Chaos am Leetor: Stärkste Seglerin der Welt verliert – Drama um die Tokio-Fahrkarte

From hero to zero

Olympiasiegerin Anna Tunnicliffe Tobias (37) war zweimal Weltseglerin des Jahres. Ihr sensationelles Comeback endete bei einer dramatischen Tonnenrundung. Deutsche Seglerinnen waren das Zünglein an der Waage.

Das Happy End ist zum Greifen nahe. Anna Tobias rast mit ihrer Steuerfrau Paris Henken auf Platz eins um die Luvtonne. Das 49erFX US-Duo liegt bei seiner erst zweiten gemeinsamen WM in Geelong sensationell auf dem Bronze-Platz. Und das interne Duell um die Olympiafahrkarte scheint entschieden. Die Kolleginnen haben kaum noch Möglichkeiten, den Vier-Punkte-Rückstand aus der ersten Qualifikation aufzuholen.

Aber Stephanie Roble und Maggie Shea geben nicht auf. Sie sitzen den Gegnerinnen an der Luvtonne im Nacken auf Platz zwei. Gute fünf Windstärken beschleunigen sie auf 16 Knoten Speed. Aber sie müssen sich Victoria Jurczok und Anika Lorenz erwehren. Die greifen im Doppeltrapez unter Gennaker von hinten an, steuern einen tieferen Kurs. Auch die Berliner Crew gibt im Finale noch einmal alles, um im deutschen Olympia-Quali-Duell gegen Tina Lutz zu punkten, die mit Ersatzvorschoterin Lotta Wiemers erstaunlich stark segelt.

USA 9 lag an der Luvtonne in Führung und wird unter Gennaker nun durch einen tieferen Kurs der Teamkameraden angegriffen. Die blockieren die Halse und beide Boote segeln über die Layline zum Leetor hinaus…

…Nach der Halse erfolgt das Überholmanöver von USA 50. Jurczok/Lorenz profitieren vom Zweikampf und gehen in Führung…

Beide US-Boote versuchen den flatternden Gennaker zu bergen. Dabei berührt das Tuch von USA 9 den Gegner in Lee. Foul!…

…Nach dem fälligen Penalty fällt USA 9 schließlich auf Rang 7 zurück und verliert die interne . Olympiaqualifikation. Punktgleich!

Tatsächlich gelingt es Roble/Shea, sich nach Lee der US-Kolleginnen zu arbeiten. Sie blockieren deren Halse, die für beide nötig ist, um das Leetor zu erreichen. Es gelingt das entscheidende Überholmanöver. Noch besser: Henken/Tobias drehen einen Strafkreis, nachdem sie ihre Gegnerinnen mit dem Spi berührt haben.

Der entscheidende Moment im US-Duell. Henken/Tobias (r.) berühren mit dem roten Gennaker ihre Gegnerinnen und drehen einen Penalty. © Sailing Energy

Dennoch ist für Henken/Tobias nicht alles verloren. Schließlich haben Jurczok/Lorenz die Führung übernommen, und sie liegen auf Rang fünf. Damit behaupten sie in der internen Quali immer noch einen soliden Vorsprung.

Doch das Schicksal spielt nicht mit. Auf der rechten Kreuzseite gehen Roble/Shea in Führung und Henken/Tobias haben Probleme nach der Luvtonnenrundung. Beim Gennaker-Set setzt der Wind aus. Tobias klatscht im Trapez hängend ins Wasser. Das Boot stoppt. Tina Lutz sieht die Chance zum Angriff.

“Wir luven, um uns zu verteidigen”, sagt Tobias. “Und obwohl ihr Gennaker uns berührt, wird der Protest von den Wasser-Schiedsrichtern abgewiesen.” Lutz/Wiemers quetschen sich vorbei, aber besonders die Spanier nutzten das Duell zu ihren Gunsten und passieren beide Boote.

Dramatische Tragweite

Die Tragweite dieses Zweikampfes ist dramatisch. Henken/Tobias werden Siebte im Finale und rutschten im WM-Ergebnis auf eben diesen Platz ab – punktgleich mit Rang sechs! Weil Roble/Shea das Medalrace gewinnen und damit sogar noch WM-Bronze holen, egalisieren sie ihren Rückstand bei der Olympiaquali um die genau nötigen vier Zähler. Das Duell endet also punktgleich – und dann zählt die zweite Regatta. From hero to zero.

