America’s Cup: Eindrücke aus Bermuda – Wie Land Rover BAR den Cup heimbringen will

"Nicht abergläubisch"

Man könnte eine technische Panne bei der Taufe des Land Rover BAR Teams in Bermuda als schlechtes Omen werten. Sie könnte aber auch ganz anders gedeutet werden…

Georgie Ainslie könnte ziemlich genervt sein. Sie steht auf einer wackeligen blauen Rampe, hat schon zum zweiten Mal gesagt: “Ich taufe dieses Rennboot auf den Namen ‘Rita’. Möge Gott es segnen und alle, die auf ihm segeln”. Hat schon zum zweiten Mal den roten Knopf gedrückt, den Mechanismus ausgelöst und die Sektflasche auf eine Strebe knallen lassen – aber nichts ist passiert. Diese verdammte Flasche geht nicht kaputt.

Aber die Gattin des Skippers ist Medien-Profi. Als in England bekannte und beliebte Sport-Moderatorin weiß sie die peinlichen Momente zu überspielen. Die Arbeiter basteln an der Apparatur, die Menge wartet und witzelt, Frau Ainslie setzt auf Haltung durch Humor. Tatsächlich schafft sie das Kunststück, dieser Taufe auf regennassem Asphalt neben Wellblechhallen und Kränen noch einen gewissen Charme zu vermitteln.

Hier geht es nicht um eine auf Hochglanz polierte Außendarstellung, wie sie 2007 zum Höhepunkt der Cup-Geschichte von BMW Oracle, Alinghi oder Luna Rossa in Valencia zelebriert wurde. Und wie es daheim im 25 Millionen Euro teuren Portsmouth- Haupquartier schon mal nötig ist, wenn mal wieder Herzogin Kate vorbei schaut. Wie soll hier in Bermuda auch Edelmarken-Stimmung aufkommen, wenn bei Nieselregen im Hintergrund Baulaster und Betonmischer weitere Bereiche der Royal Naval Dockyard für den America’s Cup vorbereiten.

Es gibt Wichtigeres als die Zeremonie

Die Panne bei der Zeremonie passt zu dem Eindruck, dass es Wichtigeres gibt, als der Welt einen gelackten Rennstall vorzuführen. Hier wird hart gearbeitet. Und die ersten Ergebnisse im Vergleich mit der Konkurrenz, zeigen die Notwendigkeit. Die Briten segelten in der vergangenen Woche mit ihrem Testboot den Gegnern hinterher.

Land Rover BAR

Sir und Lady Ainslie mit Baby Bellatrix in Feierlaune. © Lloyd I​mages

Finn-Olympiasieger Giles Scott, Taktiker und Grinder an der Seite von Ainslie, räumt im strömenden Regen vor der Bootshalle ein, dass es ein paar Probleme gab. Beunruhigt sei aber niemand. Das viel gesegelte Trainingsboot zeige langsam deutliche Gebrauchspuren und einige Systeme Abnutzungserscheinungen, bestätigt auch der zweite Steuermann Leigh McMillan, mehrfacher Extreme Sailing Series Champion, beim Abendessen.

Die Team-Protagonisten strahlen ein beeindruckendes Selbstbewusstsein aus. Sie gehören zur Mannschaft, weil sie sich in ihren eigenen Karrieren ans Siegen gewöhnt haben. Im Windschatten von Ben Ainslie, dem erfolgreichsten Olympia-Segler aller Zeiten, strampeln sie gerne zu weiteren Höchstleistungen. Was macht da schon ein kleines Problem bei der Taufe aus?

So viel könnte schief gehen

“Ich bin nicht abergläubisch”, sagt der Skipper und Steuermann im SR-Interview. “Wenn man sich immer Gedanken machen würde, wie viele Details schief gehen könnten, würde man wohl nicht gut schlafen können.” Er beschäftigt sich lieber mit Dingen, die er auch beeinflussen kann. Und der Verweis auf das starke Team, das er um sich geschart hat, erscheint mehr als eine Floskel.

