America’s Cup: Kenterung und Leckage von American Magic – Was hinter dem Unfall steckt

"Heldenhafter Einsatz"

Die Kenterung von American Magic hat für das Team fatale Folgen. “Patriot” wäre fast gesunken. Aber wodurch ist das Loch im Rumpf entstanden? Skipper Terry Hutchinson erklärt. Ein Comeback wird schwierig.

Der Abflug des amerikanischen AC75 Cuppers im sechsten Rennen des Prada Cups vor Auckland hat dem America’s Cup auf unerwünschte Weise eine Aufmerksamkeit gebracht, die bisher nicht erwartet werden konnte. Die Bilder des in die Luft aufsteigenden Foilers mit seiner elfköpfigen Crew sind um die Welt gegangen.

Nicht ganz so stabile Seitenlage. © COR 36 | Studio Borlenghi

Dabei waren Kenterungen der neuen Bootsklasse bisher nichts Besonderes. Alle vier Teams haben sie im Training erlebt. Den Neuseeländern passierte es schon vor gut einem Jahr und zuletzt vor sieben Tagen. Auch die neue amerikanische “Patriot” hat sich schon im Oktober beim ersten Testschlag vor Auckland unkontrolliert in die Lüfte gehoben.

Unterkante Oberlippe. “Patriot” droht auf Tiefe zu gehen. © COR 36 | Studio Borlenghi

Dabei zeigte der neue Schiffstyp, dass er im Gegensatz zu sein zweirümpfigen Vorgängern es nahezu ungeschoren übersteht, wenn das Masttopp im Wasser landet. Nach dem Umkippen wird ein Krakenarm abgeklappt, und das Gewicht soll den Rumpf so wieder aufrichten wie eine Jolle, deren Crew auf dem Schwert steht.

Das Prinzip funktioniert eigentlich, bei “Patriot” klappt das aber nicht. Die Elektronik ist ausgefallen. Der Cupper wird mithilfe der Motorboote wieder aufgerichtet – und droht auf Tiefe zu gehen. Denn der Rumpf weist ein riesiges Loch auf, durch das Wasser offenbar auch im gekenterten Zustand herein strömt.

Mit vereinten Kräften aller America’s Cup Teams, der Rennorganisation, Polizei und Feuerwehr gelingt es schließlich erst nach einer Stunde, das Sinken zu verhindern. Es hätte das Ende der amerikanischen America’s Cup Kampagne bedeutet. 23 Pumpen kommen zum Einsatz. Mit einem Lecksegel wird das Loch verschlossen. Auftriebskörper halten das Schiff über Wasser.

Skipper Terry Hutchinson bedankt sich für den “heldenhaften Einsatz” aller Beteiligten. Auch die Hilfe der die Konkurrenten Emirates Team New Zealand, INEOS TEAM UK und Luna Rossa sei “spektakulär” gewesen. “Man muss die großartige Unterstützung unser Segelgemeinschaft anerkennen. Ohne sie wäre es heute ein ganz anderes Szenario. Das Boot wäre den Grund gegangen”.

24 Stunden nach dem Unfall und der Untersuchung der Rumpfstruktur bestätigt er in einer Pressekonferenz, dass sein Team versucht, in zwei Wochen wieder auf dem Wasser zu sein. Damit würden die Round-Robin-Duelle am nächsten Wochenende ausfallen. Aber die haben für American Magic in Bezug auf den Tabellenstand ohnehin kaum eine Bedeutung.

Nur der Sieger erhält den direkten Platz im Prada-Cup-Finale. Das wäre ohnehin für die Amerikaner nach 0:4 Punkten kaum noch zu erreichen.

Der Stand nach dem ersten Prada-Cup Wochenende. Die Luna Rossa kann bei zwei ausstehenden Rennen gegen die Briten maximal nur noch einen Gleichstand erreichen.

Hutchinson kündigt an, dass er guter Hoffnung ist, das Schiff pünktlich zum Halbfinale am 29. Januar wieder in Fahrt zu bringen. Er hofft, das Boot für Tests schon einige Tage vorher wieder auf das Wasser zu bringen.

Die Hydraulik soll nur kleinere Schäden aufweisen. Größere Sorgen macht die Elektronik. “Wir haben einen realistischen Zeitplan erarbeitet und eine großartige Unterstützung durch die lokale maritime Wirtschaft von Auckland. Und alle Teams haben ihre Dienste angeboten, um Patriot wieder auf das Wasser zu bekommen.”

Mit vereinten Kräften und dem Auftrieb der Gummiboote wird versucht, dass Schiff über Wasser zu halten. © COR 36 | Studio Borlenghi

Ein Lecksegel wird um den Rumpf geschlungen. © COR 36 | Studio Borlenghi

Auftriebskörper und die Kraft von 23 Pumpen verhindern das Absacken. © COR 36 | Studio Borlenghi

Der Amerikaner betont noch einmal die Hilfsbereitschaft. “Ich genieße die Zeit, in der wir über Dinge streiten, die getan werden müssen, um bei dieser Regatta zu punkten. Aber am Ende des Tages kann man keinen besseren Sportsgeist und kaum mehr Großzügigkeit antreffen als von diesen Teams, gegen die wir segeln. Es ist eine ehrliche Aufrichtigkeit. Sie haben ihre Einrichtungen für uns erweitert, um Patriot zu reparieren und deshalb befinden wir uns in einer sehr starken Position. ”

Von einer Regenböe erfasst

Der einfachste Teil der Repartur sei wohl die des Rumpfes. Die durch das Wasser beschädigte komplizierte Elektronik macht größere Probleme. “Da steckt viel Arbeit drin.” „Patriot“ habe 45 Tage gesegelt und sei unglaublich zuverlässig gewesen. Dieser Zustand ist offenbar nur schwer wieder herzustellen.

