America’s Cup Unglück: Ex Alinghi Designer Rolf Vrolijk über die Struktur-Probleme

"Es ist ein Rätsel"

Wie groß ist das Risiko? Soll man den America’s Cup absagen? Rolf Vrolijk hält das für abwegig. Er konstruierte für den America’s Cup 2010 den 90 Fuß Katamaran “Alinghi”.

Rolf Vrolijk, ex Alinghi Designer

Rolf Vrolijk, ex Alinghi Designer für den 90 Fuß Katamaran 2010. © Alinghi

Seit festzustehen scheint, dass offenbar ein Strukturfehler zum schrecklichen Unglück beim America’s Cup Training geführt hat, stellt sich die Frage, wie das passieren konnte. Rolf Vrolijk hatte es 2010 mit einer noch extremeren Konstruktion zu tun. Der Alinghi Katamaran war auf die in der Stiftungsurkunde Deed of Gift ausgewiesenen maximalen Maße von 90 Fuß zugeschnitten.

Vrolijk erfand mit seinem Design Team die spinnenartige Halte-Konstruktion, die für die Festigkeit des Mega-Kats verantwortlich ist. Und Artemis hat dieses Design fast exakt kopiert wie auch die Neuseeländer und Italiener.

Könnte dieses System zum Kollaps des vorderen Beams geführt haben? Im Gespräch mit SegelReporter äußert Vrolijk Zweifel an dieser These. Er wundert sich, dass dieses Teil Probleme bereitet haben soll. “Das ist völlig unüblich. In diesem Bereich gehen diese Boote eigentlich nicht kaputt.” Die Enden seien fest mit den Rümpfe verklebt und dienen dort quasi als zusätzliches Schott. Die Plattform sei so steif wie möglich. Auch beim Oracle Crash ging sie nicht kaputt.

Alinghi 90 Katamaran

Die spinnenartige Konstruktion unter dem Trampolin des 90 Fuß Alinghi Katamarans wurde auch von Artemis benutzt. © Alinghi

Der Kollaps ist für Vrolijk ein Rätsel. “Gerade das erste Boot wird immer stabiler gebaut, als das zweite. Und eigentlich bekommen die Teams die Strukturgrenzen per Telemetrie aufgezeigt. Dehnungsmesstreifen an den problematischen Stellen geben Alarm, wenn die Belastung zu groß wird.”

Das größte Problem bleibe eigentlich die Verstagung. Auch wenn im Rigg etwas kaputt gehe, sei die gesamte Struktur betroffen. Generell schwierig seien die enormen Dimensionen der neuen Katamarane. Die Design-Teams arbeiten auf einem Gebiet mit extremen Lastspitzen, die schwer zu berechnen sind.

Die seien auch nicht mit den 90 Fuß Multihulls zu vergleichen, die für den America’s Cup 2010 gebaut wurden. “Wir hatten nicht ohne Grund eine Wind Obergrenze von 15 bis 20 Knoten je nach Wellengang angesetzt. Diesmal müssen die Boote aber laut dem aktuellen Renn-Protokoll bis zu 30 Knoten unabhängig von der Welle einsetzbar sein. Das ist ein großer Unterschied.” Bei den San Francisco Bedingungen wäre das Schiff auseinander gebrochen.

Alinghi Katamaran

Schnell, aber nicht schnell genug. Der Alinghi Katamaran 2010 vor Valencia. © Alinghi

Aber dennoch hält Vrolijk es für völlig überzogen, wenn jetzt eine Absage des America’s Cups gefordert wird. “Die Probleme sind zu lösen, und die Neuseeländer haben ja gezeigt, dass diese Boote kontrolliert auf Kufen zu segeln sind.”

“Der Unfall ist schrecklich. Ich kannte Andrew Simpson. Ein guter Typ. Unglaublich, dass das passieren konnte.” Aber das stelle weniger den America’s Cup in seiner Gesamtheit als die Sicherheitsvorkehrungen in Frage. Man müsse wohl noch mehr Personal auf Motorbooten in der Nähe fahren lassen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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4 Kommentare zu „America’s Cup Unglück: Ex Alinghi Designer Rolf Vrolijk über die Struktur-Probleme“

  1. avatar Andreas Ju sagt:

    Hätte ein MoBo mit “Personal” das Unglück wirklich verhindert? Muss man sich vielleicht jetzt nicht dazu bekennen, dass diese Form von Segeln in eine neue Dimension vorstößt, zur Extremsportart wird, mit allen schrecklichen Gefahren – wie gerade passiert?

    Wenn man das nicht will (und dafür gibt es gute Gründe), muss man sich eben von dem aktuellen AC-Konzept verabschieden. Also nicht an den Symtomen rumdoktern sondern an den Ursachen.

    Fährt man aber dieses Konzept weiter (und auch dafür gibt es gute Gründe), werden solche schrecklichen Unfälle weiter geschehen. Wie bei Auto- oder Motorradrennen. Das ist der Preis. Und wer da mitmacht, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Die Gefahren herunterzuspielen, das Geschehene als Einzelfall herunterzuspielen, ist der falsche Weg.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 28 Daumen runter 2

    • avatar bowman sagt:

      Man muss die Sicherheitsvorkehrungen verbessern, auf jeden Fall. Nur durch ständige Verbesserung und Erhöhung der Sicherheitsstandards hat der Motorsport bis heute überlebt. In einem Formel 1 Cockpit ist man heute wahrscheinlich sicherer aufgehoben als auf dem Heck eines AC 72.

      Miniatemflasche, Helm und Weste sind einfach nicht genug. Bei ETNZ sind z.B. im Chaseboat No.1 immer zwei voll ausgerüstete Taucher mit dabei.

      Auch wenn sich der AC, der schon immer weit von “unserem” Segeln entfernt war, sich derzeit sehr schnell noch weiter entfernt, ist es immer noch faszinierendes Segeln. Das bleibt es aber nur, wenn es so sicher gemacht wird, dass keine Segler dabei ihr Leben lassen müssen.

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  2. avatar wooling sagt:

    Dieser AC 34 ist von vorne bis hinten eine Fehlgeburt. Bereits bei der Vorstellung dieses irren 72er Konzepts hätten die Teams absagen sollen. Was soll das denn, das die älteste Sporttrophäe der Welt zum Prototypen Testgebiet wird? Ohne jede Not werden hier technische und menschliche Fähigkeiten überfordert. Das kann mal in einem eigenen Cup machen, aber mit dem AC ist eine besondere Verantwortung gefunden.

    Ich würde mit wünschen, dass alle drei Teams nun zurückziehen. Larry Wahnsinn sollte nicht noch mehr Menschen das Leben kosten.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 6

    • avatar stefan sagt:

      …der “AC” ist, wenn man ihn hat ein “eigener Cup”!

      …wer ihn hat kann, in Kooperation mit dem Herausforderer die Regeln bestimmen. Im Prinzip bestimmt der Herausforderer mit welcher Größe von Yacht gesegelt wird. der Cupinhaber kann sich dann überlegen mit welcher Größe und Art von Yacht er dagegen hält. Um hier unsinnige und teure Exzesse zu verhindern einigen sich beide in der Regel auf ein Format und eine Boxrule, aktuell ist das der AC72.

      …der AC war schon immer “Testgebiet” ….ich kann gar nicht verstehen, wie man darauf kommt, dass es anders sein könnte. Etwas anderes wäre etwas Anderes als der AC!

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