Nach 24 Stunden auf der Stelle hat Herrmann Gibraltar passiert

"Das Schlimmste, das wir je erlebt haben"

Auf Du und Du mit dem Gibraltar Felsen. "Neutrogena" kämpft um Weg nach Luv © BWR

Boris Herrmann und Ryan Breymaier haben sich endlich durch das Nadelöhr bei Gibraltar gequetscht. Sie liegen knapp 170 Meilen hinter dem Führungsduo Dick/Peyron zurück wie Jörg Riechers es vorhergesagt hat. Vor gut 24 Stunden lagen sie noch Bord an Bord mit der „Mirabaud“, nun haben sie 70 Meilen verloren.

Boris Herrmann (braun) hat das Nadelöhr auf Position fünf passiert. Das Mittelfeld ist aber wieder dran.

Boris Herrmann klingt verzweifelt in seiner Mail von Bord: „Was wir gerade durchmachen gehört wohl zum Schlimmsten, was wir je erlebt haben: Wir kommen einfach nicht gegen die gegen uns stehende Strömung in der Straße von Gibraltar an, denn der Wind ist einfach zu schwach.

Wir haben es an der Nordküste versucht und probieren jetzt die Südküste. In den letzten 24 Stunden konnten wir keine einzige Meile nach Westen gut machen. Aber es ist beruhigend nun Dee Caffari und Anna Corbella in Sichtweite zu haben, die mit denselben Problemen zu kämpfen scheinen.

Gestern hatten wir die Chance, hier weg zu kommen – aber haben sie um etwa eine halbe Stunde verpasst. “Mirabaud” überholte uns in der Straße, nahm eine geringfügig andere Route – und kam durch. Kurz danach schloss sich das Wind- und Strömungsfenster, durch das sie geschlüpft waren. Nun sitzen wir hier fest. Das ist frustrierend und hart. Wenn nicht bald Wind kommt, könnten wir für länger hier fest sitzen – und das ist beängstigend.”

"Neutrogena" liegt auf dem südlichen Kurs gut positioniert zu den direkten Verfolgern

Damit hat das deutschamerkianische Duo seine schwerste psychologische Prüfung vielleicht schon hinter sich gebracht. Denn es ist gut nachvollziehbar wie nervig es sein muss, hilflos auf der Stelle zu kleben, während die Konkurrenz entschwindet.

Das Erlebnis ist nicht ungewöhnlich für das Segeln in Strömungsgewässern. Wenn der Gegenstrom so stark ist, dass man kaum Weg über Grund macht, benötigt man oft zahlreiche Anläufe, um die Luvtonne zu passieren.

Die Segler holen weit aus, um die Tonne zu passieren, treiben doch vorbei, wenden, und verlieren dabei so viel, dass sie wieder zum Ausgangspunkt zurück treiben. Wer es mit einer Böe schafft, die Marke zu runden ist auf Nimmerwiedersehen entschwunden.

Kursrennen werden bei solchen Bedingungen abgeschossen. Aber darauf dürfen die Weltumsegler nicht hoffen. Es liegt noch der ganze Erdball vor ihnen. Allerdings ist es schade für das Rennen, dass das Feld so früh auseinander gezogen wurde. Und der Startort Barcelona hat sich deshalb als wenig tauglich für eine Weltregatta erwiesen. Die Favoriten liegen vorne und könnten schon eine Vorentscheidung erzwungen haben.

Keine Lust mehr? Am Tampen des Feldes scheinen die Segler umzudrehen und wieder nach Barcelona zu segeln. Tatsächlich treibt sie der Strom zurück.

Boris Herrmann hat es immer noch besser getroffen, als der Großteil der Konkurrenz. Das Mittelfeld um die Nordgruppe ist zwar wieder herangerauscht aber es hätte auch schlimmer kommen können.

Unglaublich nur, dass sich Dominique Wavre so weit hat absetzen können, wo er sich doch eine halbe Stunde mit dem Zoll auseinandersetzen musste.

Hier beschreibt er den Vorfall noch einmal hörbar genervt: „Die Mirabaud wurde heute Nachmittag überfallartig von marokkanischen Zöllnern geentert. Die Zöllner haben sich aggressiv und autoritär Zugang zur Jacht verschafft und eine Durchsuchung des Schiffes vorgenommen. Dabei haben sie Seesäcke auf den Boden geworfen, Beutel mit gefriergetrockneter Nahrung aufgeschlitzt und alle in Rationen verpackten Lebensmittel komplett auseinandergerissen.

Sie zertraten dabei auch Taschen mit elektronischem Material und verwandelten die Kabine in ein einziges Chaos. Die Zöllner haben das Schiff dreißig Minuten nach ihrer gewaltsamen Intervention verlassen, nachdem sie einen Anruf über Funk erhalten hatten.

Kurz nach dem Zwischenfall über das Satellitentelefon verständigt, zeigte sich Dominique philosophisch: „Wir lassen uns nicht unterkriegen und sind momentan dabei, das Boot wieder in Ordnung zu bringen. Wir werden versuchen, uns durch das, was heute geschehen ist, nicht entmutigen zu lassen“.

Trotz alledem haben die harten Verhandlungen und Diskussionen mit den Zöllnern bei den beiden Seglern gewisse Spuren hinterlassen, Kraft und Konzentration gekostet. Da bereitet man sich minutiös während sechs langen Monaten auf einen Wettbewerb auf allerhöchstem Niveau vor, bricht zu Zweit zu einer Weltumsegelung auf mit dem Wind als einzigem Antrieb, nur um sich dann übereifrigen Zöllnern gegenüber zu sehen…das ist doch der Gipfel?“

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Nach 24 Stunden auf der Stelle hat Herrmann Gibraltar passiert“

  1. avatar Olli sagt:

    Die Nummer mit den Zöllnern ist ein weiterer Minuspunkt für Barcelona. Ich würde durchdrehen ob solcher Willkür von unterbelichteten Gestalten, die keine Ahnung davon haben, was sie gerade machen.

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  2. avatar Birdy sagt:

    Oh ja, Erinnerungen werden wach.
    Für 60 Liter Diesel 9 Stunden in Safi festgesessen. Da kamen zu den Zöllnern dann noch
    die Einwanderungsbehörde, die Polizei ( die einem rät der Einwanderungsbehörde in keinem Fall die Pässe auszuhändigen, sondern nur reinschauen und abstempeln zu lassen, weil die Pässe dann auch mal für zwei Tage verschwinden… ???) und der Hafenmeister. Und wenn man auslaufen will, kommen alle nochmal in anderer Reihenfolge an Deck. Ganz schräger Modus.
    Nun weiß man ja nicht, ob man bei solch einer Veranstaltung mit den marokkanischen Behörden reden könnte und alle Teilnehmer dann einen “Nein-wir-haben-keine-Drogen-Wimpel” bekommen. 😉

    Davon abgesehen, ist die Fahrt der Flotte durch Gibraltar für den “Zuschauer” doch super spannend.
    Strom, Wind, kein Wind, Dreher. Hätte er die Wende früher gemacht, dann…usw.

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