America’s Cup Unglück: Luna Rossa erwägt Rückzug – Materialbruch immer wahrscheinlicher

"Viel zu extrem"

Der letzte Artemis-Run am Tag des Unfalls:
Oracle Team USA beim Training am gleichen Tag:
 
 

Patrizio Bertelli lässt sein Luna Rossa Team entscheiden, ob es beim America’s Cup weitermachen will. Polizei und US Coastguard haben Ermittlungen aufgenommen.

Der gekenterte Artemis AC72

Der gekenterte Artemis AC72 in der Bucht von San Francisco.

Drei Tage nach dem schrecklichen Unglück in San Francisco rätseln die Beteiligten immer noch, wie der AC72 Unfall beim America’s Cup Training hatte passieren können. Die Videos vom Trainingstag zeigen, dass der Wind durchaus stark wehte, aber mit gut 20 Knoten längst nicht an dem Limit war, bei dem die Oracle Kenterung passiert war.

Dabei verdichten sich die Hinweise auf einen strukturellen Fehler. Der Vater von Steuermann Nathan Outteridge hat im australischen Fernsehen erklärt, dass ihm sein Sohn erzählte, die Crew habe vor der Kenterung einige knackende Geräusche gehört. Der gesamte Rahmen sei gebrochen, das ganze System kollabiert.

Rätselhaft ist inzwischen, warum Andrew Simpson nach der Kenterung unter dem Tramplin nicht gefunden wurde. Taucher vom Artemis Team und auch vom nebenan trainierenden Oracle Team USA waren mit ihren Begeleitbooten in unmittelbarer Nähe und bargen die Segler ab. Auch ist nicht klar, warum Simpson die Mini-Sauerstoffflasche nicht helfen konnte, die er am Körper führte.

Ermittlungen aufgenommen

Inzwischen hat die Polizei in San Francisco zusammen mit der US Coastguard mit Ermittlungen begonnen. Regatta Direktor Iain Murray kündigte für Dienstag ein Treffen aller vier America’s Cup Teams an, bei dem das weitere Vorgehen besprochen werden soll.

Patricio Bertelli schlägt mit seiner Frau Miuccia Prada die Tauf-Flasche gegen den AC72 Bugspriet. © Luna Rossa/Carlo Borlenghi

Patricio Bertelli schlägt mit seiner Frau Miuccia Prada die Tauf-Flasche gegen den AC72 Bugspriet. © Luna Rossa/Carlo Borlenghi

Artemis Chef Torbjörn Tornquist versprach in einer Stellungnahme, dass der Unfall genau analysiert werde. “Wir werden untersuchen, wie die Risiken, die zwangsweise mit dieser Art des wettkampfmäßigen Segelns verbunden sind, in der Zukunft begrenzt werden können, um die Sicherheit des Teams und aller Segler zu gewährleisten.”

Über einen möglichen Rückzug sprach der Schwede nicht. Der kommt allerdings offenbar sehr konkret für Luna Rossa Boss Patrizio Bertelli in Frage. Er sagte dem italienischen Magazin Yacht Capital, dass er dem Team die Entscheidung überlasse, ob es weiter machen wolle. Nach 48 Stunden soll es die Entsscheidung fällen. Gleich sechs britische Segler und Teamgefährten von Andrew Simpson sind bei Luna Rossa beschäftigt.

“Es ist nicht gut, wie sich der America’s Cup im Moment darstellt”, sagt Bertelli. “Es ist wichtig, dass die Verantwortlichen das begreifen. Noch nicht alle haben realisiert, dass wir uns von einem romantischen America’s Cup zu einem Extremsport gewandelt haben. Man muss realisieren, dass diese AC72 viel zu extrem sind. Sie müssen begreifen, die Regeln überarbeitet und verändert werden müssen. Einfach alles. Auch wenn dieser Cup sicher der erste und letzte mit AC72 sein wird.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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12 Kommentare zu „America’s Cup Unglück: Luna Rossa erwägt Rückzug – Materialbruch immer wahrscheinlicher“

  1. avatar René sagt:

    Ich unterstütze Bertelli da. Es ist doch eigentlich seit vielen Jahren nur noch eine Materialschlacht. Katamarane und AC passen für mich auch nicht so wirklich zusammen.

