America´s Cup mit Wing und Multihull 2013

Der Flügel ist die Zukunft

Von Carsten Kemmling

Sonnenaufgang für den BMW Oracle-Flügel. Er ist die Vergangenheit und nun auch die Zukunft.© Martin-Raget/BMW Oracle

Nun ist es raus. Der 34. America´s Cup wird 2013 mit 72 Fuß langen Flügelrigg-Katamaranen ausgetragen. Ab 2012 soll die neue Klasse zum Einsatz kommen. Vorher wird es 2011 eine Welt-Serie mit kleineren 45 Fuß Flügel-Kats geben und ab 2012 einen AC für die Jugend.

Bei der Pressekonferenz in Valencia tritt ein gut gelaunter Russell Coutts vor die Medien. Im konservativen grauen Sakko und hellblauen Hemd mit vorsichtig gepunkteter Krawatte verkündet er die radikalste Veränderung, die es je im America´s Cup und vermutlich im Regattasport, gegeben hat.

Er hat ein Protokoll auf die Beine gestellt, das seiner Vision von der Zukunft des Segelsports entspricht. Schon 2007 hat er zusammen mit Paul Caryard die Weichen gestellt mit der Ankündigung der World Sailing League in 70 Fuß One-Design Katamaranen. Das Projekt scheiterte, aber das Ideengut ging offensichtlich nicht verloren.

Dem 45 Fuß Flügel Kat für die Welt-Serie soll ab 2012 der 72 Fußer für den eigentlichen Cup 2013 folgen. © americascup.com

Finden wir das gut? Challenger of Record Chef Vinzenzo Onorato gibt offen zu, dass er den Gedanken erst einmal sacken lassen musste. Rasende Multihulls statt fein getunte Bleitransporter. Aber beim zweiten Nachdenken hört sich das alles sehr aufregend an. So geht es mir auch.

Es soll ja nicht wie befürchtet erneut um das Knopfdruck-Segeln gehen. Im Gegenteil. Ex Alinghi Mann Murray Jones, der jetzt für BMW Oracle am Start ist, bestätigt: „ Die Boote werden sehr anstrengend zu segeln sein.“ Es sei eine große physische Herausforderung in den Wenden die Schwerter und Segel zu bedienen.

Dazu kommt das Setzen, Bergen und Trimmen der riesigen Downwind Segel. Da die Crew auf elf Segler verringert wurde haben alle viel zu tun. Wie gehabt sollen die großen Lasten von starken Männern an den Grindern bewegt werden.

Coutts sagt, die bisherigen Protagonisten des Cups seien so alt wie auf der Tennis World Senior Tour. Die neue Generation müsse fitter und schneller sein als bisher. Insofern könnte die Anbindung an die Jugend mit einem Youth America´s Cup eine echte Erneuerung für den angestaubten Cup bringen.

Aber das ganze Konzept funktioniert nur, wenn genügend Teams von den Ideen überzeugt werden können. Deshalb war die Kosten-Reduzierung wichtig. Coutts sagt, der Kat würde 20 Prozent weniger Kosten verursachen als das alternative Monohull Modell. Eine Erklärung dieser Aussage blieb er schuldig.

Denn ein Flügelrigg hört sich erst einmal sehr teuer an. Aber die Verringerung der Crew Stärke dürfte einen großen Teil der Reduktion ausmachen. Außerdem gibt es wohl logistische Vorteile. Der Transport leichter Multihull Rümpfe ist günstiger. Drei 72 Fußer sollen in eine Boing 747 passen. Das ist erheblich günstiger als das Chartern einer Antonow.

Das Protokoll erlaubt den Bau von zwei neuen 72 Fußern, setzt aber zum Beispiel Limits bei den Mast-Sektionen (acht) und Schwerter (zehn). Auch der Einsatz der kleineren One Design 45 Fuß Flügel-Kats hilft neuen Teams dabei, günstig Erfahrungen im Umgang mit der neuen Technologie zu gewinnen. Wenn die 72 Fußer benutzt werden, sollen die kleinen 45er zum Verkauf stehen und für den Youth-AC zum Einsatz kommen.

Zum Vorwurf des Wettbewerb-Vorteils für BMW Oracle meint Coutts, dass sein Team auch mit einem Monohull sehr stark sei. Und da hat er sicher Recht. Die schier unerschöpflichen BMW Oracle Ressourcen wären beim Aufspüren neuer Mini-Details für die alten Cupper oder neuer Monohulls à la RC 44 auch kaum zu schlagen gewesen.

