America’s Cup: Luna Rossa liegt 2:0 vorne – Aber dem Ainslie-Team fehlt nicht viel

Der entscheidende Fehler

Luna Rossa hat am ersten Tag des Prada-Cup-Finals beide Duelle gewonnen. Beim ersten zeigte INEOS Team UK gewohnte Leichtwind-Schwächen. Beim zweiten Rennen ging es deutlich knapper zu.

“Wir müssen hier ziemlich schnell weg”, sagt Francesco Bruni, der in Lee sitzt und freie Sicht auf den Gegner hat. Jimmy Spithill steuert von der anderen Seite in Luv. Er kann nicht sehen, dass Ainslie auf dem britischen Boot aus der Leeposition Höhe quetscht. Der sagt seinen Jungs schon: “Standby für ein Luvmanöver.” Er möchte den Gegner mit aller Gewalt zur Wende zwingen – ihm vielleicht sogar einen Penalty anhängen.

Die elektronische Sicherheitszone um das Schiff ist breit. Die Schiedsrichter können auf ihren Monitoren an Land erkennen, wann es knapp wird. Die Italiener müssten ausweichen. Bruni erkennt die Gefahr. Und Spithill hört auf ihn. Er leitet die Wende ein.

“Nice”, sagt Ainslie. Er freut sich. “Lasst uns jetzt Speed machen”. “Bis zur Begrenzung”, entscheidet Taktiker Giles Scott. “Copy”, erwidert der Steuermann. Alles klar.

Desaster im ersten Rennen

Diese Entwicklung im Rennen könnte schon der Big Point zugunsten der Briten darstellen. Sehr oft reduziert sich ein Match Race mit Onedesign-Booten auf genau so eine Situation. Es geht schon um das zweite Rennen an diesem ersten Tag des Prada-Cup-Finals zwischen Luna Rossa und INEOS Team UK.

Corona? Nie gehört. Neuseeland ist zurzeit das Paradies auf Erden. © COR 36 | Studio Borlenghi

Das erste war ein Desaster für Ainslie und Co. Erinnerungen an die erste Testregatta vor Weihnachten werden wach. Bei leichtem Wind am unteren Limit von 6,5 Knoten platschten die Briten im Vorstart bei der ersten Wende von ihren Tragflächen ins Wasser. Danach ward der Gegner nicht mehr gesehen. Einmal nach dem Start passiert noch einmal das selbe Missgeschick – das Rennen geht mit einem Rückstand von 1:52 Minuten verloren. Einziger Hoffnungsschimmer für die INEOS-Fans: Nach dem fatalen Beginn vergrößert sich der Rückstand auf dem Kurs nur minimal.

Beim zweiten Duell werden die Karten neu gemischt. Denn die Seebrise setzt sich durch und erreichte stabile 14-17 Knoten. Bedingungen, bei denen niemand mehr von den Foils rutscht.

Vorteil Ainslie

Der Start verläuft auf Augenhöhe. Allerdings mit leichten Vorteilen für Ainslie in Lee. Der neuartige Match-Race-Kurs mit Amwind-Start und einer Spielfeldbegrenzung verstärkt die Leeposition massiv. Sobald das Leeboot in die 115 Meter (etwa vier Bootslängen) breite Zone vor der “Boundary” eintaucht, darf es wie an einem echten Hindernis Raum vom Gegner verlangen. Während früher nach dem Start ein langes Speedrennen bis zur linken Anliegelinie erfolgt wäre, werden die Boote nun zum Manövrieren gezwungen.

Schöne Leeposition für die Briten beim Start. © COR 36 | Studio Borlenghi

Auch deshalb versuchen die Italiener gar nicht erst, sich lange in Luv zu halten und wenden weg. Wenn sie das nächste mal auf die Briten treffen, haben sie eine Wende mehr ausgeführt und sollten entsprechend weit zurück liegen. Es könnte für Ainslie und Co möglich sein, dann vor dem Bug zu passieren.

Vorteil Ainslie kurz nach dem Start in Lee. Luna Rossa muss wegwenden. © COR 36 | Studio Borlenghi

Die Situation vor dem ersten Cross. INEOS schafft es nicht, vor Luna Rossa zu passieren…

Aber es läuft aus ihrer Sicht nicht so wie es soll. Als beide Boote für den ersten Cross aufeinander zuhalten sagt der britische Taktiker Giles Scott – wie Ainslie ein Finn-Dinghy-Olympiasieger – “Bow to Bow”. Das ist nicht gut, wenn man von ohne Wegerecht auf einander zufährt. Soll nämlich heißen, dass man von links kommend keine Chance hat, vor dem Bug des Gegners zu passieren.

