America’s Cup: Warum die Italiener kaum eine Chance haben – Ainslie ist “eingeschüchtert”

Wer gewinnt?

Niemand setzt einen Pfifferling auf Luna Rossa Team im anstehenden America’s Cup-Duell mit Team New Zealand. Warum der britische Teamchef Grant Simmer die Leistungsfähigkeit des Verteidigers für “angsteinflößend” hält.

Der Tower von Auckland angestrahlt in den Farben der italienischen Flagge. © COR Borlenghi

Es sieht nicht gut aus für die Italiener beim America’s Cup Match. Grant Simmer und Ben Ainslie sprechen im Interview beim britischen Journalisten Matt Sheahan zwar höflich über die Entwicklung von Luna Rossa aber besonders CEO Simmer wird deutlich. Die Leistungsfähigkeit des neuseeländischen Bootes sei “einschüchternd”.

Dass italienische Boot habe zwar “nicht viele Schwächen”, aber im Vergleich zum Team New Zealand gebe es doch deutliche Defizite. “Wir haben gesehen, dass sie (TNZ) wirklich beeindruckende Leistung abrufen können.” Sie hätten zwar keine intensiven Regatta-Vergleiche gehabt, aber gerade der Speed sei ziemlich “angsteinflößend”. Simmer lässt durchblicken: Wenn sie gegen die Kiwis im Finale segeln müssten, wäre es wohl eine kaum lösbare Aufgabe gewesen.

“Die Italiener sind im Prada-Cup-Finale extrem gut gesegelt und ihr Boot kommt mit einer Reihe von Bedingungen gut zurecht. Sie haben also einen guten Job mit dem Design gemacht. Es hat nicht viele Schwächen, es ist sehr gut bei Leichtwind, kommt aber auch bei 15 Knoten gut klar. Dennoch sieht er einen Rückstand zu den Neuseeländern. “Haben sie ihn aufholen können? Schwer zu sagen. Sie sind auf jeden Fall viel besser geworden und segeln wirklich gut.”

Die America’s Cup Teilnehmer bei aktuellen Trainingseinheiten vor Auckland:

Ainslie stimmt der Einschätzung zu, versucht aber höflich die Spannung noch etwas höher zu halten und weist darauf hin, dass sich der große Vorteil wohl auf den Windbereich von über 11 Knoten bezieht. Dennoch könne beim Sport alles passieren.

“Ich denke, dass ihre Geschwindigkeit auf gerader Linie schwer zu erreichen sein wird, besonders im mittleren bis oberen Windbereich”, sagte Ainslie über das Team New Zealand im Interview mit Planet Sail. “Aber es ist viel zu früh, um Wetten abzuschließen.”

Kann Burling Match Race?

Viel wird über die fehlende Match Race Praxis von Peter Burling gesprochen. Dieser Nachteil ist nicht wegzudiskutieren. Es wurde schon in Bermuda deutlich, dass der Vorstart nicht seine Stärke ist. Kein Wunder, schließlich ist er nicht wie seine älteren Gegner mit der Match-Race-Disziplin aufgewachsen.

Während sich Bruni, Spithill, Ainslie und Barker viele Jahre lang in harten Duellen auf der World Match Race Tour mit Einheitsyachten ihren Marktwert erarbeiten mussten, hatte diese Rennserie in der Burling-Ära kaum eine Bedeutung für die America’s Cup Profis. Im Foiling-Zeitalter reicht es aus, ein guter Speed-Pilot zu sein. Die Hierarchie auf der Weltbühne des Sports wird durch Leistungen im 49er, Nacra17 oder der Moth dokumentiert. Alles schnelle Boote, für die es gilt, Manöver zu minimieren und Duelle zu vermeiden.

Sind die Neuseeländer wirklich so viel schneller im Vergleich zu Luna Rossa? © Emirates Team New Zealand

Da aber nun beim America’s Cup aber wieder klassisch gegen den Wind gestartet wird, bekommt die Zweikampf-Erfahrung eine neue Bedeutung. Die genannten aktuellen AC75-Steuerleute haben ihre erstklassige Eignung auf diesem Gebiet auch mit den neuen, schnellen Cuppern bestätigt. Die Neuseeländer bestätigten dagegen bei der World Series im Dezember und bei den Trainingsrennen im Januar ihre Schwäche.

Kiwis “wachgerüttelt”?

Ainslie glaubt, man habe die Kiwis auf diesem Gebiet “ein bisschen wachgerüttelt”. Und das sei im Nachhinein betrachtet aus Sicht der Herausforderer wahrscheinlich nicht klug gewesen. Denn seitdem sei im Kiwi-Lager sichtbar ein großer Fokus auf die Entwicklung der Duell-Fähigkeiten gelegt worden.

Dabei fehlt ihnen der Gegner auf dem Wasser – die Herausforderer konnten sich im Prada Cup verbessern – aber die Rennen gegen ein Motorboot, das Manöver eines Kontrahenten simuliert, sollen gute Dienste geleistet haben.

Ray Davies erklärt, wie es geht:

Und auch hier wird eine Trainingseinheit gegen das Chase-Boat erkennbar:

“Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich auf diesem Gebiet gut entwickelt haben”, sagt Ainslie gegenüber Planet Sail. “Da arbeitet eine schlaue Gruppe zusammen. Sie sind auch 2017 erst spät auf den Bermudas aufgetaucht, hatten kaum Rennpraxis gegen die anderen Teams, und haben ziemlich schnell herausgefunden, wie es geht.” Man könne wohl davon ausgehen, dass sie schnell mit den Herausforderungen eines echten Matches klarkommen werden.