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    • avatar AC sagt:

      Der America’s Cup war doch schon immer eine Materialschlacht oder?

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  2. avatar Christian1968 sagt:

    Ich schaue mir die Videos mit den AC72 immer an und bin fasziniert davon, wie sie sich aus dem Wasser heben und mit unglaublichen Geschwindigkeiten übers Wasser gleiten.
    ABER: es ist noch nicht sooo lange her, da wurden der Cup in den behäbigen 12ern ausgesegelt, dann kam das “Mismatch” zwischen Riesen-Monohull gegen Conners Flügelkat.
    Dann wieder 12er schließlich schnelleren Monohulls und dann zuletzt die Privatauseinandersetzung zweier Milliardäre, gesegelt wieder in Multihulls. Hab’ ich was vergessen – belanglos.
    Kann da jemand einen roten Faden erkennen ?

    Jetzt sagt einer der Finanziers, der PRADA-Chef, dass dies sicher der letzte in den AC 72 Kats gesegelte Cup ist.

    Ist das nicht schade ? Ist es nicht schade, dass es nur 3 Herausforderer gibt. Früher waren das oft über 10 und die Vorregatten waren extrem spannend.

    Irgendwas läuft schief.
    Und dass sogar die Weltbesten Segler diese Boote nicht mehr sicher steuern können ist nicht weniger schlimm, als dass die weltbesten Konstrukteure sie nicht sicher zu bauen vermögen. Nur die Konsequenzen haben sich verschoben.

    Es muss sich einiges ändern.
    Meine Gedanken sind bei der Familie des gestorbenen Seglers.

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  3. avatar Marsha sagt:

    Sorry, ich finde das nicht schade. Der AC bringt keine gute Publicity für das Segeln als Sport. U
    Um 30 Knoten auf Foils zu erreichen muss keiner 10 Mio in die Hand nehmen. Ich finde die Bilder aus SF weniger spektakulär als die 1000 Optis am Gardasee…

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  4. avatar andreas sagt:

    So faszininierend die 72er aus technologischer Sicht auch sein moegen; ich finde auch; dass es jetzt genug ist. Wer den Thrill des lauernden Desasters will, kann ja Autorennen schauen.

    Urspruenglich war der AC mal eine Matchrace Veranstaltung und die war nie spannender, als mit den 12ern. Ein Matchrace wird es diesmal kaum geben, eher werden die Kontrahenten in verschiedene Richtungen losrasen und dabei hoffen, dass alles haelt (und alle ueberleben).

    Man sollte sich Gedanken machen, wie der alte Geist der Veranstaltung wieder herzustellen ist und dabei niemand sterben muss. Dieses Risiko ist keine Sporttrophaee wert!

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  5. avatar Heini sagt:

    Interessant, wie sich plötzlich die Aussagen wandeln. Bisher wurden die Mono-Befürworter immer als die ewig Gestrigen beschimpft. Und der neue Cup, wo die Crews mit Sturzhelmen lieber 40 als 30 Knoten fahren sollten, ja, das war der Aufbruch in eine neue Zeit, die Rettung des Segelsports, endlich mal was medienwirksames mit richtig Action.

    Eigentlich war der Tod von Andrew Simpson doch der Gipfel desssen, was alle immer gefordert und sich gewünscht haben: Der America’s Cup in den Hauptnachrichten, zur besten Sendezeit!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 12

  6. avatar wooling sagt:

    Heini: mal langsam mit deinem Pauschalurteil.

    Es gibt viele die diesen Cup schon von Beginn an unsinnig fanden. Ich auch. Mit wäre es am liebsten gewesen, er hätte niemand für den Cup gemeldet. Ich habe viel und oft kritisiert und auf das Versagen von Ellison und Coutts hingewiesen. Das hat nichts mit mir zu tun, aber deinen Kommentar will ich so nicht stehen lassen.

