America’s Cup: Italiener gewinnen beide Starts – aber es steht 5:3 für Neuseeland

Verrücktes Rennen

Was für ein dramatischer fünfter Renntag beim America’s Cup. Zweimal liegt Luna Rossa vorne, doch die Punkte gehen an das Team New Zealand. Die Kiwis holen sogar einen vierminütigen Rückstand auf.

Die italienischen Fans feiern schon. Was soll auch passieren. 4:08 Minuten liegt Luna Rossa am Leetor vorne. Fast zwei Kilometer segeln die Kiwis hinterher. Das muss doch reichen für einen Punkt, für den erneuten Gleichstand von 4:4.

In diesem sechsten Rennen sind sie wieder voll da, haben sich schnell vom schweren Niederschlag des ersten Duells am Tag erholt. Da lagen sie nach einem erneut starken Start klar vorne, mussten sich aber auf der zweiten Runde überholen lassen. Die Gründe: Fehlender Speed und ein taktischer Fehler. Erstmalig kommt es zu einem Überholmanöver. Der Widerstand von Luna Rossa schien gebrochen zu sein.

Meisterlicher Spithill-Start

Von wegen. Meisterklasse, wie Spithill diesen zweiten Start gewinnt. Diesmal liegt die Startlinie so schief, dass die linke Seite stark bevorteilt ist. Er holt sie sich, obwohl die Aufgabe schwierig ist als von rechts eintauchendes Boot. Aber er setzt sich mit einer Halse vor den Gegner und nutzt die Fähigkeit des Bootes, auf den Foils zu bleiben und dabei dennoch langsam zu segeln. So kann er effektiv bremsen und die Gefahr mindern, zu früh über die Linie zu segeln.

Zuerst scheint er etwas spät dran zu sein – Burling kreuzt die Linie eine halbe Länge voraus und mag ausreichend Abstand nach Luv haben – aber schließlich findet Spithill schnell in den Höhe-Modus. Er verschafft dem Gegner so schnell aerodynamische Nachteile aus der sicheren Leestellung wie es in dieser Final-Serie bisher noch nicht passiert ist. Schon wenige Bootslängen nach dem Start muss Burling wegwenden.

Die Italiener absolvieren den ersten Cross in der Führungsposition, segeln dann ausgesprochen selbstbewusst mit den an diesem Tag deutlich stärkeren Winddrehungen auf Kurs E, verzichten überraschenderweise auf eine enge Deckung, finden aber seglerisch den richtigen Weg auf der ersten Kreuz.

Probleme mit der Fock bei Luna Rossa

Der Vorsprung an der Luvtonne von 16 Sekunden scheint beruhigend. Aber dann gibt es ein Problem mit dem Vorsegel. Die Schot kann offenbar nicht dicht genug getrimmt werden. Das Achterliek dreht zu weit auf. Es fehlt der Druck im Segel. Nach zwei Halsen liegt Luna Rossa nur noch 50 Meter vorne.

Die Fock wird bei Luna Rossa nicht richtig dicht getrimmt. TNZ kommt heran. Aber dieses Problem ist nicht entscheidend.

Die Kiwis scheinen einfach in Luv vorbei rasen zu können und Steuerbord-Steuermann Spithill startet schon das aggressive Luv-Manöver zur Verteidigung. Aber Burling lässt sich nicht auf den engen Zweikampf ein, dreht in eine Halse, segelt in den vom eigenen und gegnerischen Segel erzeugten turbulenten Luftstrom und klatscht ins Wasser. Luna Rossa segelt 33 Knoten schnell davon. Team New Zealand treibt mit 10 Knoten durchs Wasser und versucht mit einem Steuerwinkel von 90 Grad zum Wind wieder in den Flugmodus zu kommen.

Die roten Anliegelinien zeigen, wie stark die Leeseite der Startlinie bevorteilt ist…

…TNZ scheint zwar ausreichend Abstand zum Leebot zu haben…

…Der verpufft aber durch die schiefe Startlinie…

…LNR packt seinen Höhen-Modus aus und “quetscht” TNZ ab…

…Die Kiwis müssen wenden, um sich zu befreien…

…Diesmal passt die Vorsegelwahl bei LNR und der Speed reicht aus, um den Vorsprung zu halten…

…Der erste Cross geht klar an LNR…

…Der Vorsprung am Luvtor ist solide…

…Aber TNZ holt vor dem Wind schnell auf, als LNR ein Trimmproblem mit der Fock zu haben scheint…

…Burling vermeidet aber den engen Zweikampf, halst weg und fällt nach dem Manöver in turbulenter Luft durch Gegner und das eigene Segel von den Tragflächen. Ein kostspieliger Fehler, der aber nicht bestraft wird.

Es funktioniert nicht. Die Italiener fliegen davon. 4:08 Minuten beträgt ihr Vorsprung am Leetor. Burling und Co haben quälende Minuten zu überstehen, bis sie wieder in Fahrt kommen. Das Rennen scheint gelaufen.