Für Land Rover BAR arbeiten inzwischen 150 Menschen. Und Ainslie verweist auf die vielen Stunden, die in das Design geflossen sind. Das sind die Fakten, auf die er sein Selbstbewusstsein stützt. Die Hauptlast erledigt die Belegschaft  im Portsmouth-Hauptquartier.

Nach jeder Trainingseinheit werden Datenströme auf die britische Insel übermittelt und dort ausgewertet. Das ist der klassische Bereich, bei dem Autohersteller America’s Cup Teams helfen können. Die Betonung der Synergie-Effekte sind mehr als leeres Sponsor-Gerede. Die Jaguar Land Rover Spezialisten sind den Umgang mit dem Daten-Wust gewohnt und wollen sich selber in dem Cup-Zyklus weiterentwickeln.

Die Regatta wird zwar am Ende wieder auf dem Wasser entschieden, aber bevor die Segler glänzen können, geht es um vermeintlich dröge Dinge: Techniken der Datenübertragung, Computer-Simulationen, Vorhersage-Programme, Aerodynamik-Verhalten oder Hydraulik-Systeme.

Allerdings soll die alte America’s Cup Weisheit, “das schnellste Schiff gewinnt”, diesmal nur bedingt zur Anwendung kommen. Spezialisten aller Teams sind sich einig, dass die besten Teams so nahe beieinander liegen, dass auf den kurzen Kursen seglerische Fehler kaum ausgebügelt werden können. Ainslie spricht davon, dass diesmal Konstruktion und Crew-Leistung jeweils 50 Prozent für das Ergebnis ausmachen.

Formel 1 Berühmtheit hat Feuer gefangen

Bei Martin Whitmarsh leuchten die Augen, wenn er davon erzählt. Der 59-jährige Brite hat es in der Formel eins zu einer gewissen Berühmtheit gebracht als langjähriger Chef des Formel 1 Teams McLaren Mercedes. Eigentlich wollte er nach seinem Abgang aus der Motoren-Branche seinen Ruhestand genießen, aber nun hat er als Quereinsteiger in den Segelsport mächtig Feuer gefangen.

Land Rover BAR

Das Segelteam vor seiner neuen Rennmaschine. Unten links 49er Olympiasieger Xabi Fernandez. © Lloyd Images

Besonders Ainslie überzeugte ihn. “Der Mann ist ein Killer auf dem Wasser.” Und das müsse man als Sportler in einer solchen Position auch sein. Er kenne diese Siegertypen hinter dem Steuer aus der Formel 1. Er mag diese Fahrer nicht unbedingt. Die seien absolute Egoisten. “Das kann man sich bei den Seglern nicht leisten.” Aus seinen Worten klingt ehrlicher Respekt für seinen Skipper. “Ben ist intelligent und eine starke Führungspersönlichkeit.”

Dass Ainslie in Ausübung seines Sports anders sein kann, hat er 2011 gezeigt. Bei der Finn-WM wurde er gegenüber einem Kameramann handgreiflich und kassierte eine Unsportlichkeit-Sperre, die ihn fast Olympia gekostet hätte. Aber das ist eben auch schon sechs Jahre her.

Sexiest Female in the World

Inzwischen ist der Supersegler, der viele Jahre seine notorische Schüchternheit schwer überwinden konnte, am Tag vor der Taufe 40 geworden, hat seine Traumfrau geheiratet, die es immerhin mal unter die Top 100 der FHM-Magazin-Liste “Sexiest Female in the World” schaffte, ist seit sechs Monaten Vater von Tochter Bellatrix und hat sich in der exponierten Position an der Spitze des wohl stärksten britischen America’s Cup Herausforderers aller Zeiten behauptet.

Ainslie hat an seinem Auftreten gearbeitet, wie an einer Amwind-Schwäche. Im Interview platziert er überlegt die Botschaften der kommerziellen Partner. Er sieht die Menschen an beim Reden, lacht an den richtigen Stellen, parliert geschliffen vor Publikum, und nur selten – zum Beispiel wenn mal eine Taufe schief läuft – steht er wie früher mit typisch hängender linker Schulter etwas linkisch im Mittelpunkt.

