Stimmen zum America´s Cup. SR befragt Topteams beim MedCup

Die Cup-Skepsis ist groß. „Erstmal mit den Augen lernen.“

Von Ralf Abratis

Wer wird beim AC dabei sein? Die Top-Teams beim Audi MedCup sind die logischen Herausforderer. Aber das Gros ist nicht begeistert. © Stefano Gattini_Studio Borlenghi/Audi MedCup

Im Segeln ist es eben doch ein bisschen wir im realen Leben, und im America’s Cup wie in der großen Politik. Jetzt werde alles besser, verkündete der Sieger im Überschwang des Triumphes. Er versprach Fairness, Transparenz und ein Geschehen, an dem viele teilhaben könnten und werden. Ein halbes Jahr später – zurück in der Realität – ist von den guten Worten nicht mehr viel zu spüren.

Russell Coutts wollte, nachdem er mit seiner Klagewut und dem reinen Zweikampf zwischen „seinem“ siegreichen Team „BMW Oracle Racing“ (USA) und „Alinghi“ vieles zerschmettert hatte, nun alles noch schöner wieder aufbauen. Doch mit der Bekanntgabe der ersten Austragungsmodalitäten des 34. Cups bleibt wohl doch nur Multihull statt multinational.

Die Skepsis zu dem Vorhaben, 2013 auf Mehrrümpfern segeln zu wollen, ist jedenfalls groß unter den Weltstars des Segelns, die sich in diesen Tagen beim Audi MedCup in Cagliari auf Sardinien versammelt haben und anschließend zur TP52-Weltmeisterschaft nach Valencia reisen.

Für Jochen Schümann, den dreimaligen Olympia- und zweimaligen America’s-Cup-Sieger, bleibt der AC zwar die Spitze des Segelsports und das Ziel, das es zu erreichen gilt. Doch ob das 2013 sein muss, sieht er mit Zurückhaltung.

Mit der Entscheidung für die 75 Fuß langen Mehrrümpfer, die dazu noch mit Flügeln statt mit Tüchern auf Tempo gebracht werden sollen, hat das amerikanische Team, das als einziges über einschlägige Erfahrungen mit diesen Booten verfügt, seinen Technologie-Vorteil zementiert.

Die kurze Vorbereitungszeit bis 2013, zumal im kommenden Jahr noch auf den kleineren 45 Fuß Kats gesegelt werden soll, schließt große Überraschungen für den nächsten Cup aus. „Zu 90 Prozent, ach zu 99 Prozent, steht doch der nächste Cup-Sieger jetzt schon fest. Das wird eine ziemlich uninteressante Veranstaltung. Denn Wettbewerb heißt doch immer Unsicherheit über den Sieger“, sagt Schümann in Sardinien.

Zwar werde er in Absprache und Verhandlungen mit potenziellen Sponsoren noch die Veröffentlichung weiterer Details wie den Austragungsort abwarten, um zu einer Entscheidung über die Cup-Teilnahme zu kommen, doch Coutts weiterer Einfallsreichtum lässt wenig Gutes erwarten.

Die unter dem Deckmantel von Fairness und Chancengleichheit verkündete Idee von eingeschränkter Trainingsmöglichkeit bevorzugt am Ende doch nur wieder den Verteidiger. „Ich bin von der Entscheidung enttäuscht. Denn es schließt junge und ehrgeizige Teams aus. So werden nur wieder die erfahrenen Kampagnen dabei sein, denn nur mit intensivem Training kann ich mich doch an das hohe Niveau heranarbeiten“, sagt Schümann.

Relevant sinkende Personalkosten ließen sich so kaum generieren. „Ich habe Russell gesagt, dass er sich in die eigene Tasche lügt. Schließlich schließt man mit den Seglern einen Kontrakt über den gesamten Cup-Zyklus und nicht über die Stunden auf dem Wasser. Und die meisten Mannstunden fallen ohnehin beim Design und Bau des Schiffes an“, so Schümann.

Und auch die Reduktion der Crewstärke auf elf schließe doch nur die kostengünstigen Arbeitsbienen vom Cup aus. Die teure Afterguard, das Gehirn an Bord, wird weiter benötigt.

Selbst Coutts beziffert das Budgets für die Teams auf 40 bis 100 Millionen Euro. Er wird sich sicherlich nicht an der oberen Skala orientiert haben. Und ob es für die Sponsoren einen return on invest geben wird, scheint bei der aktuellen Konstellation unwahrscheinlich.

Das Risiko, in diesem neuen Spiel zu scheitern, ist enorm. Die Design-Spannen liegen noch zu weit auseinander. Zwei Drittel der Konstruktionen schätzt Schümann, werden komplett daneben liegen. Bei einer von ihm prognostizierten Herausforderer-Zahl von drei bis fünf, sind daher nicht viele spannungsgeladene Rennen zu erwarten.