Kein schönes Bild für ein Flugboot. Luna Rossa im Verdränger-Modus. © ACE | Studio Borlenghi

TNZ zieht auf dem Vorwindkurs am parkenden Herausforderer vorbei © ACE | Studio Borlenghi

Das Drama des achten Rennens in einer Grafik. Der Verdängermodus erzeugt jeweils einen fiesen Ausschlag nach unten auf der Speed-Skala

Bis zur letzten Wende der zweiten Kreuz. Der Wind sackt deutlich unter 9 Knoten. In Luv ist er noch leichter. Und plötzlich fällt Luna Rossa ins Wasser. Unglaublich! Eben sah es noch so aus, als könnten sie das Team New Zealand fast überrunden. Nun rasen die Kiwis wieder vorbei. Nach einer Bahnverkürzung liegen sie beim dritten Luvtor schließlich 3:55 im Ziel vorne. Es steht 5:3.

Das Vorsegel entscheidet

Was für eine Achterbahnfahrt für Luna Rossa. Zwei verpasste Chancen, zwei Niederlagen. Schon im siebten Rennen hätten sie punkten müssen. Diesmal nutzt Spithill die Luvposition zu einem Vorteil. Starkes Timing, guter Abstand nach Lee, fünf Knoten mehr auf der Startlinie und die lockere Abwehr eines schwachen Luvmanövers bestätigt die vermutete Dominanz, die von ihm vor der Rennserie gegenüber einem 49er-Spezialisten wie Peter Burling erwartet worden war.

Aber diesmal führt eine Entscheidung gut 15 Minuten vor dem Start über den Ausgang des Rennens. Die Wahl der Fock. Team New Zealand setzt das kleine J3 Vorsegel für eine Windstärke knapp über zehn Knoten, Luna Rossa entscheidet sich für die deutlich größere J1.5.

Je stärker der Wind, umso höher ist der Speed und damit wächst der Widerstand eines zu großen Vorsegels. Die Kiwis sind teilweise bis zu vier Knoten schneller am Wind. Auch bei den Wenden flattert die größere LR-Fock stärker und bremst.

Diese Situation würde eigentlich vom Gegner eine enge Deckung verlangen. Er könnte mit seinem Windschatten Einfluss zu nehmen. Aber die Italiener erkennen ihr Defizit offenbar nicht oder wollen es nicht wahrhaben. Sie lassen die Neuseeländer nach der ersten Leetonnenrundung zu lange unbehelligt auf die rechte Seite segeln.

Die Cup-Verteidiger nutzen aber den Split, um ihren Vorteil auszuspielen. Und als sie nach der Wende am Spielfeldrand auch noch von einer kleinen Rechtsdrehung des Windes begünstigt werden, liegen sie vorne. Es ist das erste Überholmanöver bei dieser America’s Cup Serie.

Das Überhomanöver: LNR liegt am Leegate vorne…

…und entscheidet sich bei dem fast 30 Grad links gedrehten Wind die linke Kursseite zu sichern…

…TNZ dagegen wendet sofort beim Leetonnenmanöver…

…und LNR gewährt dem Gegner einen großen Split nach rechts…

…TNZ kan seinen Speed ausnutzen wendet mit einer Rechtsdrehung…

…und zwingt LNR beim nächsten Cross zum Ausweichen…

…Fast scheint es, als könnte LNR die Leewende gelingen, aber schließlich ist es ein Fehler, nicht hinter dem Gegner zu passieren…

…Der Verlust in der Wende ist zu groß. Mit mehr als 35 Knoten Speed kann TNZ den Gegner überlaufen.

Der Performance-Unterschied im siebten Rennen ist deutlich.

In keinem Rennen wies TNZ bisher einen so großes VMG-Vorteil auf.

Und jetzt? Kann Luna Rossa am sechsten Renntag morgen noch einmal zurückkommen? Es spricht wenig dagegen. Heute hatten die Neuseeländer insbesondere im letzten Rennen das Glück auf ihrer Seite. Es reichte aus, einfach auf die Fehler von Luna Rossa zu warten. Aber darauf sollten sich die Kiwis nicht verlassen.

Spithill hat sich die erwartete Dominanz beim Start erarbeitet. Und morgen wie erwartet wieder leichter Wind herrschen soll, kann es ganz schnell 5:5 stehen. Allerdings könnte der heutige Renntag auch viel Druck von Burlings Schultern nehmen. Er hat sich mit seinem Team den Punkte-Spielraum erarbeitet, mehr Risiko beim Start eingehen zu können. Der morgige Renntag mag die Neuseeländer im Freudentaumel sehen. Sie können den Sack zumachen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „America’s Cup: Italiener gewinnen beide Starts – aber es steht 5:3 für Neuseeland“

  1. avatar Jörg Gosche sagt:

    Regatten mit Foilernn bei Bedingungen wie im letzten Race sind einfach ätzend! Da spreche ich aus eigener Erfahrung.

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