Zumal die Bedeutung eines gewonnenen Starts zu vernachlässigen ist, wenn sich der Speed-Vorteil tatsächlich bestätigen sollte. Schon kursieren Gerüchte, die Kiwis hätten die 60 Knoten-Marke geknackt. Bisher liegt der Rekord für einen AC75 knapp über 53 Knoten. In diesem Fall wäre es für Peter Burling strategisch sogar fast fahrlässig, einen Start gewinnen zu wollen und sich auf einen engen Zweikampf im Vorstart einzulassen.

Dabei kann es zu Kollisionen oder großem Rückstand kommen, wenn ein Boot etwa bei einem gegnerischen Luvmanöver von den Foils fällt. Schlau wäre es, sich zurückzuhalten, einen knappen Rückstand am Start einzukalkulieren, um dann auf dem Kurs zum sicheren Überholmanöver anzusetzen – eine ähnliche Strategie also, die schon in Bermuda zum Erfolg geführt hat.

Auch zwei Steuerleute beim Team New Zeland?

Spithill und Bruni dagegen dürften voll auf Konfrontation gepolt sein. So wie es Ainslie beim letzten Start des Prada Cups war. Man habe einfach etwas anders machen müssen, gibt der Brite zu. Etwas Risikoreiches und dann sehen, ob man damit durchkommt. Diese Strategie hat mit dem Steuerbordstart knapp vor dem Bug der Italiener und deren Frühstart perfekt funktioniert – und dennoch reichte der Vorteil nicht aus gegen den Speed von Luna Rossa.

Für die Italiener dürfte die gleiche Strategie sinnvoll sein. Dem Gegner möglichst viele Meter beim Start abnehmen und sich dann auf dem Parours möglichst breit machen, um  das Überholen zu verhindern. Diesen Vorgabe könnte zu deutlich spannenderen Rennen führen als beim Prada-Cup. Wenn dann doch noch auf dem drehenden Innenkurs vor Auckland gesegelt wird mag es vielleicht doch noch zu einigen interessanten Duellen kommen.

Schon wird spekuliert, ob die Neuseeländer das System der Italiener mit zwei Steuermännern kopieren. Ray Davies wurde gesichtet, wie er länger als zuvor ein Rad bediente und Burling im Manöver nicht mehr die Seite tauschte. Dieser Wechsel könnte Handling-Problemen vorbeugen. Aber mehr Match Race Erfahrung bringt auch Davies nicht ein.

Der 49-Jährige gewann unter anderem mit Illbruck das Volvo Ocean Race und war schon in sechs America’s Cup Kampagnen involviert, aber ein großer Duell-Spezialist ist er nicht. Beim Sieg mit dem Team New Zealand 2017 fungierte er als Backup-Steuermann und Coach und diese Rolle füllt er auch diesmal aus. Ob er nun öfter das Steuer übernimmt, muss sich noch zeigen.

Neue Segel für Luna Rossa

Die Karten sind verteilt. Insbesondere seit dem ersten März stehen die Blätter fest, mit denen die Teams spielen müssen. Die Boote wurden den Vermessern vorgeführt und mit Zertifikaten versehen. Anders als in bisherigen Cups dürfen die Teams an den groben Einstellungen wie Foils, Rigg und Rumpf nichts mehr verändern. Der Unterschied der zertifizierten Profile ist signifikant. Die Kiwi-Foils weisen eine geringere Fläche auf, wodurch sich der Widerstand insbesondere bei höherer Geschwindigkeit verringert.

Vergleich der vermessenen Foil-Shapes. © Cupinfo

Spielraum bleibt nur noch bei den Segeln. Und die Italiener etwa haben sich neue Tücher aus der Heimat einfliegen lassen. Ob sie damit allerdings noch einmal den Status quo verändern können, ist fraglich. Viel wird von den vorherrschenden Windbedingungen abhängen. Bei leichtem Wind mag es zu einem echten Match kommen. Team New Zealand etwa testete mehrfach ein Code Zero Vorsegel für leichten Wind. Damit mögen sie ihre vermeintliche Achillesferse schützen wollen.

Antworten auf die Frage, wer schließlich wirklich vorne liegen wird, können frühestens nächste Woche Mittwoch gegeben werden. Nach wie vor sorgt der Corona-Lockdown in Auckland für eine Verschiebung des America’s Cups. Das erste geplante Rennwochenende fällt sicher aus. Der vorgesehene Renntag am Mitwoch hängt davon ab, ob die Level 3 Maßnahmen verlängert werden. Ansonsten wäre eine Ausnahmegenehmigung der Regierung nötig, die nicht in Sicht ist. Nach dem aktuellen Zeitplan jedenfalls muss das Cup-Match am 15. März beendet sein. Wer dann vorne liegt, gewinnt.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „America’s Cup: Warum die Italiener kaum eine Chance haben – Ainslie ist “eingeschüchtert”“

  1. avatar Christian sagt:

    Gute Analyse basierend auf dem Interview mit Ainslie & Simmer, Carsten. Aber als alter Matchracer tendierst du dazu, die klassischen Matchrace-Fahigkeiten der Steuerleute überzubewerten. Ainslie ist auch ein Top-Matchracer, aber er sah gegen Luna Rossa nicht so gut aus. Nicht weil er es nicht drauf hat, sondern weil sein Boot es nicht so gut hergab, bei aggressiven Vorstartmanövern zu funktionieren. Da geht es um Details wie perfekt kalibrierte Instrumente (Stichwort Time to Distance), tolerante Foils und vieles mehr.

    Es wird so kommen, wie du zu Recht schreibst: Das schnellere Boot kann verhalten starten, es wird trotzdem gewinnen. So war es auch schon bei Luna Rossa gegen Team UK.

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