Auch in der deutschen Quali wirbelt dieses Rennen den Stand durcheinander. Der eine beim Luv-Duell verlorene Platz von Lutz/Wiemers kostete sie drei Ränge in der Gesamtwertung und ebenso viele Zähler in der Quali. Dennoch werden sie Platz neun verschmerzen. Ein starkes Ergebnis nach dem Beinbruch von Susann Beucke. Aber auch Victoria Jurczok und Anika Lorenz zeigen starke Nerven auf Rang fünf. Für die letzte Quali in Palma können sie Morgenluft wittern.

Die knappen Ergebnisse beim 49erFX WM-Finale

Aber was für ein Drama bei den US-Frauen. Besonders für Anna Tobias, die unter ihrem Mädchennamen Tunnicliffe viele Jahre in der Seglerszene Furore gemacht hat. Sie blickt auf eine turbulente Karriere zurück.

Fast zehn Jahre lang gehörte die inzwischen 37-Jährige zu den dominierenden Persönlichkeiten des Frauensegelns. 2009 und 11 wurde sie zur Weltseglerin des Jahres gekürt, nachdem sie erst 2008 den Olympiasieg im Laser Radial gefeiert und schließlich auch den Umstieg zum Frauen-Match-Race souverän gemeistert hatte.

Anna Tunnicliffe nackt im Laser beim ESPN Foto Shooting. © Lippman/ESPN

Als Weltmeisterin und klare Favoritin in der Match-Race-Disziplin reiste sie zu den Olympischen Spielen 2012 nach London, erlebte dort aber mit Rang fünf eine der größten Enttäuschungen ihrer Karriere. Danach flogen die Frauen-Duelle aus dem Olympia-Programm. Sie segelte ein wenig bei der Extreme Sailing Series als Alinghi-Taktikerin und startete halbherzig eine späte 49erFX-Kampagne. Aber das Feuer war irgendwie verflogen. 2014 verkündete sie den Abschied von Olympischen Segelsport.

Alinghi mit Anna Tunnicliffe als Taktikerin. © Extreme Sailing Series

Der Fokus hatte sich verändert. Das ging offenbar einher mit privaten Problemen. Die Ehe mit dem Laser-, Moth- und 49er-Segler Brad Funk zerbrach und Tunnicliffe stürzte sich voll auf den CrossFit-Sport.

Zuerst hatte sie CrossFit nur genutzt, um sich auf die Olympischen Segelspiele in London vorzubereiten, aber schließlich wurde sie so stark, dass sie zu den besten Athletinnen der Welt gehörte. Schließlich wurde sie Masters-Weltmeisterin in der Altersklasse 35-39.

Anna Tunnicliffe

Anna Tunnicliffe zeigt ihren Two Pack Bauch bei der CrossFit Klimmzug-Übung. © Cross Fit Regionals

Anna Tunnicliffe Crossfit Games

Anna Tunnicliffe bei einer einbeinigen Kniebeuge mit Hantel während der Crossfit Games. © Crossfit Games

Sie heiratete sie ihren Coach Brad Tobias und schien der Welt des Segelns endgültig entsagt zu haben. Bis 2017. Da tauchte ihr Name plötzlich auf der Laser-Radial-Meldeliste des Weltcups in Miami auf. Aber das Comeback-Vorhaben scheitert. Die World Anti-Doping Agency (WADA) hatte keine Freigabe erteilt. Es sei nicht genug Zeit vergangen zwischen der offiziellen Ankündigung zur Wiederaufnahme ihres Segel-Trainings bis zum ersten Wettkampf.

Das spannende Laser-Comeback kam  nicht zustande. Aber das lag daran, dass Paris Henken, die 49erFX Olypionikin von Rio (Platz 10), mit ihr segeln wollte. Das Duo bestritt erst Anfang 2018 seine erste Regatta, begann einen gut geplanten Aufstieg, war bei seiner ersten gemeinsamen WM 2019 in Auckland topfit auf Rang neun und segelte nun in Melbourne mit drei Rennsiegen in Medaillennähe und lieferte auch mit Rang sieben das beste WM-Ergebnis ihrer Karriere ab. Trotzdem hat es schließlich nicht gereicht, die Olympiafahrkarte zu lösen.

“Wir sind enttäuscht und untröstlich”, sagt Anna Tobias nach der Niederlage. “Es ist wirklich traurig, dass unsere jüngsten Erfolge doch nicht so fantastisch erscheinen wie wir gedacht haben… aber das fühlt sich jetzt nur so für den Moment, da die Wunde noch offen ist. In Wirklichkeit war unsere Reise, die wir in der kurzen Kampagne unternommen haben, unglaublich. In wenigen Tagen werden wir darauf zurückblicken und das auch so erkennen können.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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