…und muss abfallen, um knapp hinter den Italienern zu passieren. Giles Scott übernimmt in Lee das Steuer von Ainslie, weil er den Gegner besser peilen kann…

Für diesen Fall ist der Ablauf des Manövers eingespielt. Scott in Lee übernimmt das Ruder. Er kann von seiner Position aus den Gegner besser anpeilen. Er fällt etwas ab. Nun geht es darum, das Heck des Gegners anzuvisieren, um möglichst dicht dahinter zu passieren. Jeder verschenkte Meter wird beim nächsten Cross fehlen.

Keine einfache Aufgabe, wenn beide Boote mit fast 40 Knoten aufeinander zu rasen. Scott wäre nicht der Erste, der bei solch einem Manöver einen Crash fabriziert. Jochen Schümann hat schon mal das Heck des spanischen Königs rasiert. Niemand möchte erleben, wie das Ergebnis bei dem Speed zweier AC75 aussieht.

…Aber er fällt beim Ausweichmanöver viel zu weit hinter dem Heck von Luna Rossa ab. © COR 36 | Studio Borlenghi

Aber zu viel Vorsicht kann zur Niederlage führen. “Mein Rad”, sagt Scott. “Ich falle jetzt ab”. Ben Ainslie sieht es wohl kommen. “Nicht zu früh”, ruft er, als Scott abfällt. Dann hektisch „Up up up up.” Es ist der spannendste und wohl entscheidende Moment an diesem ersten Tag eines an Höhepunkten armen Prada-Cup-Finals. Scott rast fast drei Bootslängen hinter den Italienern durch. Ainslie ist nicht begeistert. “Wir sind zu stark abgefallen, Kumpel (Mate)”. “Alles klar.” Nimmt Scott die Kritik an. Weiter geht’s.

Doch das war es dann auch schon bei diesem Duell am ersten Tag. Nachdem beide Boote wieder gewendet sind, gibt es für die Briten keine Chance, beim nächsten Cross ihre Vorfahrt auszuspielen.

Für solche Fälle wäre nun ein kleiner Speedboost hilfreich. Oder eine Winddrehung. Aber auf dem freien Kurs A, der bei einer stabilen Seebrise kaum eine Abdeckung oder Windschwankung aufweist, ist danach nichts mehr zu machen.

Das Duell geht mit nur 26 Sekunden verloren. Die Statistik lässt kaum einen Unterschied erkennen. Dennoch wird es deutlich, dass den Briten ein paar PS fehle

Die Speed-Statistik lässt nur minimale Unterschiede erkennen.

Insbesondere die Meter nach der ersten Wende auf die rechte Seite waren entscheidend. In dem Moment ist Luna Rossa fast einen Knoten schneller gesegelt und hat sich die entscheidenden Meter für den ersten Cross erarbeitet.

Trotz Speedverlust nach der Wende wird Luna Rossa auf dem Schlag nach rechts mit Vorsprung geführt. Ein Fehler im virtual Eye? Aber der ist gut einen Knoten höhere Speed passt dazu.

Das Luna-Rossa-Team hat in diesem Moment gezaubert. Oder war es doch eine Böe, ein Dreher? Ansonsten erscheint das Leistungspotenzial beider Boote relativ gleich zu sein.

Der entscheidende Bereich markiert mit dem schwarzen Kreis. Nach der ersten Wende ist Luna Rossa auf dem Weg nach rechts fast einen Knoten schneller. Der 43 Knoten Peak von INEOS  markiert den Moment, als Scott hinter dem Gegner abfällt

Der kleine Speed-Unterschied könnte an einer einzigen Entscheidung vor dem Start gelegen haben. Mit dem auffrischenden Wind setzten beide Teams für das zweite Rennen kleinere Vorsegel. Die Briten entschieden sich dabei für eine etwas größere Fock. Und die könnte für den minimal größeren Widerstand gesorgt haben.

Ist die Erklärung so einfach? Richtig spannend war der erste Tag des Prada-Cup-Finals noch nicht. Aber beide Rennen haben gezeigt dass die Teams nicht weit auseinander liegen. Kleinste Veränderungen können einen Unterschied ausmachen. Aber Ainslie muss einen Zahn zulegen, wenn das Duell nach dem morgigen Tag noch offen sein soll.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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