America’s Cup: Mit 45 Knoten aufeinander zu – Warum der irre Cross nicht bestraft wurde

War es eine Schwalbe?

Das jüngste Rennen der America’s Cup-Herausforderer-Serie hatte es in sich. Im Duell zwischen Luna Rossa und INEOS Team UK gab es neun Führungswechsel und ein haariges Manöver kurz vor dem Ziel. Das On-Board-Video zeigt, wie knapp es wirklich war.

Die Kritik am neuen America’s Cup ist kleiner geworden seit diesem letzten Rennen der Prada Cup Round Robin Serie. Nach der ungewollten Aufmerksamkeit durch die American-Magic-Kenterung steht nun auch echter, spannender Sport im Mittelpunkt. Im Duell zwischen dem INEOS Team UK und Luna Rossa gab es neun Führungswechsel durch Winddrehungen, verpatzte Manöver und Match-Race-Feinheiten. Eine Werbung für den Sport und die neue Klasse AC75. Den Briten gelang es sogar, mit 50,29 Knoten die 50 Knoten-Schallmauer in einem Rennen zu knacken.

Man mag zwar befürchten, dass das enge Rennen insbesondere dadurch zustande gekommen ist, weil die Briten nach einem Schaden am Vorliekstrecker des Großsegel mit einer in Mittelstellung fixierten Cunningham segeln mussten – bei solchen Booten wie auch schnellen bei Katamaranen oder Skiffs hat dieses Trimmelement eine deutlich größere Wirkung auf die Profil-Rundung als bei herkömmlichen Segelschiffen.

Mehr Speed bei den Briten, aber ein längerer Weg.

Der orange Ausreißer nach unten auf der ersten Kreuz zeigt, wie es Spithill gelungen ist, durch sein Luvmanöver Ainslie zur downspeed-Wende zu zwingen und von den Foils zu holen.

Der hohe Vorwind-Speed der Briten sagt nichts über den entscheidenden VMG-Weg nach Lee aus. Mit dichter Cunningham konnte er nur schneller aber weniger tief segeln.

Weil Ainslie das Cunningham insbesondere für den Vorwindkurs nicht lösen konnte war das Segelprofil nicht rund genug, um die optimale Tiefe zu steuern. Dadurch segelte er zwar eine höhere Geschwindigkeit, aber spitzere Winkel und einen höheren Kurs. Umgekehrt war das Segel am Wind nicht so flach zu trimmen wie gewünscht, was sich in einer geringeren Höhe auswirkte.

Letzter Angriff: Luna Rossa möchte mit Wegerecht das Ausweichen des Gegners erzwingen © COR 36 | Studio Borlenghi

Ein Wunder, dass die Briten trotz dieses Defizits schließlich dieses Rennen doch noch gewinnen konnten. Aber es ist eben auch nicht zu vernachlässigen, welche Rolle die Winddrehungen auf dem Kurs nahe unter Land gespielt haben. Sie halfen insbesondere den Briten, dieses schon verloren geglaubte Rennen noch einmal zu drehen.

Dabei ist es schließlich durch einen denkbar knappen Cross kurz vor dem Ziel entschieden worden. Und die Sicht aus der Segler-Perspektive im Video oben erscheint dann doch haariger als es die Helikopter-Bilder in der Live-Übertragung Glauben machten.

Das war ein “Hollywood”

Stuerbord-Steuermann James Spithill. Kommentator sprach schon von einem “Hollywood” Manöver – so nennt man eine Schwalbe im Match Race. Die Regeln besagen, dass auch eine Wegerechtsyacht ausweichen muss bevor sie eine Kollision verursacht – sie muss im letzten Moment abdrehen. Man muss den Schiedsrichtern also glaubhaft machen, dass es ohne eine Kursänderung zur Kollision gekommen wäre. Deshalb dreht man schon man mehr am Rad als es vielleicht notwendig gewesen wäre

INEOS passiert beim letzten Cross knapp vor Luna Rossa. Mussten die Italiener wirklich ausweichen? © COR 36

Spithill allerdings sagt in der On-Board-Kommunikation dass er zwei Penalties in dem Rennen erwartet hätte – auch beim zweiten Luvtonnen-Manöver, als Verfolger Ainslie  in der Schutz-Zone um die Luvtonne auf der Innenkurve überholte. Bruni stimmt seinem Kollegen zu: “Unglaublich”.