    Wie ich sind viele der Meinung, dass der AC eine besondere Verantwortung erfordert. Extremsport kann in einem eigenen Format laufen. Der AC ist aber Segelsport und keine Kirmes – die leider auch noch Menschleben fordert.

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    • avatar Stefan sagt:

      …dem muss ich deutlich widersprechen. Der AC war auch immer schon die Superlative wenn es um Extreme ging. Lediglich in der Zeit der 12er hat man sich etwas bescheidender gegeben. Aber vom Grundsatz her ist der AC ein Technologie- und Segelwettstreit. Beim AC sind immer Schiffe zerborsten. Gerade in der ersten Hälfte des 20. Jhd. lebte der AC von extremen Konstruktionen, die so fragil waren, das sie meist nur die handvoll Rennen überstanden.

      ….jetzt die Gesamtheit der neuen Boote als zu labil und gefährlich zu verdammen, nur weil eines zerbrochen ist, halte ich für unsachlich. Auch in der jüngst abgeschlossenen Ära der IACC sind einzelne Boote zerbrochen, weil sie zu sehr am Limit gebaut wurden. Zudem muss man bei dem Kat von Artemis beachten, dass dieser jüngst radikal umgebaut wurde. Das Zentralcockpit wurde ausgebaut und Winschen und Grinder in die Rümpfe verlagert. Hierzu wurden dort neue Cockpits in die Rümpfe gebaut. Alles sehr umfangreiche Veränderungen und das kurzfristig, weil die Zeit drängt. Ob dabei die Konstrukteure alle Eventualitäten bedacht haben, werden die Untersuchungen zeigen.
      …alle anderen AC72 segeln bisher ohne jegliches Versagen von Strukturen und das z.T. bei echt viel Wind. Bei 30 kn wäre in der Vergangenheit kein IACC in ein Rennen gegangen und es ist fraglich ob die Strukturen das grundsätzlich verkraftet hätten.

      …es ist tragisch dass ein Mensch bei dem Unglück ums Leben gekommen ist. Aber leider passieren solche Dinge. Es sind auch schon in anderen Bootsklassen Leute ertrunken, weil sie unter ein gekentertes Boot geraten sind. Keiner diskutiert darüber ob 49er zu gefährlich sind. Warum?

      …ich finde es traurig, dass hier der Tod eines Menschen für eine Diskussion instrumentalisiert wird, die ganz andere Gründe hat. Wo wäre die Diskussion wenn kein Mensch bei dem Unglück zu Schaden gekommen wäre? Hier geht es doch viel mehr darum, dass es Menschen gibt die mit dem gewählten Format des Cups nicht einverstanden sind. Das ist legitim. Aber so ist es aktuell nun mal und es haben sich eine Reihe von Teams auf dieses Format eingelassen. Punkt!

      …wenn jetzt ein deutsches Team plötzlich feststellt, dass über Nacht die coolen Schlitten, die gestern noch die Zukunft des Segeln verkörperten, zu gefährlichen und unverantwortlichen Monstern mutiert sind, dann muss ich schon sehr die fachliche Qualifikation der Entscheidungsträger in Frage stellen. Sowohl die AC45 als auch die AC72 (um die es in dem Fall nicht geht) sind das was sie seit Jahren (Monaten) sind. Nichts hat sich an den Booten geändert. Über die Gründe für die Absage wird viel spekuliert. Zurecht, denn sachlich nachvollziehbar ist das auf Basis der Boote und des Formats nicht, denn die waren schon das was sie sind, als die Entscheidung der Teilnahme getroffen wurde.

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  7. avatar jes sagt:

    Ob ein Wettbewerb sinnig oder unsinnig ist hängt doch davon ab, was man eigentlich in den Wettbewerb stellt:
    soll hier seglerisches Können verglichen oder technische Machbarkeit demonstriert werden?

