Knarrblog: Mit der J24 “Rotoman” beim Väterchen Frost

Ausflug auf den Affenfelsen

Von Carsten Kemmling / Pepe Hartmann (Fotos)

Unsere J24 "Rotoman" an der Kreuz. Am Ende steht Platz sechs von 27 Schiffen auf der Alster. © Pepe Hartmann

Knapp eine Woche hat die Verarbeitung der Erlebnisse bei “Väterchen Frost” gedauert. Nun verheilen die körperlichen Wunden langsam, und durch offenes Reden sind vielleicht auch die sonstigen Blessuren in den Griff zu bekommen.

Es beginnt mit einer harmlosen Email von Weltmeister Steuermann („Beluga“) Leif Tom Loose. Er meldet taktischen Unterstützungsbedarf für das Väterchen Frost Projekt auf einer J24 an. Die Sätze sind so gewählt, dass eine vordere Platzierung im Bereich des Möglichen ist. Wohl wissend, dass ich noch nie einen Fuß auf eine solche J gesetzt habe.

Aber der Mann selber hat viele Jahre auf höchstem Niveau erfolgreich J24 gesegelt und sich die J24 „Rotoman“ mit dem erfolgsverwöhnten Klassenhäuptling Jan Mark Ullrich gesichert. Dessen Stammcrew um Skipper Kai Mares ist an diesem Wochenende anderweitig beschäftigt.

Die Crew bei der Vorwind-Arbeit. Stefan Matschuk, Carsten Kemmling, Leif Tom Loose und Jan Marc Ulrich. © Pepe Hartmann

So hat Leif für das Vorschiff noch Volker Kramer rekrutiert, der in dieser Saison mit dem Gewinn des Drachen Bahnwärters einen absoluten Karriere Höhepunkt feiern durfte, sowie North Sails Germany Geschäftsführer Stefan Matschuk, der 2010 zahlreiche Meistertitel auf diversen Yachten gewonnen hat. Einen davon holten wir in Kiel gemeinsam.

Ein absolutes Dreamteam also, ausgestattet mit einem möglichen Sieg-Potenzial bei einer Regatta, die Väterchen Frost heißt. Ein Name, der auf den ersten Blick nicht gerade auf absolute Höchstqualität schließen lässt. So weit die Theorie.

In der Praxis bringt die J24 Klasse aber beim Hamburger Segel Club ein Feld an die Startlinie, das mit 27 Schiffen die Qualität einer Deutschen Meisterschaft hat. Sie nutzt zurzeit die Gunst der Stunde, die sie zumindest im norddeutschen und Berliner Raum zur Erfolgsgeschichte macht. 140 Menschen kommen zur Alster. Darunter 34 Frauen.

Ich sitze nun mitten drauf auf dem „Affenfelsen“, wie die J24 oft liebevoll in der Segelszene genannt wird angesichts der vielen Menschen, die das kleine Kielboot bevölkern. Ich soll als Taktiker sagen, wo es lang geht. Schön und gut. Aber vorher hat mir niemand gesagt, dass ich auch noch körperlich arbeiten muss. Ich hab schließlich “Rücken”, ein bisschen “Fuß” und mit zunehmender Renndauer auch noch “Unterarm”.

Auf einer J24 sitzt der Taktiker nicht wie anderswo bequem irgendwo hinter dem Steuermann, wo er wichtig dummschnacken kann. Nein, er hängt an der breitesten Stelle des Schiffes an der Reling und muss bei der Wende den weitesten Weg zurücklegen. Sage und schreibe 2,72 Meter.

Darüber hinaus ist der Abstand zwischen Großbaum und Kajütdach minimal. Es bedarf zuckender und schlängelnder Bewegungen, um das unwillige Fleisch auf die neue Luvseite zu wuchten. Diese Situation mag dazu führen, dass sich meine Wenden-Ansagen mit der zunehmenden Anzahl von blauen Flecken verringert. So bleibt der eine oder andere Dreher ungenutzt im Wasser liegen. Natürlich nur im Unterbewusstsein. So etwas macht man ja nicht absichtlich.

Jedenfalls könnte das der Grund für die sich verschlechternde Gesamtleistung sein. Nach einem guten Beginn mit 4 und 2 folgt die Serie 7, 10, 7 und Gesamtplatz 6. Der ist prinzipiell aller Ehren Wert. Aber die Starts und Manöver sind eigentlich zu gut, als dass man mit der Gesamtleistung zufrieden sein könnte.