Für die Präsentation eines America’s Cup Teams ist er eigentlich nicht geboren. Aber Ainslie will diese Kanne für England holen. Diese sportliche Herausforderung treibt ihn an. Nach vier Olympiasiegen gibt es nichts anderes mehr.

Und der Cup ist ‘unfinished business’. Seine Erstkontakte mit dieser Profi-Welt entsprachen noch nicht seiner Idealvorstellung: wie beim US-Team OneWorld vor 16 Jahren, als B-Boot-Steuermann beim Team New Zealand 2004 oder dem gescheiterten britischen Origin-Team und als Ersatzmann bei Oracle . Er will die Fäden in der Hand halten, hat dafür die sportlichen Grundlagen mit seinen Erfolgen geschaffen und ist nun in der Lage, ein Team zu führen, Sponsor-Verhandlungen zum Abschluss zu bringen und glaubwürdig zu repräsentieren.

CEO-Rolle an Whitmarsh abgegeben

Diese Position für Segler, an der Spitze eines Cup-Teams, ist eine Gefahr. Ein Chris Dickson bei BMW Oracle oder Jesper Bank beim deutschen Cup-Team sind daran schon gescheitert. Sie mochten die Macht nicht abgeben, haben die CEO-Rolle nicht loslassen können. Schließlich brachten sie auch hinter dem Steuerrad nicht mehr ihre sportliche Leistung. Das wäre ein Desaster für Ainslie. 

Deshalb hat er besonders intensiv hat er um Whitmarsh gebuhlt. Nun scheinen die beiden immer mehr auf eine perfekte Kombination zuzusteuern. Seit der Auto-Spezialist und Nichtsegler den CEO-Posten bei Land Rover BAR übernahm, kann sich Ainslie wieder mehr darauf konzentrieren, worauf es ihm wirklich ankommt: Segeln.

Deshalb war für ihn und das Team der Sieg bei der AC World Series so wichtig, obwohl die AC45F Einheits-Foiler mit den aktuellen Cuppern kaum mehr als eine ähnliche Silhouette teilen. Das Segelteam hat nicht nur zwei wichtige Punkt Vorsprung für die Herausforderer-Serie geholt, sondern auch jede Menge seglerisches Selbstvertrauen. Es passt auf dem Wasser. Und Ainslie scheint mit dem jungen Finn-Olympiasieger Giles Scott als Taktiker, der ihn fast im Kampf um den Olympiaplatz für London bezwungen hätte, immer besser zurechtzukommen.

Aber die wichtigen Fäden werden an Land gezogen. Da wirbelt Whitmarsh. Er überzeugt als begeisterter Kommunikator. Einmal in Fahrt, ist sein Redestrom kaum zu bremsen. Es geht um seine neue Herausforderung.  Er scheint fast kindlich überrascht, dass ihn die neue Aufgabe so sehr gefangen nimmt. “Für einen Ingenieur ist das ein Traumjob.”

Designer-Legende mit sechs Cup-Gewinnen

Gleich 42 Köpfe zählt das Design-Team der Briten. Darunter befindet sich mit dem 32-jährigen Hannoveraner Johannes Mausolf seit 2014 auch ein heller Kopf aus Deutschland. Er ist Spezialist für sogenannte VPP-Computerprogramme, die simulierte Modelle die zu erwartenden Geschwindigkeiten vorhersagen können. Er sitzt mit den meisten seiner Kollegen auf der britischen Insel, aber einige der Superhirne verstecken sich auch in der grauen Baracke der Bermuda-Basis.

Zur Taufe bewegt sich selbst die Designer-Legende Dirk Kramers weg vom Büro-Bildschirm. Er betrachtet das Geschehen abseits im Schatten einer Hebebühne. Der gebürtige Niederländer begleitet schon seinen zwölften America’s Cup und gewann ihn sechsmal, zweimal als Chef-Ingenieur für Alinghi und 2013 für Oracle. Nun füllt er diese Rolle für Ainslie aus und hilft Whitmarsh, die speziellen Anforderungen der Segelei zu verstehen.

