America’s Cup: Wie die neuen AC75-Foiler funktionieren – Absurde Monohull Diskussion

Wie verrückt sind die neuen Cupper?

Zugegeben, diese Renderings der krakenähnlichen America’s Cup-Foiler sehen so futuristisch aus, dass man sie für einen April-Scherz halten könnte. Aber dahinter steckt viel Genialität.

Zweikampf der AC75. Werden sie so aussehen? © ETNZ

“Spinnerei”, “Hirngespinst”, “Was die wohl geraucht haben?”. So lauten einige Kommentare zur Veröffentlichung des neuen AC75-Foilers für den nächsten America’s Cup 2021. Als wenn die Formen dem Hirn eines Kunst-Studenten entsprungen wären.

Tatsächlich liegen den Renderings die Überlegungen der vielleicht hellsten Köpfe des Segelsports zugrunde. Eine Führungsfigur ist Team New Zealand Designchef Dan Bernasconi. Sein Name wurde bisher eher im Hintergrund gehandelt, auch weil er ein Quereinsteiger aus der Formel 1 ist. Sechs Jahre arbeitete er für McLaren, aber schon 2006 wechselte er zum Cup-Team der Kiwis.

Nach der schmerzhaften Niederlage 2013 nahm Designchef Nick Holroyd das lukrative Wechselangebot aus Japan an, und plötzlich stand Dan Bernasconi in der Verantwortung. Mit dem Rücken an der Wand schlug er mit der Konstruktion den extremsten Weg aller Teams ein, und das Ergebnis ist bekannt. Der America’s Cup Sieg-war sein Ritterschlag.

Dan Bernasconi, der vielleicht wichtigste Mann beim Kiwi-Cup-Sieg. © ETNZ

Umso mehr kann man davon ausgehen, dass die Überlegungen zur nächsten America’s Cup Klasse keine Spinnerei sind. Zusammen mit den Spezialisten von Luna Rossa hat er sich ein wahrlich bahnbrechendes Design ausgedacht.

Absurde Monohull-Diskussion

Nun ist es offensichtlich, dass die Diskussion über Ein- oder Mehrrumpfer, Rück- oder Fortschritt völlig absurd war. Die Frage nach der Anzahl der Rümpfe ist nahezu unerheblich, wenn das Vehikel überwiegend über dem Wasser segelt.

Das mögen auch die Macher beim New York Yacht Club denken, bei denen es nach der Verkündung des Extrem-Foilers verdächtig ruhig ist.  Ainslie (BAR) , Cammas (Team France) und auch ein Tom Slingsby, der nach Geldern für ein australisches Team sucht, finden bewundernde Worte. Slingsby glaubt sogar, dass sein ex Boss Larry Ellison angesichts der spannenden Aussichten noch einmal schwach werden könnte.

Die New Yorker aber dürften geplättet sein. Sie hatten darauf gehofft, ihr Wissen aus den TP52- (Quantum) und Maxi72- (Bellamente) Kampagnen einbringen zu können. Aber dieses Foiler-Segeln ist so weit vom Bekannten entfernt, dass sie keinen Wettbewerbsvorteil erwarten können. Alle beginnen mit einem leeren Blatt Papier.

Ohne Kostenbremse

Problematisch ist bei aller Euphorie allerdings die Kostenkontrolle. Dieser Aspekt scheint nicht gerade die größte Rolle bei den Überlegungen gespielt zu haben, und so unkt Ainslie schon, dass man mit den Budgets des vergangenen Cups um etwa 100 Millionen Euro nicht auskommen werde.

Bernasconi hat sich den neuen AC75 Cupper ausgedacht. © ETNZ

Zwar sollen durchaus wieder Onedesign Elemente eine Rolle spielen und die Kosten drücken, aber das Feld ist so neu, weit und speziell, dass man für die Forschung wohl so viel Geld ausgeben könnte, wie man nur will.

 

Dan Bernasconi hat bei Sail-World weitere Details zum neuen Cupper erklärt, der interessanterweise genauso lang sein wird wie die letzten Monohulls, die vor zehn Jahren in Valencia um die Kanne gesegelt sind. Ihr Unterschied zeigt die rasante Entwicklung, die der Segelsport in dieser Zeit vollzogen hat.

Der Brite betont, dass es sehr wichtig gewesen sei, etwas zu entwickeln, das dem Clubsegler nahe ist. Diese Aussage wirkt lustig angesichts des extremen Designs. Andererseits heben sich ja tatsächlich immer mehr Boote aus dem Wasser. Und eine Quant 23 sieht beim Segeln vielleicht ähnlich aus, wie die zukünftigen Cupper, auch wenn das System mit dem gebogenen DSS-Foil völlig anders funktioniert als die T-Foils der AC75. Das Moth-Segeln mit je einer Tragfläche an Ruder und Schwert liegt da deutlich näher.