Nach dem Rennen bekräftigt Spithill. “Definitiv waren wir auf Kollisionskurs. Wir sind beide etwa 45 Knoten gefahren und wir mussten ihnen ausweichen. Also war ich ziemlich überrascht, dass die Schiedsrichter dachten, der Abstand hätte ausgereicht”.

Die Erklärung der Schiedsrichter

Allerdings wollte der Australier in Diensten der Italiener diese Entscheidung auch erzwingen. Er änderte vor dem Aufeinandertreffen den Kurs und fiel ab, um den Gegner eben noch zu erwischen. Luna Rossas Regel-Experte Marco Mercuriali erklärt bei italy24news, dass ihm die Schiedsrichter nachher Folgendes erklärt hätten: Nach der Kursänderung wäre es ab einem gewissen Punkt für die Briten das Sicherste gewesen, den Kurs beizubehalten anstatt im letzten Augenblick zu halsen. Deshalb sei der Protest mit grün bewertet worden.

Wohl auch deshalb macht Backbord-Steuermann Francesco Bruni die Niederlage im Nachhinein nicht an den Schiedsrichtern fest. “Es ist nicht so einfach in diesen Booten. Wir haben ein paar Fehler gemacht”, sagte er. “Wir hatten gute Momente, sie hatten gute Momente, man muss diese Entscheidung einfach verdauen. Ich denke, es war sehr knapp; auf dem Boot bei diesem Speed fühlt es sich immer viel näher an, als er wahrscheinlich ist. Am Ende ist es die Entscheidung des Schiedsrichters. Da kann man nichts machen. Ich denke, es war knapp. Aber die Entscheidung fiel war wahrscheinlich nur um ein paar Meter zu unseren Ungunsten aus; so ist das Rennen.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „America’s Cup: Mit 45 Knoten aufeinander zu – Warum der irre Cross nicht bestraft wurde“

  1. avatar Andreas Borrink sagt:

    Gutes Statement von Bruni, sehr fair. Spithill hat es versucht, Bruni hätte es wohl nicht getan. Da mag sich jeder selbst ein Urteil bilden.

    Nicht vergessen darf man, dass es hier nicht nur um mögliche Sachschäden geht, sondern durchaus auch das Potential für böse Verletzungen und schlimmeres gegeben ist. Immerhin rasen die da mit 80 km/h auf einander zu und tragen auf einer Seite messerscharfe Foils neben sich her. Bilder wie die, als “Gitana” einer Frau im Gummiboot das Bein abgeschnitten hat, wollen wir beim AC doch wohl alle nicht sehen.

    Für mich war das jedenfalls ein Moment zum Luft anhalten und ich hätte eine zeitige Halse von Ainslie erwartet. ich finde, sowohl Sir Ben als auch Spithill sollten sich fragen, wo da die Grenze ist und ob sie sie nicht vielleicht schon überschritten haben.

    • avatar Sven 14Footer sagt:

      Genau aus der Argumentation von Andreas heraus hätte ich dann aber erwartet dass die Schiedsrichter den Protest geben. Eben weil es zu nah und gefährlich war.

      • avatar Andreas Borrink sagt:

        So, wie ich es sehe, hätte Ainslie wohl das Penalty kassiert, wenn LRPP einfach nur Kurs gehalten hätte. Die “Schwalbe” ging nach hinten los……..welcher Schiri lässt sich schon gern ver…..en!?

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