America’s Cup: Training nur noch virtuell – Wann fliegen endlich die ersten 75-Fußer?

"Wie auf der Playstation"

Längst hätten die Teams ihre ersten Kraken-Cupper für den 36. America’s Cup zeigen können. Aber das wird wohl noch eine Weile dauern. Ob es die Holländer schaffen?

Mule

Mule, das Testboot, der Amerikaner. © Armory Ross/NYYC-American Magic

Die Vorbereitung auf den nächsten America’s Cup 2021 gestaltet sich ungewöhnlich. New-York-Yacht-Club-Skipper Terry Hutchinson betont, wie wichtig die aktuelle Phase ist. An allen Ecken und Enden fehle Zeit, und die weitreichendsten Design-Entscheidungen werden gerade jetzt getroffen. Aber den 30. März als Zeitpunkt zum ersten  Stapellauf für den Bau einer der beiden erlaubten großen AC75-Cupper haben alle Syndikate verstreichen lassen.

Das wäre früher nicht denkbar gewesen. Niemand hätte sich den Trainingsausfall erlaubt, und auf die wichtigen Echtzeit-Belastungstests-Tests mit neuen Konstruktionen verzichtet. Aber wir schreiben das Jahr 2019, und da ticken die Uhren auch beim Cup deutlich anders.

Die Verschiebung der ersten Stapelläufe hat ersteinmal ganz banal damit zu tun, dass ein wichtiges Ausrüstungsteil große Probleme bereitet. Die in gemeinsamer Arbeit vom Cup-Verteidiger Team New Zealand und dem erstem Herausforderer Luna Rossa entwickelten und verpflichtend einzusetzenden Hydraulik-Arme, mit denen die Tragflächen bewegt werden, haben den Belastungen nicht standgehalten und mussten nachgerüstet werden.

AC36 FCS

Hebelarm, mit dem die Foils für den AC75 geschwenkt werde sollen. © America’s Cup

Erst die jüngste Version scheint besser zu funktionieren:

Doch die für 2019 geplanten ersten Regatten der America’s Cup World Series wurden schon auf 2020 verschoben.

Wie man es nicht macht

Aber das ist nicht der wichtigste Grund dafür, dass noch kein AC75 schwimmt. Es sind wohl eher strategische Gründe. Das Team New Zealand hat in der Vergangenheit vorgemacht, wie man es nicht macht, wenn man den Cup gewinnen will – und dann wiederum, wie man es macht.

Cup-Spezialisten sind sich längst einig, dass die Kiwis wohl schon 2013 die Kanne gewonnen hätten, wenn sie nicht zu früh gezeigt hätten, wie weit sie mit ihrer radikalen Tragflächen-Entwicklung gekommen waren. Die war schließlich von den Regel-Wächtern nicht beabsichtigt gewesen, musste aber dann doch erlaubt werden. Die Neuseeländer hatten ein Schlupfloch gefunden und zeigten mit ihrem Design früh, dass sie ihren Katamaran auf Flügel heben konnten.

Oracle wurde überrascht und zusätzlich durch die Kenterung ihres ersten AC72 in der Entwicklung zurückgeworfen. Den Amerikanern reichte aber schließlich nach einem immensen Kraftakt noch die Zeit aus, um den technischen Rückstand aufzuholen und schließlich den Gegner zu überholen.

Vier Jahre später machten es die Neuseeländer schlauer, reizten das Versteckspiel um ihre Pedal-Grinder bis zum Ende aus, brachten ihr radikales Boot ganz spät nach Bermuda und lieferten der Konkurrenz keine Möglichkeit, ihren erneuten technischen Vorsprung aufzuholen.

Wichtige strategische Entscheidung

Dabei half ihnen insbesondere eine wichtige strategische Entscheidung. Sie investierten massiv in die Entwicklung eines Simulators. Und dabei kamen sie offenbar so weit, dass sie auf die im Vergleich zur Konkurrenz deutlich geringere Trainingszeit mit ihrem neuen Sportgerät verzichten konnten.

