America’s Cup: Match Ball für Team New Zealand – Unglaubliches neuntes Rennen

Fluchend auf die falsche Seite

Das erste Rennen auf dem “Stadion-Kurs” C direkt vor Auckland zeigt, wie spannend dieser America’s Cup sein kann. Das knappste Rennen der Serie entscheidet sich nach vier Führungswechseln.

Kann Segelsport einen Zuschauer vom Hocker reißen? Diese Frage werden nicht viele Menschen bejahen. Und auch der America’s Cup, der in seiner langen Tradition bisher oft diesen Anspruch vermittelte, mochte selten einem größeren Publikum die nötige Faszination vermitteln. Die entscheidenden Techniken und Taktiken sind oft schwer vermittelbar.

Der 36. America’s Cup sollte dieses Urteil ändern und neues Interesse generieren. Dafür wurde wieder das Rad neu erfunden, eine neue Bootsklasse entwickelt und gehofft, dass man durch die Rückkehr zum traditionellen Start gegen den Wind wieder mehr Spannung erzeugt.

Diese Hoffnung erfüllte sich aber nur bedingt. Ja, die Starts waren bisher tatsächlich spannend. Aber alles danach entwickelte sich auf dem beengten Rennkurs sehr vorhersehbar. Überholmanöver blieben bei den ersten sechs Cup-Rennen aus. Das führende Boot konnte jeweils ohne größere Probleme seine Position behaupte. Ohne größere Windschwankungen gibt es in Match-Races keine Überholspuren nach dem Start. Das ist nichts Neues.

Insofern verliefen die ersten Duelle allzu vorhersehbar. Erst der fünfte Renntag zeigte, dass es auch anders sein kann. Und nun am sechsten Tag erfolgt der Beweis, wie spannend dieser Sport tatsächlich ist. Auch der moderne America’s Cups kann mehr sein als reine Speed-Veranstaltungen.

Auf Messers Schneide

Allein der Wechsel des Kurses zu einem Gebiet näher unter Land mit drehendem Wind führt zu einem Duell auf Messers Schneide. Das neunte Rennen des 36. America’s Cups hat das Zeug dazu, in die Segelsport-Geschichte einzugehen.

Endlich Überholspuren beim ersten Rennen auf Kurs C direkt vor Auckland. © ACE | Studio Borlenghi

Es zeigt alles, was die Faszination dieses Sports ausmachen kann. Schon beim Start geht es los. Spithill hält die Luvposition und kann sie knapp behaupten. Auch weil das Luna Rossa Design erneut bestätigt, dass es höher am Wind segeln kann als der Gegner – eine echte Waffe im Match Race.

Erster Big Point. Luna Rossa kann nach der ersten Wende knapp verhindern, überlaufen zu werden und den Gegner mit der sicheren Leestellung zur Wende zwingen. © ACE | Studio Borlenghi

Minutenlang steht das Duell in der Anfangsphase auf Messers Schneide. Vor und nach der ersten Wende sieht es sekündlich so aus als könnten die Italiener ihren knappen Vorteil verlieren. Es kommt auf das Steuern und Trimmen an. Aber Spithill kann auf Backbordbug ausreichend schnell und hoch segeln und Bruni zeigt dann am Steuer auf dem anderen Bug, dass er vielleicht sogar noch schneller segeln kann. Ihm gelingt es, den Gegner abzuquetschen und die Führung zu konsolidieren.

Gute kontrollierende Luvposition am Start von LNR…

… NZL in Lee gibt Gas und LNR kann sich mit seinem Höhe-Modus gerade so halten in Luv…

…bis zur Spielfeldgrenze…

…Es kommt auf die Wende an…

…TNZ liegt leicht vorne in Luv und droht LNR zu überlaufen…

…aber LNR kann den ersten Big Point machen, etwas höher steuern, TNZ zur Wende zwingen und die frühe Führung übernehmen…

Die Ansteuerung des Luvtores ist schwierig. Bruni sagt im Onboard Chat an: “Er kann uns an der linken Marke erwischen.” Die America’s Cup Regeln besagen, dass auch ein von links kommendes Boot mit Wind von Backbord Vorfahrt hat, wenn es zuerst die Zone für die Rundung der linken Marke erreicht. Die Neuseeländer müssten also nicht ausweichen, wenn sie diese Tonne runden wollen. Bruni glaubt, dass sie das vorhaben und Spithill am Steuerbord-Steuer leitet schon den Verteidigungszug ein: Er will dann eben die rechte Tonne runden, zählt schon das Manöver an.

Aber im letzten Moment schreit Bruni: “No, negative. Weiter fahren. Sorry.” Es ist keine gute Entscheidung. Nach der Tonnenrundung sagt er “Big Lefty” und seine Stimme senkt sich. Enttäuschung schwingt mit. Denn der Linksdreher (Lefty) bedeutet, dass die Passage der anderen Marke einen großen Vorteil birgt.

Hätte Spithill die Wende um die Luvmarke durchgezogen, wäre Team New Zealand möglicherweise um die andere Tonne gezwungen worden. Das hätte einen Vorteil für Luna Rossa ergeben. Allerdings bestand die Gefahr, dass Burling dieselbe Marke wählt und dann den durch das Manöver verlangsamten Gegner überläuft. Bruni entscheidet sich schließlich für die einfachere Option – und liegt nach der ersten Halse hinten. Ist das schon die Entscheidung?

