America’s Cup: Stimmung bei der Luna-Rossa-Taufe – Miuccia Prada schlägt kraftvoll zu

Mit Herz und Emotionen

Miuccia Prada hat dem Luna Rossa AC75 einen sauberen Schlag verpasst. Wie sich das italienische Team auf den America’s Cup vorbereitet. Ein Ortsbesuch.

Diese Frau hat die Hosen an. Nein, auf das Treppchen will sie nicht steigen. Nein, ein Mikro braucht sie nicht. Unwirsch stößt Miuccia Prada die Hand ihres Mannes weg. Ist sie genervt? Nervös? Weil sie vor den Augen der Segel-Welt die neue Luna Rossa Taufen soll?

Diese Frau lässt sich nichts sagen. Und Patrizio Bertelli lächelt an ihrer Seite. Anders als ein Trump dessen Frau beim offiziellen Termin nicht mit ihm Händchen halten will. Es ist das Lächeln eines Mannes, der seine Frau genau so mag. Ihr Temperament, ihre Widerborstigkeit, ihre Persönlichkeit.

Miuccia Prada schlägt kraftvoll zu. © Luna Rossa

Seit 32 Jahren sind sie verheiratet. Und nun ist sie dafür verantwortlich, das jüngste Spielzeug ihres Mannes ordentlich in Szene zu setzen. Für die Taufe spricht Monsignor Arrigo Miglio, der Erzbischof von Cagliari, seine segnenden Worte. Nun muss die kleine Frau diese verdammte Flasche ordentlich zum Platzen bringen.

Hand verletzt

Es ist gar nicht so einfach. Das musste schon Ben Ainslies Gattin Georgie bei ihrem peinlichen Tauf-Versuch 2017 in Bermuda erleben. Und es gibt Stimmen, die darin durchaus ein böses Omen für die folgenden Rennen gesehen haben. Die Briten ließen sich in der Folge deutlich unter Wert schlagen. Bei der Taufe am Freitag verzichteten sie gleich ganz auf das Zerdeppern der Flasche.

Das ist nichts für Frau Prada. Auch nicht die extra dünnwandige Flasche. Eigentlich unnötig. Sie knallt die Flasche so heftig auf den Bug, dass sogar Blut fließt. Ein Splitter ritzt ihren Handrücken. Sie leckt kurz drüber, dann ist die Sache erledigt.

Der Luna Rossa AC75 beim stimmungsvollen Stapellauf:

Wenn diese Power nur ein wenig auf das Segelteam abfärbt, sollte den Gegnern Angst und Bange werden. Schon jetzt sprüht das Team vor Zuversicht. Die verteilten Hupen erzeugen die Lautstärke. Aber auch die Emotionen kommen nicht zu kurz.

Taktiker mit 25 WM-Titeln

Vasco Vascotto (49), einer der weltbesten Taktiker und wohl der beste Entertainer unter den Segelprofis, moderiert mit feierlicher, kraftvoller aber auch emotional, zittriger Stimme am Mikfrofon. Dann umarmt er innig einen Teamkollegen.

Dass er das nochmal erleben darf. So weit oben auf der Karriere-Leiter war er noch nie – auch wenn er gut 25 WM-Titel gewonnen hat. Diesmal könnte er seine Karriere  mit einem Sieg beim America‘s Cup krönen.

der 25-fache Weltmeister Vasco Vascotto bei Luna Rossa. © Luna Rossa

Zwölf Jahre ist es her, dass er mittendrin war in der Cup-Szene. Chancenlos zwar mit Mascalzone Latino, aber beim nächsten Kampagnen-Start 2010 sogar als Challenger of  Record für den 34. America’s Cup. Doch sein Mascalzone-Team zog sich zurück, als der Reeder Vincenco Onorato nicht das nötige Geld zusammenbekam für den von Russell Coutts und Larry Ellison propagierten Wechsel auf Katamarane.

