America’s Cup Match: Die Chancen stehen 50:50 – Was passiert wenn die Kiwis gewinnen

Der große Showdown

Heute startet das große America’s Cup Match. Der Verteidiger Oracle Team USA tritt gegen das Emirates Team New Zealand an. Ab 19 Uhr überträgt Servus TV. In Bermuda brodelt die Gerüchteküche.

Der große Showdown beginnt heute, und es steht viel auf dem Spiel. Es geht nicht nur um einen prestigereichen Sieg bei einem Sportwettkampf, vielmehr fragen sich die Segler und ihr Umfeld hier in Bermuda, wie es denn nunmehr in den nächsten Jahren weiter geht.

Freddie Carr, Grinder beim Land Rover BAR Team, erklärt die Chancen der Kontrahenten© LR BAR

Erstmals in der Geschichte des America’s Cups haben sich fünf Syndikate schon vor dem Start der entscheidenden Duelle darauf geeinigt, wie es danach weiter gehen soll: Die gleiche Bootsklasse, nur zwei Jahre Pause, World Series zwischendurch und eigentlich auch wieder Bermuda, aber da glaubt niemand mehr so richtig dran.

Dennoch lechzt die Szene nach ein wenig Sicherheit in diesem Spiel, das bisher immer von Unsicherheit geprägt wurde. Die Stiftungsurkunde ist so ausgelegt, dass der Sieger mit dem ersten Herausforderer Ort und Zeit und die Wahl der Waffen für die nächsten Duelle bestimmt. Das mag historisch interessant sein und die Besonderheit des Cups ausmachen, es verhindert aber den Aufbau einer verständlichen Rennserie, die dauerhaft einen großen Fankreis gewinnen kann.

Ellison will sich Denkmal schaffen

Man kann viel über die Motivation und Absichten eines Larry Ellison spekulieren. Aber offenbar hat er vor, auf die Vorteile des Verteidigers zu verzichten, um sich mit dem Rahmen eines zukunftsfähigen America’s Cups ein Denkmal zu schaffen.

Die meisten Segler in Bermuda begrüßen das und hoffen auf dieses “Framework Agreement”, damit sich ihr Wissen über die neue Art des Segelns auszahlt, und sie eine planbare Zukunft haben. Aber die Neuseeländer wollen nicht mitspielen. Sie sind das einzige Team, das die Pläne nicht gutheißt.

Zuerst war die Verweigerung der Unterschrift allein auf den Ärger im Vorfeld des 35. America’s Cups zurückgeführt worden. Ursprünglich sollte die erste Qualifier-Runde in Auckland ausgetragen werden, und darauf basierte ein großer Teil des Kiwi-Finanzierungskonzeptes. Es gab auch einen Vertrag, der aber nicht eingehalten wurde.

Kein Wunder, dass die Neuseeländer sauer waren. Sie starteten ihre Kampagne spät, schienen kein Geld und keine Chance zu haben. In dieser Situation waren sie auf die Hilfe von Patrizio Bertelli (Luna Rossa) angewiesen. Der hatte als Herausforderer wutentbrannt die Brocken hingeworfen, als Oracle mit der Mehrheit der Syndikate hinter sich die Regeln änderte, und vom 60 Fußer zum vermeintlich günstigeren 50 Fußer mit One-Design Elementen wechselte.

Hat Luna Rossa den Kiwis mit Geld geholfen?

Inzwischen erzählt man sich in Bermuda, dass Bertelli dem neuseeländischen Team nicht nur seine Testboote,  jede Menge Design-Wissen und Skipper Max Sirena vermacht hat, sondern auch gut 30 Millionen Dollar in das neuseeländische Team gesteckt haben soll.

Weitere Gerüchte besagen, dass sich Bertelli dafür hat zusagen lassen, den nächsten America’s Cup wieder auf Einrümpfern auszutragen. Ob es wirklich so kommt, bleibt abzuwarten. Schwer vorstellbar, dass sich die Neuseeländer im Falle eines Sieges von der aktuellen, durchaus erfolgreichen Entwicklung der foilenden Boote vollständig verabschieden.

Aber sicher ist, dass sie nicht so alleine dastehen, wie man lange Zeit denken mochte. Ernesto Bertarelli hielt sich einige Tage in Bermuda auf, und ihm werden ernsthaft Absichten nahe gelegt, einen erneuten Angriff auf den Cup mit Alinghi anzustreben. Er soll zwar allerdings kurzfristig zurück in die Schweiz geflogen sein, weil der Wetterbericht bei der Bol d’Or, seiner geliebten Langstreckenregatta auf dem Genfer See, sehr vielversprechend aussieht, das wird aber nicht als Desintresse am Cup gewertet.

Wenn also Neuseeland den America’s Cup gewinnt, dürften sich einige Syndikate im Spiel zurückmelden, die zuvor nur noch wenig Lust hatten, unter der Knute von Larry Ellison und Russell Coutts zu agieren. An den Bermuda-Stegen erzählt man sich, dass neben Luna Rossa (ITA) und Alinghi (SUI) die Russen und Chinesen großes Interesse zeigen. Außerdem will Oman Sail den nächsten Schritt gehen und auf der großen Bühne des Segelsports auftreten. Mit den Briten, Neuseeland, Frankreich und vielleicht noch einmal Japan wäre man fast im Bereich der zehn Teams, auf die Russell Coutts immer gehofft hatte.

