America’s Cup: Neue Foiling-Sequenzen vom US-Team – Kiwi-Cupper unter Segeln

Kompliziertes Manöver

Ein neues Video zeigt, wie der futuristische AC75 des US-Team American Magic auf dem Wasser funktioniert. Trimmer Goodison arbeitet per Joystick.

Als die ersten Renderings von der neuen America’s Cup-Klasse AC75 vorgestellt wurden, konnte sich der Segel-Fan kaum vorstellen, dass diese komischen Kraken-Foiler funktionieren könnten. Zu anders, zu radikal, zu gefährlich erschienen die riesigen Tragflächen-Einrumpfer mit den Klapp-Foils.

American Magic

American Magic mit beiden Foils im Wasser. © American Magic

Aber zwei Jahr später sind tatsächlich in Auckland und Newport die ersten Cupper aus den Hallen geschoben worden. Insbesondere die jüngsten Videos aus dem US-Lager bestätigen, dass es wirklich klappt. Erfunden, gezeichnet und berechnet am Computer.

Team New Zealand

Auch die Kiwis fliegen jetzt. Ihr Großsegel ist im Vergleich deutlich weiter auf das Deck herunter gezogen, um den Endplatten-Effekt zu nutzen.

Das aktuellste Video von American Magic zeigt gleich ein kompliziertes Manöver. In voller Fahrt wird das Luv-Foil ins Wasser abgesenkt, es erzeugt ausreichend Abtrieb für das schnelle Abfallen an einer imaginären Leetonne, die an Steuerbord gelassen werden will. Mit dem Grip kann Steuermann Dean Barker sofort in eine Halse drehen und einen Amwind-Kurs mit Wind von Steuerbord steuern. Nun wird das Luv-Foil hochgeklappt, um den Widerstand zu verringern, und weiter geht’s hoch am Wind.

Zum Schluss klatscht der etwa 6,8 Tonnen schwere Rumpf zwar doch ins Wasser, dennoch ist die Komplexität dieses Manövers gewaltig. Erstaunlich, dass es schon nach so wenigen Wasserstunden trainiert wird. Die Botschaft an die Konkurrenz: Wir sind euch einen oder vielleicht zwei Schritte voraus. 

Wer seine Karten zu früh aufdeckt, verliert

Ob das wirklich so ist, muss sich noch herausstellen. Anders als früher, ist die Zeit auf dem Wasser nicht mehr so entscheidend. Die unglaublichen Fortschritte bei den Computer-Simulationen erlauben eine effektive Arbeit hinter den Kulissen. Wer seine Karten zu schnell offen legt, gibt der Konkurrenz zu tiefe Einblicke. Das mussten insbesondere die Neuseeländer 2013 lernen. Und 2017 nutzten sie diese Erkenntnis radikal für sich. Sie arbeiten lange im Geheimen, kamen als letztes Team nach Bermuda und waren auf Anhieb schneller als die Konkurrenz.

Ob die Amerikaner also tatsächlich so weit vorne liegen, wie sie glauben, bleibt abzuwarten. Hat sich Terry Hutchinson und Co vielleicht zu sehr vom Old-School-Denken aus alten America’s Cup-Tagen leiten lassen?

Die Spione vom britischen INEOS Team und Luna Rossa umschwirren das Boot jedenfalls seit der Vorstellung bei der Taufe. Schließlich werden jetzt auch schon wichtige Design-Entscheidungen für das jeweils zweite erlaubte Boot der Teams getroffen.

Grinder auf den Knien

Besonders im Blickpunkt steht Deck- und Cockpitkonfiguration auf dem US-Boot. Die 11-köpfige Crew duckt sich in ihre Mulden, um dem über das flache Vordeck wehenden Fahrtwind keine Angriffsfläche zu bieten. Nur ein kleiner Pfad nach vorne ist mit einem rutschfesten Belag versehen, über den wohl der Vorschiffsmann beim möglichen Bergemanöver des Vorsegels in den Bugbereich gelangen kann.

Im Cockpit befinden sich vier nach vorne gerichtete Grinder-Anlagen, wo die starken Männer arbeiten. Überwiegend müssen sie wohl auf den Knien kurbeln. Nach vorne sehen können sie nicht.

US-Medien durften bei der Taufe auch schon einen Blick auf die anderen Arbeitsplätze werfen. So ist der Foil-Trimmer Andrew Campbell auf der Steuerbordseite im Achterschiff platziert. Dort bedient er Tasten und verfügt über einen Bildschirm, über den er auch visuell die Einstellung der Tragflächen unter Wasser verfolgen kann.

Trimm per Joystick

Dahinter agiert der britische Laser-Olympiasieger Paul Goodison als Trimmer mit einem Joystick. Er kontrolliert damit die komplexen für alle Teams einheitlichen Systeme des doppelwandigen Großsegels sowie die Fockschot und überwacht die Batterie-Ladung, die von den acht Grindern an Bord erzeugt wird.

Steuermann Dean Barker dreht an einem relativ kleinen Lenkrad, das mit zahlreichen Knöpfen versehen ist. Außerdem bedient er Tasten mit den Füßen. Nur er und Trimmer Goodison verändern bei einem Bugwechsel die Position von Lee nach Luv.

Es wird erwartet, dass die AC75 deutlich agiler sind in den Manövern als ihre Zweirumpf-Vorgänger von 2017. Damals konnten die Grinder nicht ausreichend Energie erzeugen und speichern, um viele Wenden und Halsen auszuführen. Diesmal müssen die Grinder nur für den Segeltrimm arbeiten. 37 Knoten erreichte “Defiant” bei den ersten Speed-Tests in der Narragansett Bay. Es wird aber erwartet, dass die AC75 die 50 Knoten-Schallmauer brechen können.

Im November zieht das 125 Mitglieder umfassende American Magic Team wieder um zur Winter-Basis nach Pensacola in Florida. Bis dahin sollen noch viele Informationen zum Verhalten von “Defiant” gesammelt werden, weil laut Hutchinson in den nächsten Wochen schon wichtige für die Entscheidungen über den Bau des zweiten AC75 getroffen werden, mit dem das Team dann 2021 um den Cup segeln will. Aber er ist zufrieden: “Wir sind auf einem guten Weg, den Cup wieder in die Vereinigten Staaten zu bringen.”

 

 

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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