America’s Cup Kommentar: Genug getrauert? Weiter geht’s

Suche nach den richtigen Worten

Mit der Pietät ist das so eine Sache. Es ist schwer, ein Maß zu finden. Der “richtige” Umgang mit dem Tod wird einem nirgendwo erklärt. Wie viel Trauer ist genug? Was wirkt ehrlich, was aufgesetzt?

Iain Murray und Tom Ehman

Iain Murray und Tom Ehman bei der Pressekonferenz in San Francisco. © ACEA / Photo Guilain GRENIER

Es geht um Gefühle, und dabei wird es besonders schwierig. Was für den einen Okay ist, mag den anderen verletzen. Besonders kompliziert wird es, wenn man mit seinen eigenen Maßstäben andere beurteilt.

Niemand weiß, ob das, was jemand nach außen trägt auch seinem echten Empfinden entspricht. Deshalb mag man die aktuellen Vorgänge beim America’s Cup überinterpretieren.

Unangenehm hölzern

Aber bei der Pressekonferenz zum Artemis Unfall in San Francisco wirkt der America’s-Cup-Regatta-Direktor Iain Murray unangenehm hölzern. Bei jeder Geste, jedem Wort ist ihm anzumerken, wie unwohl er sich fühlt. Zu Beginn der Rede nuschelt er noch schnell irgendwas von Herz und Gedanken für die Familie und dann geht es weiter im Text.

Irgendwie zu schnell, irgendwie zu professionell. Aber das täuscht. Ein Video von der ersten Pressekonferenz zeigt, wie angefasst er wirklich ist. Aber nur wenigen ist die Gabe gegeben, in einer solchen Situation die richtigen Worte zu finden. Man mag Mitleid mit Murray haben. Die unkontrolliert zuckende rechte Schulter deutet an, wie er sich quält.

Aber als dann noch Tom Ehman dazu stößt, wird das Ganze auch noch irgendwie zu gelackt. Ehman sollte die rethorischen Fähigkeit besitzen, die schwierige Gratwanderung zwischen angemessener Trauer und the-show-must-go-on-Gehabe zu bewältigen. Aber er schafft es nicht.

Fantastisches Segelrevier

Aus seinen Statements spricht zu sehr die Angst, dass der schöne, neue America’s Cup vielleicht nicht zum erhofften Spektakel wird, mit dem das Interesse für den Segelsport in einer großen Öffentlichkeit gesteigert werden kann.

Etwas zu oft betont er, dass alles so weiter gehen wird, wie geplant. Als hätte er Angst, dass die Journalisten den Saal verlassen. Etwas zu intensiv preist er mit einer schwungvollen Handbewegung das fantastische Segelrevier an. Etwas zu stark betont er auch die Unabhängigkeit des sechsköpfigen Untersuchungs Kommittees.

Dem sitzt aber mit Murray der CEO des America’s Cup Race Management vor und auch America’s Cup Wettfahrtleiter John Craig ist dabei. Schmerzhafte Veränderungen sind bei dieser Besetzung nicht zu erwarten. Ein echter Wille, die ganze Veranstaltung auf den Prüfstein zu stellen ist nicht zu sehen.

Das Ergebnis des Kommittees scheint unerheblich. Von ihm hängt nicht etwa ab, ob weiter mit den AC72 gesegelt oder jemand zur Verantwortung gezogen werden soll. Es wird nur untersuchen, wie die Segelei sicherer werden kann. Ein paar mehr Motorboote mit Tauchern bei den Schiffen, mehr kann man wohl nicht erwarten.

Absage wäre überzogen

Tatsächlich wäre eine Absage der Regatta auch überzogen. Zu sicher sahen die jüngsten Tragflächen-Runs von Oracle, Luna Rossa und den Kiwis aus. Zu sehr unterscheidet sich der einzige Nicht-Foiler Artemis von den übrigen AC72, als dass man Rückschlüsse auf die technische Sicherheit aller dieser Mega-Kats ziehen könnte.

Aber wenn man mit der Kommission den Schein wahren wollte, dass sie irgendeine Bedeutung hätte, dann müsste man wohl zumindest die Trainings der Teams zurückstellen bis eine Art von Ergebnis feststeht. Stattdessen wird aber erwartet, dass spätestens Anfang nächster Woche alle drei Cupper wieder segeln. Artemis neues Boot soll Ende Mai bereit stehen.

Es muss wohl so sein, dass es weiter geht. Kein Segler wird sich auf einen AC72 zwingen lassen. Sie werden es freiwillig tun und sagen, dass auch Andrew Simpson es so gewollt hätte. Vermutlich ist es auch so. Wie anders sollen die Artemis Jungs auch je über das schreckliche Erlebnis hinwegkommen.

Zwischen diese Gedanken mischt sich die ungute Erkenntnis, dass der America’s Cup durch diesen Todesfall eine Außenwirkung bekommt, wie nie zuvor. Unsere Gaffer-Generation ist so. Schrecklich aber wahr. Der America’s Cup wird auch diesmal wieder  die Welt nicht verbessern.

 

 

 

 

 

 

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Carsten Kemmling

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8 Kommentare zu „America’s Cup Kommentar: Genug getrauert? Weiter geht’s“

  1. avatar Marsha sagt:

    “Kein Segler wird sich auf einen AC72 zwingen lassen. Sie werden es freiwillig tun…”

    Freiwillig um des guten Geldes und der Reputation wegen. Jede andere Behauptung ist wirklich nur sentimental.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 21 Daumen runter 4

    • avatar pro ac sagt:

      Na ja, boots-technisch gibt es wohl auch nichts besseres. Das Risiko muss man eben tragen wenn man 30kn + segeln will…

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 8 Daumen runter 9

      • avatar Marsha sagt:

        nichts besseres? Warum ist es dann kaputt? Groß heißt nicht automatisch gut oder gar besser.

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 5

        • avatar Olli sagt:

          Vielleicht nicht groß, aber schnell ist immer besser. Zumindest beim Segeln.

          Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 6

  2. avatar Super-Spät-Segler sagt:

    Um zu verstehen, wie es Iain Murray geht, hilft vielleicht auch das folgende Video:

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  3. avatar polymorph-p sagt:

    Die Welt hat der America´s Cup tatsächlich noch nie verbessert!
    Viemehr war er seit es ihn gibt ein Gradmesser für den jeweiligen Zustand der
    Gesellschaft. Ein Sittenbild sozusagen.

    Es gab auch schon um 1900 Menschen die dieses ganze Spektakel als
    obszön und todesverachtend gesehen haben.

    “it´s a man trap”

    Lawson History 1903

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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