Im Rumpf klafft ein riesiges Loch. Schaffen es die Amerikaner zurück ins Rennen? Bild: © COR 36 | Studio Borlenghi

Zum Grund der Kenterung sagt Hutchinson nicht sehr viel. Der Speed habe etwa 47 Knoten betragen. “Es gibt eine Querstruktur im Inneren des Bootes und eine Längsstruktur. Wenn das Boot gerade auf dem Wasser aufschlägt, ist das kein Problem. Aber wenn man auf der Seite landet, drückt sich die Struktur durch die Außenhaut. Wir haben Glück, dass beide Batterien aus dem Boot entfernt werden konnten und keine Hydraulikflüssigkeit ausgetreten ist.”

Die Phase nach dem Aufschlag. © COR 36 | Studio Borlenghi

Der Foil-Arm in Luv lässt sich nicht nach unten bewegen. Der AC75 richtet sich deshalb nicht alleine auf. © COR 36 | Studio Borlenghi

In der Pressekonferenz erklärt Hutchinson weiter, dass “Patriot” im Moment der Rundung von einer Regenböe erfasst wurde. Hutchinson sagte, dass der Wind in 40 Sekunden von 12 auf 23 Knoten zugenommen habe und das Schiff extrem beschleunigt habe.

Unnötiges Risiko?

Im Bordfunk hat der britische Laser-Olympiasieger Paul Goodison darauf hingewiesen, dass die Wende mit dem folgenden Abfallen auf den Vorwindkurs um die linke Luvtonne es ein schwieriges Manöver werde. Angesichts eines bis dahin starken Rennens mit komfortablen Vorsprung gegenüber Luna Rossa, der am Leetor 44 Sekunden betrug, wäre es tatsächlich eine Überlegung wert gewesen, die rechte Tonne mit einem einfachen Abfallen ohne Wende zu runden.

Aber Hutchinson bekundet, dass er der Vorsprung offenbar längst nicht als sicher ansah, da der Wind zwischen 9 und 23 Knoten Stärke schwankte. Man habe die Böe auf der linken Seite gesehen und wollte den Druck dort mitnehmen. Auf der anderen Seite sei deutlich weniger Wind gewesen und er hatte offenbar Angst, wieder von den Foils zu fallen. Dieses Problem kostete die Amerikaner bei vorherigen Rennen wichtige Punkte.

Die unterschiedliche Foil-Größe bei den drei Teams. Die Amerikaner weisen die kleinste Fläche auf und haben Probleme beim Leichtwind-Foiling.

Deshalb das komplizierte Tack-bear-away-Manöver. Dabei gab es einige Probleme. So war unter anderem das Großsegel trotz maximal geöffnetem Traveller nicht weiter zu fieren, weil es hart gegen das Lee-Backstag drückte. Es entstand zu viel Druck im Rigg und zu viel Krängung. Dadurch änderte sich abrupt der Anstellwinkel des Lee-Foils und es kam zum Abflug.

Der Schaden sei schließlich durch den harten Aufprall entstanden. Dabei sei es eigentlich kein Problem. Das kleiner Testboot “The Mule” hätten sie gleich 39 Mal gewassert und auch der erste AC75 “Defiant” habe einen Wasserkontakt mit dem Mast überstanden ohne Schaden. Der Unterschied zu allen anderen Kenterungen sei allein die Flughöhe und der damit verbundene harte Aufprall gewesen.

Nun beginnt für die Amerikaner eine harte Zeit. Während die Konkurrenten zwei Wochen lang ihre Boote weiter optimieren können, muss das American-Magic-Team alle Ressourcen bündeln, um überhaupt noch einmal segeln zu können. Es wäre ein echtes Wunder, wenn sie im Halbfinale noch einmal punkten könnten.
Andererseits haben allein die Briten gezeigt, wie schnell die Leistungsfähigkeit bei den AC75 verändert werden kann. Im Rennen gegen die Italiener waren Hutchinson und Co bei stärkerem Wind überlegen. Allein die kleineren Foils machen im Highspeed-Modus einen großen Unterschied aus. Das erste Rennwochenende hat gezeigt, dass es viel ums Pokern geht. Wer mit seinem Setup die richtigen Windbedingungen findet, ist schneller. Insofern ist ein Comeback auch nach einem solchen Desaster nicht ausgeschlossen. Im Unterschied zu früheren America’s Cups haben diesmal alle Teams die nötigen finanziellen Ressourcen, um auf solche Tiefschläge zu reagieren.

© COR 36 | Studio Borlenghi

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „America’s Cup: Kenterung und Leckage von American Magic – Was hinter dem Unfall steckt“

  1. avatar Christian sagt:

    eins ist sicher: Der AC bleibt spannend. Die extremen, um nicht zu sagen völlig verrückten und in jedem Fall noch unausgereiften Boote werden weiterhin für viele Überraschungen sorgen. Die Shore-Teams sind mindestens so wichtig wie die Segler.

    Und ja, schreibt Magic America noch nicht ab. Bei Ineos geschah das auch verfrüht.

    Und wer jetzt in den Medien über Dean Barker et al. lästert, sollte ein einziges Mal auf so einem Gerät mitsegeln. Er wird sich dabei in die Hosen machen.

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