Welche Chance haben die Kiwis?

So negativ muss es also nicht für den America’s Cup sein, wenn die Kiwis gewinnen. Aber haben sie denn auch eine Chance gegen Oracle?

In den Qualifiers mussten sie sich zweimal dem Verteidiger geschlagen geben, der sich  auch deshalb schon vor dem Start des Cup Matches einen Sieg erarbeitet hat. Neuseeland startet mit einem Minuspunkt und muss also acht Rennen gewinnen. Dieser Punkt kann noch eine entscheidende Rolle spielen, so äußert sich jedenfalls Land Rover BAR Skipper Ben Ainslie.

Viele glauben, dass die Chancen bei einem America’s Cup noch nie so gleich verteilt waren. Freddie Carr, eine der Schlüsselfiguren beim Land Rover BAR Team, der in Bermuda seine vierten Cup-Kampagne absolvierte, glaubt dass es ganz einfach auf den Wind ankommt.

Unter 11 Knoten gewinnt Neuseeland, bei stärkerem Wind Oracle. Aber genau an dieser Schwelle bewegt sich die Vorhersage für den ersten Renntag. Carr sagt, die Kiwis haben einen Modus bei leichtem Wind, der es ihnen erlaubt, am Wind mehr Höhe zu segeln.

Spezielles Foil Design bringt Leichtwind-Speed

Ihre Leichtwind-Foils weisen einen größeren Winkel zwischen dem vertikalen und horizontalen Element auf. Das verringere den Widerstand im Wasser und erhöhe die Lateralfläche, die gegen die Abdrift wirkt. Je größer der Winkel, umso schneller segeln die Boote. Sie sind aber auch instabiler und benötigen mehr Einflussnahme durch den Foil-Trimmer Blair Tuke.

Er macht das von seinem Rad-Sattel aus nicht nach Gefühl, sondern entsprechend einer Bildschirm-Anzeige. Je öfter er seine Bedienelemente bewegt, umso mehr Energie wird verbraucht. Und diese können nur die Neuseeländer mit ihren Bike-Vorrichtungen aufbringen.

Allerdings glaubt Carr, dass die Wenden der Kiwis zum Problem werden könnten. Es sieht toll aus, wenn sie ihren Katamaran mit einem explosiven Drehmoment auf den anderen Bug werfen. Und sie beherrschen dieses Manöver so stabil wie kein anderes Team. Das heißt, sie bleiben fast immer auf ihren Foils. Allerdings geht dabei viel Höhe verloren. Sie müssen nach der Wende stark abfallen. Oracle dagegen weist bei seinen Manövern weniger Wegverluste auf.

Burling macht die Taktik selber wie im 49er

An diesem Punkt könne sich dieses Cup-Match ebenso entscheiden wie in der Startbox. Carr glaubt, dass Oracle die Match-Serie gewinnt, wenn sie beim Speed auf Augenhöhe mit den Neuseeländern sind. Taktisch und seglerisch habe das US-Team bisher sehr souverän ausgesehen.

Aber das Setup der Neuseeländer sei auch nicht zu verachten. Peter Burling sei ein großer 49er gegeben worden, auf dem er so agieren kann wie auf seinem Skiff. Während alle anderen Steuerleute mit dem Einstellen der Flughöhe und dem Steuern vollauf beschäftigt sind, hat Burling Zeit, die Taktik so zu bestimmen, wie er es gewohnt ist. Sein 49er-Vorschoter kümmert sich um das Fliegen.

Das kann aber schon einmal zu Problemen führen. So sei die Kenterung eine direkte Folge dieser Abstimmung gewesen. Als Burling zum Start abfallen wollte, kommunizierte er das nur ungenügend mit seinem Co-Piloten, und der sorgte dann mit seiner Einstellung für zu großen Auftrieb. Es wird sich zeigen, ob Jimmy Spithill es schafft, vermehrt solche Situationen zu kreieren, mit denen er die Schwächen der Kiwi-Konstruktion aufdecken kann.

 
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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „America’s Cup Match: Die Chancen stehen 50:50 – Was passiert wenn die Kiwis gewinnen“

  1. avatar kamke@mac.com sagt:

    Ellison wird auf die Vorteile des Verteidigers verzichten? Das ist der Witz des Tages! Gestern, als er die Bugspitzen rüber zu den Japanern trug, hat er letztmals bewiesen, dass er das niemals tun wird. Ellison ist die Unsportlichkeit in Person! Das aktuelle Cup-Format mag ja durchaus zu gefallen. Es wird aber nur so lange spannend sein, bis Ellison zurück liegt. Dann wird er auch diesmal wieder auf die eine oder andere Art eingreifen. Bertarelli, Bertelli und Dalton könnten Bücher darüber schreiben. Ich hoffe, dass es den Kiwis trotzdem gelingt. Danach kann man wieder zu dem zurück, was der Cup eigentlich sein sollte: Eine sportliche Auseinandersetzung zwischen irre reichen Gentlemen. Ellison ist leider nur irre reich. Er lebt weder Sportsgeist noch ist er ein Gentleman.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 22 Daumen runter 0

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