Deshalb könne es Sinn machen, erst einmal mit den „Augen zu lernen“, wohin die erfolgreiche Entwicklung geht, und bei dieser Cup-Periode nur als Beobachter dabei zu sein. Gleichwohl will Schümann ein Engagement des „All4One“-Teams für 2013 noch nicht völlig ausschließen: „Wir werden die Veröffentlichung der weiteren Randbedingungen abwarten und dann eine Aussage treffen.“

So scheint auch die allgemeine Stimmungslage unter den Top-Teams zu sein, die sich bisher im hochprofessionellen Zirkus des Audi MedCup auf TP52-Yachten in Form gehalten haben und auf ähnliche AC-Bootsformen nur in größerer Version gehofft hatten.

„Die AC-Entscheidung für die Multihulls ist alles andere als optimal. Es werden wohl nur wenige Teams an den Start gehen“, glaubt auch der Deutsch-Pole Karol Jablonski, der 2007 das spanische Boot überraschend erfolgreich bis ins Halbfinale der Herausforderer steuerte.

„Ich werde aber trotzdem alles daran setzen, bei einer Kampagne mit dabei zu sein.“ Sein derzeitiger Arbeitgeber, das russische „Synergy”-Team hat über den weiteren Weg noch nicht entschieden. In den kommenden Wochen wollen sich die Eigner am Mittelmeer ein Bild machen – auch über ein weiteres Engagement im Audi MedCup.

„Derzeit ist alles unsicher. Aber das ist es für 90 Prozent der Segler im MedCup“, sagt Jablonski, der das Geschehen auf den TP52 als ideale Plattform empfindet, um sich in Form zu halten: „Zehn Boote auf gleichem, höchsten Niveau. Das ist wie Match-Race in der Flotte, jeder Fehler wird sofort bestraft.“

Das sieht auch Grant Dalton so. Der Eigner des „Emirates Team New Zealand“ (ETNZ) erklärt den MedCup zum großen Event mit Zukunftsaussichten. Daher hat auch Audi den Vertrag als Titelsponsor bis 2013 verlängert.

Dalton allerdings wird im kommenden Jahr nicht TP52 segeln: „Wir fokussieren uns ganz auf den America’s Cup, ein Wettbewerb auf Einrumpfbooten macht dafür keinen Sinn mehr“, sagt Dalton. Er lässt dennoch offen, ob ETNZ 2013 beim AC dabei sein wird oder eine Beobachtungsphase einlegt: „Wir müssen mit den Designern, Seglern und Sponsoren sprechen, ob es Sinn macht.“

Für das ursprünglich für eine Cup-Herausforderung gegründete „Origin“-Team scheint der Zeitpunkt 2013 ein echter Stolperstein zu sein. Die Briten wollen mit ihren Stars um Steuermann Ben Ainslie erst bei den Olympischen Spielen auf dem Heimatrevier glänzen. Die Zeit nach 2012 wäre dann allerdings sehr knapp bemessen.

Klar für den AC hat sich dagegen das schwedische „Artemis“-Team ausgesprochen. „Wir werden unsere TP52 verkaufen und uns auf den AC konzentrieren. Beides geht nicht“, sagt Steuermann Paul Cayard. Der fünfmalige America’s-Cup-Segler wird dann wohl auch den derzeitigen TP52-Konkurrenten Terry Hutchinson im Team haben.

Dessen „Quantum“-Team will indes eine neue TP bauen lassen und nicht in den AC investieren. „Ich fürchte, die Multihull-Entscheidung reduziert die Anzahl der potenziellen Herausforderer auf maximal drei bis fünf. Ich möchte aber dabei sein und gehe zu ,Artemis’“, sagt Hutchinson.

Schümann indes glaubt, dass „Artemis“-Eigner Thorbjorn Tornqvist mit seiner Entscheidung nicht glücklich werden könnte. Der Öl-Millardär ist vom Fahrtensegler, über eine Swan-Karriere bis hin zum passablen TP52-Steuermann gereift und übernimmt beim Audi MedCup bisweilen selbst das Ruder.

„Beim America’s Cup wird er dagegen nur noch Sponsor sein. Eine Chance, selbst mit an Bord zu sein, wird es für ihn wohl kaum geben. Und ob ihm das Spaß macht, bleibt abzuwarten“, so Schümann.

Er bekräftig noch einmal, dass ihn das neue AC-Geschehen nicht so richtig begeistern kann: „Mit den Wings geht der ursprüngliche Charakter des Segelns verloren. Die Leute wollen doch Action an Bord sehen: Segel setzen, Segel schleppen und auch alle Fehler, die dabei passieren. Wenn man ein schnelles, starres Gebilde sehen will, kann man ja zur Flugshow gehen.“

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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