    Der Unfall von Herrn Simpson gehört ordentlich untersucht. Mit Todesfälle, so tragisch sie auch sind, muss man im Leistungssport unter ungünstigen Umständen rechnen, man darf sie aber nicht als selbstverständlich akzeptieren.
    Wenn sich aber während der Unfalluntersuchung zeigen sollte, dass hier konstruktive oder bauliche Mängel vorgelegen haben, dass ev. das Reglement Konstruktionen zuläßt, die ohne irgend welche Sicherheiten ausgelegt sind und daher ohne Vorwarnung urplötzlich versagen, wenn hier organisatorische Fehler begangen wurden oder eine verbesserte Sicherheitsausrüstung diesen Unglücksfall verhindert hätte, dann müssen hier Änderungen über ein angepasstes Reglement vorgenommen werden. So wie in anderen Extremsportarten eben auch (wie Formel 1).

    Was den AC angeht: mir persönlich wäre eine Regatta viel lieber, bei der mit alltagstauglichen Booten, die mehr oder weniger gleich sind, gesegelt würde. Das Können der Crew sollte im Mittelpunkt stehen und nicht eine Materialschlacht. Daran könnten sich dann auch wieder mehr Mannschaften beteiligen und es würde das, was es sein soll: ein Wettbewerb unter Spitzencrews.

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  8. avatar wooling sagt:

    Jes, wenn du deinen Beitrag weiter denkst kommst du zu der Frage, ob das sein muss. Hier gehts ja gar nicht um irgendein Geschoss. Hier geht‘s um den wichtigsten Segelwettbewerb der Welt. Da gibt es für Profis keine Wahl, die müssen da mitmachen, wenn sie ihren Job weiter machen wollen. Warum treibt Ellison seine Phantasien nicht in einem eigenen Wettbewerb? Da wäre der Druck geringer für die Profis mitmachen zu müssen. Zudem würde ein sinnvoller AC mehr Arbeitsplätze schaffen, weil mehr Teams am Start wären.

    Wenn der AC 32 in Valencia mit 14 Teams weiter entwickelt worden wäre, hätte der gesamte Segelsport enorm gewonnen. 12 Teams!!!!!, die sich das leisten kosten. Kleinere Teams wie Shosholoza mit Programmen, die im ganzen Land (Südafrika) wahrgenommen wurden. Weltweite Berichte, aufkeimendes Sponsoren Interesse. Klar, die Schiffe waren langsamer. Aber es gab keine Toten und das Event war der Hammer.

    Der gesamte Segelsport wäre heute viel weiter, wenn das Format von 2007 weiter einwickelt worden wäre.

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    • avatar Stefan sagt:

      …weil das was in Valencia durch das AC-Management (unter Alinghi) den Tod des AC bedeutet hätte. Das ACM wollte aus dem AC eine Regattaserie machen, die fest in Valencia installiert worden wäre und alle Macht dem ACM zugeschrieben hätte. Die Stiftungsurkunde wäre faktisch obsolet geworden. Zudem hätte immer das ACM das sagen gehabt, egal wer den Cup inne gehabt hätte.

      …auch wenn es einigen scheinbar nicht passt, aber der AC ist ein Herausforderer-Cup. Es geht bei der Geschichte nicht darum möglichst viele Teams in einem Event segeln zu lassen. Es geht darum das zwei Clubs und verbunden damit zwei reiche Säcke auf dem Wasser austragen, wer den Längeren hat. Nichts anderes ist der Cup je gewesen. Wem das nicht passt, der muss sich einen anderen Event suchen, aber nicht versuchen einen Cup mit 162 Jahren Tradition umzumodeln und für seine eigenen Interessen zu missbrauchen.

      …denn das wurde von Seiten der Schweizer verfolgt. Es wäre ein AC-Management eingesetzt worden, das ähnlich wie die FIFA alle entscheidenden Fäden und Geldflüsse kontrolliert hätte. Und zu welchem Filz und welcher Korruption das führt, leben uns FIFA und IOC ja lebhaft vor.

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  9. avatar jorgo sagt:

    Vielleicht geht Ellison es am Dingens vorbei was andere denken????

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