America’s Cup Testboot nun auch von INEOS Britannia: Ben Ainslies neues Spielzeug

"Uns fehlte das Vertrauen"

Nach Luna Rossa hat nun auch der Challenger of Record INEOS Britannia sein neues America’s Cup Testboot T6 zu Wasser gelassen. Vergleich mit dem italienischen Boot

INEOS Britannias neues ‘T6′ Testboot kurz vor den Stapellauf in der Winter-Basis Palma de Mallorca. © C.Gregory/INEOS Britannia

Die Luna Rossa Linien im Vergleich. © Luna Rossa

INEOS Britannia hat sein erstes Testboot für den America’s Cup zu Wasser gelassen. Der Foiler mit dem Codenamen T6 fällt unter den Bootstyp LEQ12, ist also ein verkleinerter AC75, den die Teams zum Testen bauen dürfen. Er wird von den Teams zusätzlich neben dem AC40 gebaut, den alle Cup-Teams kaufen müssen.

Radikales Unterwasserschiff mit ausgeprägtem “knuckle”. © C.Gregory/INEOS Britannia

Das Unterwasserschiff des LEQ12 Testbootes von Luna Rossa weist rundere Formen auf.

Der Rumpf ist aerodynamisch, die Foils verschieden. Bild: ANDREA PISAPIA

Der britische T6 wurde bei Carrington Boats in Hythe bei Southampton gebaut und dann nach Brackley transportiert, wo INEOS Britannia seine Zelte am Sitz des Mercedes-AMG Petronas F1 Teams aufgeschlagen hat. Dort baute das Team die Systeme ein und transportierte das Schiff schließlich zur neuen Wintertrainingsbasis in Palma.

Die Briten hatten als Challenger of Record darauf bestanden, neben den von den Kiwis gelieferten AC40 Onedesigns auch selber Testboote bauen zu dürfen und diese Option im Protokoll festgeschrieben. Diese Schiffe dürfen zwischen 6 und 12 m lang sein und heißen deshalb LEQ12 (less or equal to 12).

Vertrauen aufbauen

Teamskipper und CEO Ben Ainslie erklärt in einer Mitteilung die Hauptgründe für die Investition in ein zusätzliches Boot: “Nach dem AC36 fehlte uns das Vertrauen in unsere Konstruktionsprogramme. Letztlich haben wir beim vergangenen Cup wichtige Entscheidungen zum Design mithilfe der Computer-Berechnungen und den Simulationen getroffen, und man muss sagen, dass sie nicht genau genug waren. Das hat sich im Endergebnis niedergeschlagen, und zwar in Bezug auf den Rumpf, das Foil-Design und die Leistung.

Dieser T6 ist nun eine fantastische Gelegenheit für uns, unsere Konstruktionswerkzeuge zu validieren. Wir können dann mehr Vertrauen entwickeln, bevor wir mit der Konstruktion der Schlüsselkomponenten für das Rennboot in Barcelona beginnen.”

Das neue Boot sei auch ein Testlauf für die Zusammenarbeit mit Mercedes-AMG vor dem Bau des neuen AC75. “Es ist eine große Aufgabe, zwei verschiedene Designgruppen zusammenzubringen und gemeinsame Arbeitsmethoden zu definieren”, erklärte Ainslie.

“Der Probelauf mit der Entwicklung von T6 hat uns eine Reihe von Bereichen aufgezeigt, in denen wir unsere Herangehensweise und die Gesamtstruktur des Teams verbessern konnten.”

Schicksal selbst in die Hand nehmen

Es sei fantastisch, dass das Emirates Team New Zealand den AC40 einsetzt. Und Ainslie betont, dass man auch dieses Boot sowohl als Test- als auch als Rennplattform intensiv nutzen werde. “Aber wir wollten wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir wollten die volle Kontrolle über unsere eigene Testplattform haben und nicht von einer dritten Partei abhängig sein, die diese Plattform zur Verfügung stellt.”

T6 soll ab sofort für eine umfangreiche Testphase genutzt werden, bevor die Frist für den Bau des AC75-Rennboots des Teams abläuft. Anfänglich werden mehr Schlepptests als Segeltests durchgeführt. “Wir haben eine lange Liste verschiedener Schlepptests, die wir durchführen wollen, um die Informationen aus unseren Konstruktionswerkzeugen zu validieren. Das geht am besten ohne die Variabilität des Windes, denn wir wollen keine unbekannten aerodynamischen Einflüsse auf unsere Messungen.”

Ainslie vor seinem neuen Spielzeug. © C.Gregory/INEOS Britannia

Es sei eben sehr schwierig, den Wind in verschiedenen Höhen über der Plattform genau zu messen und daher auch schwer, ein genaues Modell zu erstellen. Daher solle diese Unsicherheit aus dem ersten Testprogramm mit dem T6 herausgefiltert werden.

“Die Validierung der Computer-Tools ist in diesem Stadium wirklich entscheidend. Die Simulationswerkzeuge für den America’s Cup haben einen großen Schritt nach vorne gemacht. Sie ermöglichen es uns, so viele Varianten der Designphilosophien und Optionen auszuprobieren wie nie zuvor. Allerdings muss man diesen Simulationswerkzeugen wirklich vertrauen können. Alle Teams wissen das und versuchen ihr Bestes, um die genauesten Tools zu entwickeln, die ihnen dann helfen, das schnellste Boot zu entwerfen.”

American Magic radelt schon

Während T6 den Winter in der neuen Basis des Teams in Palma de Mallorca verbringen wird, die von Finn Dinghy Doppel-Olympiasieger Giles Scott geleitet wird, werden alle Testdaten und -ergebnisse live an die Design-, Konstruktions- und Leistungsteams in der britischen Teamzentrale in Brackley übertragen.

In der Zwischenzeit nehmen die Aktivitäten der einzelnen Teams nehmen zu. Das neue offizielle gemeinsame ‘Spionage’-Regeln bedeutet, dass alle Segeltage der Teams beobachtet und aufgezeichnet und öffentlich gemacht werden, so dass die Konkurrenten nicht wie bisher eigene Beobachter schicken müssen.

Luna Rossa Prada Pirelli hat das erste LEQ12-Testboot zu Wasser gelassen, die Kiwis beschäftigen sich ausführlich mit dem AC40, der bald allen Konkurrenten zur Verfügung steht. Und American Magic hat gleich zwei AC40 One-Designs bestellt.

Während die Briten ihren AC75, der bei beim vergangenen Cup im Einsatz einem Museum übergeben haben, segeln die Amerikaner schon wieder auf ihrer “Patriot”. Sie hat allerdings Umbauten erfahren und ist schon mit neuerdings wieder erlaubten Fahrrädern für die Energiebereitstellung ausgerüstet.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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