Es ist schwer zu glauben, dass die Vorbereitung eines Cupsieges noch besser gestaltet werden könnte. Die Briten gehören sicher zu den Mitfavoriten mit einem Budget, dass 100 Millionen Euro überschreiten soll. Aber auch die Gegner sind stark. Oracle und Artemis verfügen über ähnliche Ressourcen aber mehr Erfahrung. Und sie trainieren schon seit Monaten mit den Japanern vor Ort.

Könnte fehlende Revierkenntnis den Briten ein Problem bereiten? Das ist Ainslies wunder Punkt. Es wurmt ihn, dass die Gegner sich bei diesem Aspekt vielleicht Vorteile erarbeiten.  Aber die Briten mussten eine Präsenz in England aufbauen, um auch die britische Bevölkerung hinter sich zu bekommen. Die Sponsoren brauchen das und schließlich hat auch die Regierung 7,5 Millionen Euro in den Topf getan.

Die verdammte Flasche

Man wird darüber diskutieren, wenn Ainslie die ersten Rennen verlieren sollten. Aber daann könnte manch einem auch dieser Tag Anfang Februar wieder ins Gedächtnis kommen, als diese verdammte Flasche nicht zerbrechen will. Bei einer Schiffstaufe sollen schließlich die Götter besänftigt werden, damit Mannschaft und Schiff heil im Hafen ankommen. Beweise dafür, dass Neptun richtig sauer werden kann gibt es zur Genüge. Die “Titanic” zum Beispiel wurde nicht getauft.

Aber in der America’s Cup Welt scheinen diese Brauchtümer dann doch eher aus der Mode zu kommen. Ainslie ärgert sich als Perfektionist eher darüber, dass dieser Tauf-Vorgang technisch nicht funktioniert hat. Und er ist ‘not amused’, dass seine Spielerfrau da vorne so alleine im Regen stehen muss – im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber Lady Ainslie hat die Situation im Griff, auch wenn man das von den Sektflaschen-Apparatur-Konstrukteuren nicht gerade behaupten kann. Sie spannen den Aufschlag-Mechanismus neu. Doch wieder passiert nichts. Wie bei Landsfrau Camilla Parker Bowles, als sie den Kreuzfahrer “Queen Victoria” taufen sollte. Eerst eine Ersatzflasche zerplatzte ordnungsgemäß. Dem Schiff geht es übrigens immer noch gut.

Beim Land Rover BAR Team geht es dann doch pragmatischer zu. Einer der Männer im schwarzen Team-Shirt nimmt jetzt einfach den Hammer. Auch diese Entscheidung könnte als Symbol verstehen, wie eine erfolgreiche America’s Cup Kampagne abzulaufen hat.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „America’s Cup: Eindrücke aus Bermuda – Wie Land Rover BAR den Cup heimbringen will“

  1. avatar Clickme sagt:

    Och Carsten, könntest Du Dir nicht die click-bait teaser auf der SR – Startseite sparen?

    Das fällt inzwischen bei deinen Artikeln wirklich auf. Und zwar wie ich finde unangenehm. Michael Kunst macht das ganz anders (besser).

    Vielleicht geht es aber auch nur mir so das ich mich als Leser mit einem dummen Manipulationsversuch konfrontiert sehe…

    Immer das gleiche Muster: Ein Satz als spektakulärer opener. Und dann im letzten Satz des teasers unspezifisch eine Kontroverse oder eine unerwartete Wendung ankündigen. In den allermeisten Fällen würden ein, zwei Worte reichen um dem Leser klar zu machen um was es geht. Aber nein, man muss noch einen blöden Köder auswerfen.

    Carsten, Deine Leser sind nicht doof und ich finde es wirklich schade das mit konsequenter Verwendung von click-bait dieses hässliche Stilmittel des Online-Journalismus nun auch hier Einzug hält.

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