LNR steuert die Luvtonne von rechts an und und zielt auf die benachteiligte linke Marke für die Rundung …

…TNZ fällt hinter LNR ab und steuert 12 Knoten schneller die gegenüberliegende Marke an. LNR ist in diesem Fall zu schnell, um diesen Weg zu versperren…

…TNZ kann mit Höchstgeschwindigkeit achteraus passieren…

…und deutlich schneller die rechte Tonne runden. Das hätte LNR verhindern können…

…So zieht TNZ auf dem Vorwindkurs vorbei…

…LNR passiert knapp dahinter, liegt aber nach der nächsten Halse wieder vorne…

Nein, Luna Rossa kommt zurück. Findet nach dem Cross hinter den Kiwis einen hübschen Dreher, holt sich nach der Halse die Führung zurück und geht in den engen Zweikampfmodus über. Spithill halst direkt in den Weg des Gegners, Bruni übernimmt das Steuer und führt ein perfektes Luvmanöver aus. Er schickt Burling damit an der Tonne vorbei.

TNZ greift in Luv an…

… kann die Überlappung des Gegners aber nicht brechen. LNR hat Luvrecht, nimmt den Gegner weit über die Anliegelinie (rote Linie) hinaus mit…

…und kann selber seinen perfekten Winkel durch das Tor steuern.

Danach gelingt es den Italienern eine weitere Runde lang, sich auf dem Kurs breit zu machen und den nach wie vor schnelleren Gegner knapp in Schach zu halten. Ein entscheidender Vorsprung gelingt aber nicht. Die Kiwis lauern auf ihre Chance. Die kommt auf der letzten Kreuz.

Nach einem Split am Leetor dringt Spithill darauf, beim ersten Aufeinandertreffen vor dem Gegner zu wenden und die rechte Seite zu decken. Er bereitet seine Crew schon auf das Manöver vor. Aber dann winkt der in Lee peilende Bruni ab. “Das klappt nicht”. Die Gefahr ist zu groß, dass nach dem Speedverlust durch die Wende Burling mit dem höheren Speed durchrutscht.

Luna Rossa rast auf die linke Seite und droht dort schon die Führung verlieren. Aber der Vorsprung von einer Bootslänge wächst auf gut 100 Meter. Die linke Seite erscheint stärker. Vielleicht verleitet genau dieser Gewinn dazu, den folgenden entscheidenden Fehler zu begehen.

Die Boote rasen zum zweiten Mal von verschiedenen Seiten aufeinander zu. Luna Rossa hat bei dem anstehenden Cross zwei Möglichkeiten: Entweder weiter segeln und dann das Luvtor von rechts ansteuern, oder vor den Gegner wenden und die linke Seite absichern. Die Kiwis haben ihr Schicksal an diesem Punkt nicht in der eigenen Hand. Sie müssen die Seite, die sie angeboten bekommen.

“Scheiße”

Beim speziellen Luna Rossa Setup obliegt Steuerbord-Steuermann Francesco Bruni die Entscheidung. “Ich denke, wir können die linke Seite sichern”, sagt Bruni vor der Annäherung. “Du willst links sichern”, fragt Spithill vorsichtshalber nach. “Dann musst du gehen in three, two…oder willst du nur eine lockere Deckung?” “Soft Cover! Two, one Board down.” Er dreht in die Wende.

Spithill, der nun das Steuer übernoimmt und nach Luv guckt, sagt dann ernüchtert: “Mehr Druck auf der rechten Seite.” Also dort wo der Gegner ist. Die Italiener erwischen nicht. Der 100-Meter-Vorsprung wird in Nullkommanichts zu einem 200 Meter-Rückstand. Das Rennen ist verloren. Sagt da wirklich jemand “Scheiße” an Bord (Onboard-Audio)?

Bruni erklärt bei der folgenden Pressekonferenz wie die Entscheidung zustande kam. Die Schuld liege bei ihm. Leider sei er in der Verantwortung gewesen. “Ich wünschte, du wärst es gewesen”, sagt er mit einem Lachen zu Spithill gewandt. Stark, wie souverän das Duo mit diesem Fehler umgeht. Er habe ein Windloch gesehen, das er umfahren wollte und nicht das dunkle Windband auf dem Wasser, das dahinter weiter rechts auftrat. “Wir nennen es jetzt die Kiwi-Böe.”

6:3 für Neuseeland

Aber auch Mit-Taktiker Pietro Sibello habe die Entscheidung unterstützt. “Ich habe es verpasst. Wir haben die linke Seite gesichert, aber es gab einen Grund dafür.” Er würde bei der Faktenlage wieder so entscheiden.

Mindestens eine Chance bekommt er noch, es besser zu machen. Denn das zweite Rennen des Tages kann nicht mehr innerhalb des zweistündigen Zeitfensters gestartet werden. Der Wind dreht mit einer Front stark nach links und die Zeit reicht nicht mehr aus, um den Kurs entsprechend anzupassen.

Nun steht es 6:3. Team New Zealand hat sich einen Matchball erarbeitet. Es wäre wohl ein Wunder, wenn die Italiener noch einmal das Ruder herumreißen. Aber wer weiß? Dieser 36. America’s Cup hat nun schon viele Überraschungen geliefert. Vielleicht kann James Spithill ja tatsächlich erneut mit einem unglaublichen Comeback Geschichte schreiben wie 2013 in San Francisco. Möglich ist es.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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