Danach tat er sich als lauteste Kritiker-Stimme hervor, die den Niedergang des Cups anprangerte. Er konnte nicht davon ausgehen, dass er nun nochmal eine Chance bekommen würde, die Hand an den heiligen Gral zu legen. Genauso ungläubig stehen nun viele seiner Kollegen vor diesem Schiff, die schon mit anderen Luna-Rossa-Kampagnen verbunden waren. Dass sie das nochmal erleben dürfen. Was für ein radikales Boot, was für eine revolutionäre Zeit im Segelsport.

Zwischen den Flügeln. © Luna Rossa

Es wird geflogen, gefoilt mit einer bisher für unmöglich gehaltenen Intensität. Und nun sieht dieses Segelboot auch noch so aus, wie ein Segelboot aussehen sollte. Mit nur einem Rumpf, einer elfköpfigen Crew an Bord einem ordentlichen Mast und richtigen Segeln.

Gewinner-Glanz für Italien

Das mag auch Maestro Bertelli zufriedenstellen. Er ist in bester Stimmung beim Essen auf der Basis. Im Hosenträger-Look lässt er sich seine Aufwartung machen, von Militärs, Wirtschaftsgrößen und Weggefährten. Selbst Ministerpräsident Conte kommt am Abend nach der Taufe noch vorbei.

Ministerpräsident Giuseppe Conte mit dem Luna Rossa Team im neuen Woolmark-Outfit auf dem AC75 Vorschiff. © Luna Rossa

“Es Italiens Herausforderung an die Welt”, sagt er. Man werde dem Team immer applaudieren und zur Seite stehen. Dabei kann auch er etwas Gewinner-Glanz für das schwächelnde Italien gebrauchen. Ein schillerndes Projekt wie Luna Rossa kann dem Image des Landes nur gut tun, über dem viele den Pleitegeier kreisen sehen. Diese Segler lassen Italien in einem so herrlichen, positiven, kraftvollen Bild erscheinen, wie es zuletzt  selten der Fall war.

Dabei wird auf der Basis in Cagliari nicht pompös gefeiert. Eher mit verschämtem Stolz und familiär. Im alten Fährterminal, das nie benutzt werden konnte, weil der Tiefgang für die Schiffe nicht ausreichte, ist neben einem Indoor-Spieplatz eine Tafel für die Kleinen des 106-köpfigen Teams aufgebaut. Eine Betreuer-Gruppe in Fußballmannschaft-Stärke und in Supermann-Shirts gekleidet kümmert sich. Die Kids gehören dazu. Sympathisch, italienisch.

 

Bei Parmesan und Pasta, Wasser und Wein wird kulinarisch nichts Exklusives aufgefahren. Die Gäste drängeln vor den Buffet-Tischen wie bei einer 08/15-Regatta. Die Tintenfisch-Ringe werden in Pommes-Tüten serviert und mit der Hand gegessen. Zum Nachtisch gibt’s Obstsalat.

Hier versucht ein Team auf dem Boden zu bleiben, das seit seinem Bestehen noch nie so viel Geld ausgegeben hat. Die Briten haben offiziell von einem 126-Millionen-Euro-Deal gesprochen, mit dem sie den Cup holen wollen. Es wäre aber nicht überraschend, wenn der spätere Cup-Sieger am Ende über 200 Millionen Euro ausgeben musste.

Die Italiener haben eine hübsche Sponsoren-Familie beisammen. Mit Prada, Pirelli und Panerai gehören einige der wichtigsten Stützen der italienischen Wirtschaft dazu. Auch die Woolmark Company passt zum Style und Auftreten des Herausforderers. Als technischer Partner entwickelt sie mit Luna Rossa neuartige Segel-Bekleidung mit hohem Anteil australischer Merino-Wolle. Die Arbeit mit der Naturfaser erfordert einen neuen, innovativen Ansatz, der auch vom Design-Team erwartet wird, wenn der America’s Cup gewonnen werden soll.

20 Millionen Euro verloren

Diese Aufbruch-Stimmung ist bei der Feier zu spüren. Segler und Partner herzen sich, klopfen auf die Schulter, verteilen Wangen-Küsse. Die Enttäuschungen aus der Vergangenheit sind vergessen. Bertelli schien lange auf der Verlierer-Seite und gab sich im Duell mit Larry Ellison als der unnachgiebige, beleidigte Patriarch.