BMW Oracle hat natürlich einen großen Wettbewerbsvorteil durch das Know How, was sie beim 33. AC über Flügelriggs angesammelt haben. Sie konnten sich die limitierten Wissen-Ressourcen sichern, die es zurzeit in diesem Bereich gibt. Aber da Ellison das zurzeit einzige AC-Team beisammen hält, hat er ohnehin die besten Leute um sich versammelt.

Dazu soll es bei den geplanten Multihull-Kurzrennen kaum um absoluten Speed auf dem ersten am Wind Kurs gehen. Coutts sagt, er überlege gar, die erste Kreuz zu verkürzen, damit der Start nicht so ein großes Gewicht bekomme. Die Schiffe sollen an der ersten Tonne noch eng beisammen sein.

Tatsächlich machen bei den Multihulls geringe Windspeed-Differenzen einen größeren Speed-Unterschied aus als bei Monohulls, die an der Kreuz nicht zum Gleiten kommen. Es wird also mehr Überholmanöver geben.

Die Zweikämpfe in der Startbox stelle ich mir allerdings nicht so spannend vor. Auch Wendeduelle wird es kaum geben. Multihulls verlieren einfach zu viel im Vergleich zu ihrem Speed, wenn der Bug durch den Wind dreht. Wer öfter wendet, verliert.

Die Katamaran Match Races, die in Kiel mit den Extreme 40s stattfanden, fand ich wenig ansehnlich. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Beteiligten über dieses nahe liegende Problem Gedanken gemacht haben. Vermutlich wird der Vorwindkurs ein größeres taktisches Gewicht bekommen.

Bei der Visualisierung wird es sicher Fortschritte geben. Coutts betont, wie wichtig ihnen das ist. Und da ist er sicher auf dem richtigen Weg. Spektakuläre Bilder sind absolut notwendig, um dieses neue Format verkaufen zu können. So soll ein Kameramann an Bord zum festen Bestandteil werden.

Die große Frage ist, ob sich diesmal wieder ein deutsches Team an den Start bringen lässt. Die Katamaran-Erfahrung ist definitiv vorhanden. Deutschland gehörte von Anfang an im Tornado zu den stärksten Nationen. Und in dieser Hinsicht beginnt nun der America’s Cup tatsächlich bei Null.

Die gesamte Erfahrung, die für die vergangenen Cups aus der Fremde eingekauft werden musste, ist nichts mehr wert. Ein Brad Butterworth zum Beispiel, der sympathische und hoch dotierte Alinghi Superstar mit Bauchansatz, wird keinen Platz mehr auf den modernen Cuppern bekommen. Eine neue aufregende Zeitrechnung hat begonnen.

Das Protokoll

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Carsten Kemmling

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9 Kommentare zu „America´s Cup mit Wing und Multihull 2013“

  1. avatar T.K. sagt:

    Alingi 5 + BOR90 * 0,8 = AC72

    Hmmmm, zunächstmal sieht AC72 aus wie eine Kopie von Alinghi 5, Ausnahme natürlich das Rigg. Man könnte es so verstehen, dass BOR90 wohl nur wegen des Riggs gewonnen hat, Alinghi 5 aber das bessere Rumpfkonzept war. So habe ich es auch immer gesehen. Der Tri von BOR war ja nur ein Hilfmittel um die LWL zu verlängern. man brauchte ja den Mittelrumpf als Auftriebskörper um die Amas aus dem Wasser zu heben……

    Insofern ist das Ergebnis eine schlichte Fortschreibung der Analyse des letzen Cups. Alingi 5 + BOR90 * 0,8 = AC72

    Neue Ideen = 0 / nada / zero

    Ob es überhaupt ein Fortschritt ist muss man sehen, da der Reiz des letzten Cups (wenn es denn diesen Reiz überhaupt gab) schlicht im Technologiewettbewerb zweier unterschiedlicher Konzepte und den rechtlichen Scharmüzeln lag.

    Übrigens schön in der Animation der AC72 zu sehen ist der Balkon mit Reling am hinteren Beam, statt des Motors bei Alinghi. Hier ist wohl ein Lehnstuhl für Brad Butterworth oder Russel Couts vorgesehen.. Beide mit Plauze , selbstverständlich 😉

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  2. avatar W.B. sagt:

    Wenn es überhaupt ein Format gibt, bei dem Deutschland (= deutsche Unternehmen) einen Vorteil hat, dann sicherlich bei diesem. Das Flügelrigg ist doch quasi eine Steilvorlage für Audi, BMW, Mercedes & Co, aber auch für Airbus, Siemens und die Hersteller und Betreiber von Windkraftanlagen, sich langfristig dem Yachtsport zuzuwenden. Nirgendwo sonst findet man so anspruchsvolle, zukunftsweisende Technologien wie hier. Für mich stellt sich also nicht die Frage, ob es ein deutsches Team geben wird, sondern wie viele? 😉

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  3. avatar J.P. sagt:

    http://www.youtube.com/watch?v=Bzrap8Vtyq8

    Ist das jetzt etwa interessant?