Wie weit die Entwicklung seitdem voran geschritten ist, zeigt sich durch den Simulator von Artemis Technologies, mit dem die Teams für den SailGP das Foilen im Ü50-Knoten-Modus erlernen. Das soll deutlich mehr als eine Spielerei sein. Die Simulatoren der aktuellen Cup-Teams sind sicher noch weiter. So lässt sich die relative Entspannung beim Verstreichen des ersten Stapellauf-Termins erklären.

Tatsächlich hoffen gerade die spät gestarteten Teams, dass ihnen diese Computer-Technologie die Möglichkeit zum Aufholen liefert. Das zweite US-Team Stars&Stripes setzt zumindest in der Außendarstellung offensiv auf diesen Weg. Und nun haben auch die Holländer angekündigt, den AC75 per Simulator zu segeln.

Nachmeldegebühren verringert

Damit können sie das angepeilte Budget noch einmal signifikant drücken und sind offenbar immer noch im Rennen, eine Teilnahme am Cup zu realisieren. Eigentlich waren für die Meldung am 1. April zwei Millionen Dollar plus eine Million Nachmeldegebühr fällig geworden, aber die Bedingnungen sind dann doch deutlich gelockert worden. Die erste Rate wurde auf 250.000 Dollar verringert, Ende April wird dann eine Million fällig und die letzten 750.000 müssen erst bis zum 1. Oktober gezahlt werden.

Simulator, GP50, F50, Artemis

Per Gangway ins Cockpit des Simulators: Ohne Bruch durch Anfängerfehler das Boot beherrschen © artemis

Es gibt noch keine Abmeldungen, und so ist möglicherweise auch noch die Herausforderung aus Malta im Rennen, die am ex Artemis-Skipper Iain Percy hängt. Aber seit Monaten gibt es von dieser Seite kein Lebenszeichen mehr.

Doch wenn es früher ein Ausschlusskriterium war, nicht rechtzeitig ein Boot auf dem Wasser zu haben, dann ist das in den Zeiten des Simulators möglicherweise nicht mehr so wichtig. Man mag damit besser trainieren können, als mit den Testbooten, die Ainslie und der New York Yacht Club im Einsatz haben. Denn die dürfen nicht länger als 12 Meter  sein, was etwa der Hälfte des AC75 entspricht.

Die Niederländer haben längst erklärt, dass ihr Cupper nicht vor Februar oder März nächsten Jahres schwimmt, sofern die Kosten denn gedeckt werden können. In der Zwischenzeit wollen sie sich aber das Simulator-Programm von den Neuseeländern kaufen, was ihnen angeboten wurde.

Schon 2015 übte das britische BAR Team mit 360 Grad Brillen. Die Technik ist heute deutlich ausgereifter. © Harry Kenney-Herbert

Die Steuerfrau Carolijn Brouwer sagt: “So lange das Boot gebaut wird, müssen wir etwas tun, um trainieren zu können. Wir werden das mit der Hilfe von Simulatoren tun und haben dafür viel KnowHow in den Niederlanden. Wir werden dann 360Grad-Brillen tragen und das Segeln wie auf einer Playstation üben.”

Auch die Italiener sitzen schon fleißig vor ihren Bildschirmen und üben. Skipper Max Sirena bestätigt, dass Luna Rossa über einen sehr leistungsfähigen Simulator verfügt. Er sei anfangs zusammen mit den Neuseeländern entwickelt worden, mit denen beim vergangenen Cup eine enge Partnerschaft bestand. Dieser sei nun nach dem Formel1 Vorbild noch einmal deutlich verbessert worden. Deshalb benötige man kein Testboot und werde gut vorbereitet sein, um direkt auf dem ersten AC75 Cupper segeln zu können. Der soll nun Ende Juli oder Anfang August vom Stapel laufen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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