America’s Cup: Erinnerung an Andrew Simpson – heute: Artemis vs Luna Rossa

"Er hätte gewollt, dass ich weitermache"

Das Artemis Racing Team tritt heute erstmals um 22:15 deutscher Zeit beim Louis Vuitton Cup an. Die sportliche Bedeutung verblasst neben der emotionalen Dimension. Ein Video erinnert an Andrew Simpson, der vor genau einem Jahr das olympische Starboot-Medalrace vor Weymouth gesegelt ist und am 9. Mai 2013 unter dem gekenterten AC72 Artemis Katamaran starb.

Dem Starboot Finale 2012 folgte keine Freudenfeier. Silber war eine große Enttäuschung für den Briten mit Steuermann Iain Percy, da er mit großem Vorsprung in das letzte Rennen gegangen war. Aber danach fand er schnell wieder in die Spur zurück als fairer und vorbildlicher Sportsmann.

Dennoch wäre es wohl seine letzte Regatta als Starboot-Profi gewesen. Simpson bereitete sein Beruf- und Familienleben mit Frau und zwei kleinen Kindern vor. Er gründete mit einem Partner einen Betrieb für Designer-Möbel aus einer speziellen Kohlefaser-Holz-Kombination und stürzte sich in die Arbeit, bis im März 2013 der Anruf von Kumpel Iain Percy aus San Franciso kam.

Andrew Simpson Stern

STERN Screenshot. Die Story über Andrew Simpson.

Terry Hutchinson war aus dem Team geflogen und Percy sollte als Sportdirektor die Mannschaft hochkarätig ergänzen. Kumpel Simpson sagte zu. Der Job war gut bezahlt und zeitlich überschaubar. Was für eine Tragik, dass es genau Simpson traf. Dass er bei dem Überschlag am 9. Mai unter die Trümmer des berstenden Kats geriet.

Bevor es heute Abend die Leistungsfähigkeit des Artemis Teams geht, sollte man sich die Dramatik des Unfalls noch einmal vor Augen führen. Vor zwei Monaten war SegelReporter vor Ort in San Francisco, um das erste Interview zu führen, das Percy überhaupt nach dem Unfall geführt hat.

Mit dem STERN in San Francisco

STERN Autor Walter Wüllenweber hatte eine Kooperationsanfrage gestellt und so sind wir zusammen in die America’s Cup Stadt geflogen, um eine Woche vor Ort zu recherchieren. Das Ergebnis war vergangene Woche im STERN 31/13 zu lesen (Inhaltsangabe, Nachbestellung).

Andrew Simpson Stern

STERN Screenshot. Andrew Simpson mit Nachwuchs und bestem Freund Iain Percy

Ich machte den Kontakt zu Percy, den ich noch aus Laser-Zeiten kenne. Bei der Laser WM in Kapstadt 1996 schlug er mich als fünfter um zwei Plätze. Das Treffen fand in der Flughafen Lounge von San Francisco statt. Der Brite war für eine Trainingspause auf dem Sprung nach London.

Walter wollte über die Männerfreundschaft der drei Kumpels Simpson, Percy und Ainslie schreiben und hatte dafür schon mit dem Jugendtrainer Jim Saltenstall in England telefoniert. Schließlich erzählte Percy aber auch über den schwierigsten Augenblick in seinem Leben.

Zum eingeklemmten Freund getaucht

Der Lärm und die Ansagen im Flughafen traten weit in den Hintergrund, als der athletische Artemis Sportchef diesen letzten Augenblick noch einmal skizziert. Er redet gefasst, klar, konzentriert. Die Worte scheinen ihn nicht zu quälen. Wie oft muss sich der Moment der Kenterung in seinem Hirn schon abgespielt haben. Wie oft muss er sich gefragt haben, ob er irgendwas hätte anders machen können, um den engsten Vertrauten zu retten.

SegelReporter Iain Percy

SegelReporter im Interview mit Iain Percy vor zwei Monaten in San Francisco. © SegelReporter

Percy beschreibt, wie er zu seinem eingeklemmt Freund tauchte, um ihm die kleine Sauerstoffflasche zwischen die Lippen zu drücken. Dabei weiß er nicht, ob sein Vorschoter schon bewusstlos ist.

Von oben schneiden sich Retter mit Messern durch das Wrack, um Simpson zu bergen. Der Katamaran ist quasi über ihm zusammengeklappt, als der Beam bei dem Stecker brach. Simpson saß auf Masthöhe. Dort faltete sich der Kat mit dem Trampolin über ihm zusammen.

Es ist ein schrecklicher Unfall. Unglaublich, welche Kraft es kosten muss, nach so einer Erfahrung wieder auf einen AC72 zu steigen.

Wüllenweber schreibt: “Längst ist allen klar: Die riesigen AC72 sind ein Irrweg des Segelsports. Ende September wandern sie ins Museum. Doch dieser eine Americaʼs Cup wird auf den gefährlichsten Booten der Welt zu Ende gesegelt. Eisern. Auch das Artemis-Team will starten. Mit Iain an Bord. “Eigentlich bin ich noch lange nicht so weit”, sagt er. „Aber Bart hätte gesagt: ,Reiß dich zusammen.ʻ Er hätte gewollt, dass ich weitermache.”

Das Rennen soll live übertragen werden auf dem America’s Cup YouTube channel, über die AC App oder Virtual Eye.

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „America’s Cup: Erinnerung an Andrew Simpson – heute: Artemis vs Luna Rossa“

  1. avatar jorgo sagt:

    Sehr bewegender Bericht im Stern … danke!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. avatar x-claim sagt:

    Ja ein wirklich seghr bewegender Bericht – jetzt auch auf Stern Online:

    http://www.stern.de/sport/sportwelt/americas-cup-abschied-unter-wasser-2060776.html

    Auch von mir – Vielen Dank!

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