    Warum schaut sich eigentlich keiner Boxen in der Fliegengewichtsklasse an? Die sind auch schneller als Schwergewichtsboxer!!!

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  4. avatar wilfried sagt:

    Hatte meine Meinung ja schon das letzt Mal gesagt.
    Für den Laien ein paar schnelle Schiffe zu sehen, die mit spektakulären Close-ups gezeigt werden. Für den Freund des Match-Race totale Langweile weil von der Taktik nichts übrig bleibt. Man stelle sich Dreiecksregatten vor bei denen zwei Tornados gegeneinander segeln. Totale Langweile.

    Gruß Wilfried

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  5. avatar jan sagt:

    so, die haben jetzt einen Fan weniger! 🙁 das haben die jetzt davon ;-P
    (der SpeedSchachlink ist echt cool! 😀 guter Vergleich, auch mit den Boxern! :))

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  6. avatar T.K. sagt:

    Eine kleine Ergänzung:

    Wenn die Kats denn auf Flügeln (foils, allerdings wirkliche Foils zum raushebeln des gesamten Rumpfes) daher kämen, dann würde es bestimmt spannend. Wenden und Halsen quasi im Flugmodus. Ich finde im Moment kaum etwas spannender als kleine Motten auf Foils segeln zu sehen. Bin gespannt ob das auch bei den Kats möglich ist. Rolf Vrolijk hatte das mal angedeutet während der Entwicklung von Alinghi 5, aber die Zeit reichte wohl nicht mehr.

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  7. avatar Heiko sagt:

    Der AC ist schon lange keine Veranstaltung für den sach- und fachkundigen Segelfan, der noch dazu die Regeln beherrscht und taktische Schachzüge sofort erkennt. Die Sponsoren zahlen für ein medial verwertbares Ereignis. Matchrace verstehen nicht mal 0,0001% alles Zuschauer. Schnelle Kats, die sich auch mal überholen, sind zumindest was fürs Augeund bestimmt interessanter als die Bleitransporter, die in einem von 10 Rennen mal eine Showeinlage bieten.
    Viel spannender , als die Frage, ob der AC jetzt besser oder schlecher wir, sind die indirekten Folgen des neuen Formats:
    Was passiert mit dem TP52 Med-Cup – wenn die dort geparkten AC-Teams jetzt auf Multihulls umsteigen, bleiben höchstens 5 Boote im Rennen!
    Wird die ISAF die Entscheidung, Multihull aus dem olympischen Programm zu nehmen, für 2016 rückgängig machen müssen?
    Die Zukunft wird es zeigen.

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  8. avatar Wilfried sagt:

    Na ja, ganz so negativ sollte man die Bleitransporter nicht behandeln. Gerade der vorletzte Cup hat doch gezeigt wie interessant die Rennen mit Vorstartduellen und Wendeduellen sind. Mit rasenden Flügelkisten wirst du meiner Meinung nach auch keine Segellaien 2 oder mehr Stunden vor einem Fernseher fesseln. (Die haben ja nicht mal einen Auspuffsound ;-))

    Auf der anderen Seite will ich mal nicht zu schwarz sehen und hoffen, dass die hohen Speedänderungen bei Windböen tatsächlich mehr Spannung aufkommen lassen und Angriffe auf den Vorwind-Gängen ermöglichen. Für uns alle bleibt nur zu hoffen, dass in den beiden Entwicklungsjahren die Ingenieure so gleichschnelle Katamarane entwickeln, dass es spannend werden kann.

    Gruß Wilfried

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  9. avatar Sven sagt:

    Ich habe die Extreme 40 Cat’s in Kiel gesehen,es war die interessantesten regatten die ich gesehen und nicht selbst gesegelt habe!Vorstart,Manöver,Taktik und die verschiedene windverhältnisse…….alles konnte man perfect verfolgen !deshalb find ich die 45Fuss worldtour eher als kopie,wird aber bestimmt auch interessant!aber mit den 70Füssern…….das ist doch eine farce,wer den start gewinnt hat gewonnen !Und dann diese Flügelgeschichte…..sind eigentlich auch 2 Flügel erlaubt? evtl. können die Cats dann auch alleine anreisen…….auf eigenen schwingen einfliegen!

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