf und schrieb 20 Millionen Euro in den Wind. Fischer wechselte kurzfristig zum Groupama Team France, doch es fehlte das Geld, um ein schnelleres Boot bauen zu können.

Nun hat er beim Luna Rossa Team alles, was er braucht für einen erfolgreichen Cup-Auftritt. Aber dieses Spielfeld ist längst nicht sein einziges Eisen im Feuer. Fischers Ideen und Berechnungen sind auch in den neuen Maxi-Triaman “Sodebo” eingeflossen.

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „America’s Cup: Der neue Luna Rossa Cupper – Deutscher Chef-Designer Fischer erklärt Details“

  1. avatar Mirko sagt:

    Wow! Vorort und aus erster Hand – Solche Berichte verspreche ich mir von Euch! Wenn diese Form von Journalismus dauerhaft geboten würde, wäre ich auch bereit ein teureres Abo zu zahlen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

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