Optische Nähe zu “normalen” Yachten

Überwiegend geht es Bernasconi um das Rigg, von dem nicht viel mehr bekannt ist, als dass es nicht jeden Tag per Kran gesetzt werden soll. Aber das Schiff im Hafen mit runtergeklappten Foils ist dann zumindest optisch der normalen Yacht näher als die fliegenden Katamarane.

 

 

Bernasconi sagt: “Wir haben natürlich viel Simulationsarbeit im Cumputer geleistet und wissen sehr genau, wie sich das Boot verhalten wird. Aber natürlich werden wir es erst vollständig verstehen, wenn es auf dem Wasser ist.”

Zum erwarteten Speed sagt der Designer: “Bei 20 Knoten Wind wird das Boot ähnlich schnell segeln wie der AC50. Aber der AC75 ist größer, hat ein höheres Rigg (90 Fuß) und entwickelt mehr aufrichtendes Moment.” Das bleibe über alle Windbereiche  konstant und so habe der Monohull das Potenzial, im Foiling-Bereich zwischen 9 bis 15 Knoten  schneller als der AC50 zu sein.

Je mehr Wind herrscht, umso mehr nähere sich der Speed dann an. Denn bei Starkwind fehle den AC75 die Möglichkeit der Katamarane mit dem nach unten angestellten T-Foil des Luvruders weiteres aufrichtendes Moment zu entwickeln.

Radfahrer verbannt

Der Ingenieur bestätigt, dass eine zwölfköpfige Crew vorgesehen ist. Die wird nicht mehr auf Rädern sitzen – das ist nicht erlaubt – sondern klassische Arm-Grinder benutzen. Der Gebrauch von Hydraulik-Systemen ist beschränkt und Energie darf nur noch zum Trimmen der Seitenschwerter gespeichert werden. Die Schoten werden wieder per Winsch bedient.

AC75 unter Code Zero. © ETNZ

Während bei den AC50 Kats der Anstellwinkel des gesamten jeweiligen Lee-Foils verändert wurde, erwartet Bernasconi diesmal eine bewegliche Trimmklappe wie am Schwert-Ende einer Moth Tragfläche. Bei der Moth wird sie automatisch über einen Fühler getrimmt und damit die Flughöhe einstellt, bei den AC75 soll ein Segler dafür verantwortlich sein. Auch das T-Foil am Ruder ist wie schon beim AC50 verstellbar

Die Schwerter fungieren als Tragfläche, wenn sie in Lee ins Wasser geneigt werden, und in Luv als Hebelarm durch ihr Gewicht von bis zu 1,5 Tonnen. Möglicherweise soll eine hydraulische Pumpe von Batterien betrieben werden, die das Neigen der Schwerter ermöglichen. Dadurch würde der dauerhafte Kurbelbetrieb der Grinder wegfallen.

Beim Rigg sieht es so aus, als wenn der AC75 nicht auf die vorteilhafte Form des Flügels verzichten könnte. Aber es werde daran gearbeitet ein System zu entwickeln, dass ein konventionelles Setzen und Bergen ermöglicht.

Foilen ab 9 Knoten

 

Auch die AC75 sollen schon bei geringsten Windgeschwindigkeiten einsatzfähig sein. Das ist unerlässlich, wenn die Rennen TV-Ansprüchen genügen sollen. Die AC50 erreichten schon bei 6 Knoten Wind die vierfache Windgeschwindigkeit. So effektiv wird der AC75 nicht sein, aber ein großes Code Zero Rollsegel soll dieses Manko ausgleichen.

Vermutlich werden die neuen Cupper bei 6 Knoten Wind noch nicht foilen. Sie sind durch den Ballast und die größere Crew schon deutlich schwerer. Aber ab 9 Knoten sollen sie mit dem Code Zero abheben und dann auch auf ihren Tragflächen wenden und halsen. Möglicherweise wird er dann wieder weggerollt, um den Windwiderstand zu verringern.

Die Bedingungen vor Auckland – wenn der Cup denn wirklich dort stattfindet – sind mit oft 18 bis 20 Knoten Wind und einer Welle bis zu 1,5 Meter gegen die Tide deutlich anspruchsvoller als in Bermuda. Aber Bernasconi glaubt, dass die neuen Konstruktionen auch damit zurecht kommen werden. Vielleicht sei es dann notwendig, zusätzlich das Luv-Foil ins Wasser zu neigen, um die Stabilität zu erhöhen.