In einem Rennen zeigen wir der Konkurrenz drei Runden lang das Heck. Nur um dann in der vierten Runde doch auf Platz zwei zu rutschen. Ein Typ mit komischer grüner Pudelmütze fängt uns ab. Das zickige Revier erschließt sich mir nicht. Die gelernten Schablonen passen nicht. Mal links, mal rechts, jede Kreuz ist anders. Je nachdem, wo gerade ein Böen-Paket aus dem Himmel fällt, dreht der Wind zwanzig Grad.

Dabei ist es gar nicht so wichtig, den stärkeren Druck zu erwischen. Die Js sind ohnehin schnell überpowert. Sobald sie Rumpfgeschwindigkeit erreicht haben, werden sie durch eine Böe nicht mehr beschleunigt. Bei der vermehrten Schräglage treiben sie eher quer. Aber es dauert, bis ich das checke.

Die Dreher müssen richtig gelesen werden. Gefühlt erwischen wir zwar einige “hohen Beine”. Aber die anderen offenbar auch. Irgendwann funktioniert es immer schlechter. Die Big Points bleiben aus. Das mag auch mit mangelnder Konzentration zu tun haben, die mit zunehmendem Erschöpfungszustand zunimmt. Ich erwische mich bei einer heimlichen Rechnung. Bei vier Rennen und vier Runden am ersten Tag stopfe ich den Spi 16 Mal mit hochexplosiven Greif- und Stopf-Bewegungen in die Tüte am Niedergang.

Ha, das mag sich banal anhören und nicht den erwünschten Mitleidseffekt erzeugen. Aber wer mich an der Leetonne wie ein Derwisch mit dem schwarzen Spituch kämpfen und die aufgepumpten, verkrampften Popeye Unterarme gesehen hat, dürfte vor Ehrfurcht erstarren. Zumal unsere Crew mit einem Durchschnittsalter von 42,2 Jahren wohl das älteste Team der Flotte ist. Ha! Platz sechs ist für unser Alter also nicht schlecht. Wehe, das behauptet jemand!

Die absteigende Performance-Kurve könnte aber auch an der Konkurrenz liegen. Von wegen Väterchen Frost gleich Wald und Wiesen Regatta. Das Niveau ist hoch. Die Führung wechselt häufig, und die Top 15 liegen in jedem der fünf Rennen eng beisammen. Keinem Team gelingen zwei Siege in der Serie. Es macht richtig Spaß. Eine echte Herausforderung.

Kaum jemandem unterlaufen grobe Schnitzer. Es wird fair gesegelt, sich brav im Dreilängenkreis angestellt und protestiert, wenn sich jemand daneben benimmt. Und mit fünf und teilweise sechs Menschen auf dem 7,32 Meter kurzen Schiffchen – maximales Crewgewicht: 400 Kilo – gibt es genug Hände an Bord für ansprechende Manöver.

Immerhin fährt dem stattlichen Feld kein geringerer als der legendäre Segel- und Liedermacher Frank Schönfeld voraus. Der Rekordmeister in verschiedensten Klassen erreicht gerade mit Sohn Till Krüger an Bord seinen zweiten Segel-Frühling. Das gemeinsame Regattieren erzeugt beim Altmeister neue Motivationsschübe.

Klar, es gibt modernere Schiffe. Mit Bugspriet, Gennaker und geradem Steven. Die Silhouette  mit kleinem Groß und großer Gernua sieht nach 34 Jahren etwas altbacken aus. Aber wer große Felder an den Start bringt, hat Recht. Die Klasse funktioniert. Den besten Beweis dafür liefert die abendliche Sitzung der J24-Vereinigung. Während die Segler in anderen Klassen angesichts bürokratischer Abwicklungen an einem Samstag Abend mit Grausen das Weite suchen würden, ist der Raum im HSC prall gefüllt.

Man könnte das mit dem danach ausgeschenkten Freibier erklären. Aber so einfach ist die neue Faszination der alten J24 nicht zu ergründen. Es kommt auf die Mischung an. Und die stimmt zurzeit bei den Js.

Pepe Hartmanns Bilderstrecke

Ergebnisse Väterchen Frost

Die Klassenvereinigung

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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3 Kommentare zu „Knarrblog: Mit der J24 “Rotoman” beim Väterchen Frost“

  1. avatar Stefan sagt:

    CK: KAnn es vielleicht an der Körperfülle liegen, dass Du an der breitesten Stelle des Bootes sitzen musstest?

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    • avatar Carsten sagt:

      …ich befürchte, das ist die grausame Wahrheit.

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  2. avatar Victor von Laffert sagt:

    Als Gründungsmitglied dieser Klassenvereinigung bin ich von diesem tollen, lebendigen und somit mitreissenden Bericht begeistert.
    Ich wünsche dieser Klasse, trotz ihres voranschreitenden Alters, weiterhin eine derartig positive Referenz und bin mit Kopf und Herz weiterhin ihr begeisterter Anhänger !

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