America’s Cup: Herausforderer machen Druck auf Neuseeland – Dürfen sie ins Land?

Gewagtes Spiel

Der America’s Cup wird in Neuseeland zum Politikum. Sollte man die Grenzen öffnen, um die ausländischen Segler ins Land zu lassen? Sind sie wichtig genug für die Wirtschaft des Landes? Nur den Italienern scheint es egal zu sein.

Der AC75 DEFIANT wird in Pensacola auf einen Frachter geladen, der nach Auckland fährt. © American Magic

Terry Hutchinson macht Druck. Vorsichtigen Druck. Es könnte nicht schlau sein, die politischen Entscheidungsträger zu verärgern. Schon gar nicht als Amerikaner in einem kleinen, selbstbewussten Land wie Neuseeland. Aber dem CEO und Taktiker des US-America’s Cup-Herausforderers American Magic läuft die Zeit davon.

Er sitzt mit seinem mehr als 200 Mitarbeiter großen Team auf der Basis in Pansacola fest, kann wegen der Corona-Krise den ursprünglich geplanten Umzug zum Hauptquartier nach Newport nicht vollziehen, muss aber Florida schnell verlassen, weil am 1. Juni die Hurrikan-Saison beginnt. Und die soll 2020 überdurchschnittlich heftig werden.

Also haben die Amerikaner den Plan geändert. Sie wollen nach dem Ausfall der Europa-Saison früher nach Auckland reisen, um dort ihre Basis zu beziehen und mit dem Boot aufs Wasser zu kommen.

Genug Einfluss auf die Wirtschaft?

Das Problem: Noch sind Neuseelands Grenzen für Ausländer geschlossen. Und der harte Abschottungskurs von Premierministerin Jacinda Ardern wird überwiegend gefeiert. Hat er doch den kleinen Inselstaat zu einem der sichersten Länder in Bezug auf die Gefahr von Corona-Ansteckungen gemacht.

Aber wie anderswo leidet die Wirtschaft. Nur deshalb hat der America’s Cup wohl überhaupt eine Chance, im geplanten Zeitraum von Januar bis März 2021 stattzufinden. Andere große Sportveranstaltungen im Land wurden schon verschoben, für den Cup ist das nicht geplant. Die Teams lassen Geld im Land
Ganz besonders die Superyacht-Flotte, die dem Zirkus folgt. 120 Eigner haben ein Interesse bekundet, nach Auckland zu kommen. Platz ist nur für 75 Yachten. Sie müssen nicht nur unterhalten werden, sondern lassen von den hochspezialisierten lokalen Werften auch Reparatur- und Refit-Arbeiten ausführen. Ohne den Cup würden viele Eigner nicht den umständlichen Weg nach Neuseeland auf sich nehmen.

Die Amerikaner wähnen sich deshalb in einer starken Position. Sie haben ihren AC75 “Defiant” auf einen Frachter verladen und nach Auckland geschickt, ohne dass klar ist, ob auch die Menschen hinterher reisen dürfen. Sie hoffen, dass sich die Politiker auf einen Umgang mit den Cup-Teams geeinigt haben, wenn das Schiff und die Ausrüstung Ende Juni in Neuseeland eintrifft.

Ausnahmegenehmigung beantragt

Es ist ein gewagtes Spiel. Denn bisher gibt es von den Behörden noch keine klaren Aussagen zu den Anforderungen. Amerikaner und auch das britische INEOS Team hätten Anträge auf eine Ausnahmegenehmigung gestellt, heißt es von den Teams, aber die seien offenbar noch nicht bearbeitet worden.

Dabei gibt es durchaus Einreise-Sonderfälle, die von der NZ-Regierung genehmigt wurden. So konnten in dieser Woche die Dreharbeiten zum Film “Avatar 2“ fortgesetzt werden, der Ende 2021 erscheinen soll. Dafür musste man rund 400 Mitarbeiter ins Land lassen. Die Genehmigung erfolgte, weil die Produktion dem Land erhebliche wirtschaftliche Vorteile bringen soll.

Auf diese Kategorisierung warten nun auch noch die Segler. Aber sie erscheint logisch. Schließlich hat die Kiwi-Regierung genau aus diesem Grund zuvor auch in das Team New Zealand und die Infrastruktur der Veranstaltung investiert.

“Vitamin Sea”

Dessen ungeachtet gibt sich der Challenger of Record Luna Rossa bemerkenswert leise in der Diskussion. Es liegt wohl an der Strategie. Erst schienen die Italiener die großen Verlierer der Corona-Situation sein zu können. Das Land ist besonders stark betroffen, der Prada-Konzern finanziell betroffen und die Persico-Werft musste den AC75-Neubau stoppen, da sie mitten im Krisenzentrum Bergamo liegt.

Aber dann haben die Verantwortlichen einen Weg gefunden, wie sie auf Sardinien mit ihrem Cupper segeln können – mit kleiner Crew und Elektromotoren für die Winschen. Und nun sind sie schon seit einigen Wochen das einzige Team, das einen AC75 auf dem Wasser bewegt. So muss das jüngste Segel-Video den Gegnern wie Hohn vorkommen.

Ob sich die Italiener allerdings wirklich einen Vorsprung auf dem Wasser erarbeiten können, bis sie selber wohl im September nach Neuseeland reisen, bleibt abzuwarten. Schließlich sind sich Beobachter einig, dass gerade dieser America’s Cup insbesondere hinter verschlossenen Türen gewonnen wird.

Nicht zuletzt die Neuseeländer selber haben mit ihrem Sieg 2017 verdeutlicht, dass Wasserzeit nicht mehr die alles entscheidende Bedeutung hat. Sie waren das letzte Team, das in Bermuda anreiste und hatten den am besten entwickelten Segel-Simulator zur Verfügung. Gerade auf diesem Gebiet haben alle aktuellen Cup Teams immens nachgerüstet. Dieser Cup wird mehr noch als sonst am Computer entschieden.

Irgendwann muss man dann aber doch aufs Wasser. Viel deutet darauf hin, dass die Teams bald grünes Licht aus Auckland bekommen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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