 

Der Rumpf mit dem weit hinten angeordneten Rigg und größerem Volumen sei aber deutlich seetüchtiger als die Konfiguration der AC50 Kats. Dennoch sei es klar, dass diese Schiffe eine große Herausforderung für alle Teams darstellen werden.

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „America’s Cup: Wie die neuen AC75-Foiler funktionieren – Absurde Monohull Diskussion“

  1. avatar mantis sagt:

    ““Spinnerei”, “Hirngespinst”, “Was die wohl geraucht haben?”. So lauten einige Kommentare zur Veröffentlichung des neuen AC75-Foilers für den nächsten America’s Cup 2021. Als wenn die Formen dem Hirn eines Kunst-Studenten entsprungen wären.
    Tatsächlich liegen den Renderings die Überlegungen der vielleicht hellsten Köpfe des Segelsports zugrunde.”
    Diese Beurteilungen (Spinnerei, Hirngespinst) generell gleichzusetzen mit den Ergebnissen der Arbeit eines Kunststudenten ist anscheinend aus einem hellen genialen Kopf des Segels-Journalismus entsprungen einem kongenialen Beispiel für die vielleicht hellsten Köpfe des Segelsports.
    Das Hirn eines Kunststudenten produziert also nur Spinnerei und Hirngespinste.
    Hierbei handelt es sich nicht mehr um ein Vorurteil, sondern so ausgedrückt ist es die Abwertung aller Künstler, ihrer Tätigkeit und ihrer Leistungen.
    Es hat große Ähnlichkeit mit einem AFD-Sprech.
    Jetzt fehlt nur noch das gesagt wird, man habe es nicht so gemeint und wenn man jemand damit gekränkt habe, tue es einem leid.

    Einen schönen Tag auch noch und nicht vergessen Daumen runter

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 10

  2. avatar mantis sagt:

    Zu meinem obigen Einspruch noch folgendes:
    Nicht nur die Yachtkonstrukteure nennen sich nicht ohne Grund Designer, sondern auch die Schiffbauer, die große schwarze Kästen (die viele als hässlich empfinden) aber auch Kreuzfahrtschiffe entwerfen (die Tausende wunderbar finden) sie schmücken sich nicht nur gerne damit Künstler zu sein, sie sind überzeugt davon, dass sie gestalten, also Künstler sind.
    Die bis heute bestehende geistige Verbindung zwischen Künstler und Ingenieur stammt aus der Antike (Dädalus) in der Künstler und Ingenieur ein und dasselbe waren und aus der Renaissance mit dem noch heute bedeutendsten Künstler-Ingenieur Leonardo da Vinci.
    Berühmte Yacht-Konstrukteure wie Nathanael Herreshoff (Wizard of Bristol) sahen sich als Künstler.
    Aber wer gehört denn heute offiziell eigentlich zu den Künstlern?
    Designer das ist sicher; vielleicht auch für den Segelreporter, aber man sollte es nicht glauben, nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz sind es auch Journalisten, die diesen Status für sich beanspruchen können, oder je nach persönlichen Vorurteilen, auch nicht. Segelreporter könnten also auch Künstler sein, wahrscheinlich wollen sie es aber lieber nicht, denn wer will sich schon als „respektabler Journalist“ mit spinnerden Subjekten auf eine Stufe stellen.

    Ein paar Zitate:
    Für Goethe und Schiller war der Künstler der Inbegriff eines gebildeten Menschen (Wikipedia)

    Ja, Schiffbau ist noch eine Kunst, die ziemlich kräftig protegiert vom Kaiser, (Zitat zu 100 Jahre STG)
    Aber Schiffbau ist auch eine Kunst mit der beispielsweise auch riesige Yachten entstehen können. (Zitat zu Schiffbau ist Kunst)
    Am 25. Mai 1999 wurde das hundertjährige Jubiläum in Berlin mit einer Festveranstaltung im Konzertsaal in der Hochschule für Künste begangen.

    Das Künstlersozialversicherungsgesetz in Deutschland bestimmt:
    „Künstler im Sinne dieses Gesetzes ist, wer Musik /Darstellende_Kunst oder bildende Kunst schafft, ausübt oder lehrt. Publizist im Sinne dieses Gesetzes ist, wer als Schriftsteller Journalist oder in anderer Weise publizistisch tätig ist oder Publizistik lehrt.“
    Die deutsche Künstlersozialkasse nennt vier Berufssparten, die ihre Leistungen erhalten: Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Musik und Wort. Visuelle Kommunikation und Design werden zur bildenden Kunst gezählt. Schriftsteller mit oder ohne Kunstanspruch sind im Bereich Wort publizistisch Tätige.(Wikipedia)

    Einen schönen Tach auch noch

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 4

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