2017 wollte er eigentlich schon den Cup gewinnen und gab richtig Gas, kaufte die besten Designer zusammen und baute schon an einem Boot. Aber Coutts und Ellison änderten spät und unfair die Design-Regel – der Vorsprung der Italiener mag ihnen unheimlich geworden sein – und Bertelli ließ sich das nicht bieten.

Er stieg aus und schrieb die rund 20 Millionen Euro ab, die er investiert haben soll. Dafür unterstützte er die Neuseeländer mit Know How, Geld und Material. Ihr Sie war eine Überraschung und Bertelli rieb sich die Hände. Rache ist süß! Fortan sind die Kiwis ihm zu Dank verpflichtet. Der wird nicht so weit gehen, dass sie ihm kampflos den Cup überlassen, aber selten hat es im Vorfeld eines America’s Cups so wenig Ärger gegeben.

Diesen Spaß strahlt Bertelli aus, der sonst eher für seine Wutausbrüche berüchtigt ist. Und es mag sich auf sein Team auswirken. Alles sieht nach einem perfekten Setup aus. Wenn nicht jetzt, wann dann? So stark war ein italienisches Cup-Syndikat noch nie aufgestellt.

New Generation-Umbruch noch nicht vollzogen

Aber so einfach wird es nicht. Das Alter könnte ein Problem werden. Und das haben die Verantwortlichen erkannt. Sie riefen das Projekt “New Generation” aus und wollen italienische Talente einbauen. Eines wäre Ruggero Tita, Weltmeister und Weltranglisten-Erster im Foiling Nacra 17 – ein logischer Steuermann für den großen Flieger.

Die Rekrutierung der 26-jährigen Olympia-Hoffnung wurde im Juni 2017 groß angekündigt, wie auch die von Romano Battisti (33), einem Olympia-Silber-Ruderer (2012). Beide werden in der Pressemappe noch als “New-Generation-Mitglieder” geführt, aber nun stehen sie nicht mehr auf der Website. Dort gehören zu den sieben “Jungen” drei 49er-Segler, je ein Laser- und Star-Segler, sowie ein Schwimmer und Ruderer.

Der Generationenwechsel im Segel-Team hat längst nicht stattgefunden, wie bei den Neuseeländern wo Peter Burling und Blair Tuke die Führungsrollen übernehmen und auch bei den Briten, wo Finn-Weltmeister Giles Scott immer wichtiger wird.

Haudegen in der ersten Reihe

Bei den Italienern stehen immer noch die Haudegen wie Vascotto aber auch Francesco Bruni (46) in der ersten Reihe. Bruni zeigte jüngst mit dem EM-Titel in der Moth, dass er sich durchaus aufs Schnellsegeln versteht. Aber er wird sich im Kampf um die Position am Steuerrad mit dem Australier James Spithill auseinandersetzen müssen, der bei Oracle die Foiling-Ära mitgeprägt hat.

Da bleibt nicht viel Platz für die Jungen. Zumal die Italiener kein großes Risiko eingehen wollen. Ihr Team ist zwar gut aufgestellt und finanziell besser ausgestattet denn je.  Aber es gibt drei Teams, die ebenso stark erscheinen.

SR bei der Arbeit mit dem alten Laser-Kumpel und Luna Rossa Steuermann Francesco Bruni. © SegelReporter

Die Neuseeländer zehren von ihrer Erfahrung, die Amerikaner pumpen wohl am meisten Geld in ihre Herausforderung und beschäftigen schon 150 Menschen im Team und die Briten sollten nach Bermuda auch die Lehren aus fehlerhaften Design-Entscheidungen getroffen haben.

Vielleicht kommt es am Ende darauf an, wer am meisten Herzblut in die Sache steckt oder an der Tauf-Flasche die beste Figur macht. In diesen Disziplinen liegt Luna Rossa ganz weit vorne.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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