Eiserne 2012: 215 Boote bei der Kultregatta am Bodensee

Was für ein Schwachsinn - wie geil

Schöner Steuerbord-Start

„Das Pin End ist doch total bevorzugt, oder?“, frage ich meine Crew. „Wir starten links“, stimmt Teamchef Alexander zu. Allerdings bedeutet dies, dass es einen Anlieger zur Luvtonne gibt. Damit ist klar: Wir müssen direkt an der Tonne starten, damit uns keines der größeren und schnelleren Schiff in Luv drüber fährt. Deren Abwinde würden uns weit hinten wieder ausspucken. Gesagt, getan. Wenige Sekunden vor dem Startschuss wenden wir direkt an der Tonne auf Steuerbordbug und preschen los.

Der Tornado mit unseren Teamkollegen hat fast dieselbe Starttaktik und liegt nur 30 Meter unter uns. Bingo! Wir haben beide freien Wind und können uns nach einiger Zeit vom restlichen Feld gut absetzen. Der Tornado ist allerdings eine Speedklasse für sich und fährt nach wenigen Minuten hunderte Meter voraus.

Er wird nun die gesamte Wettfahrt lang ein enges Match mit einem Ventilo M 2 Kat austragen. Das ist einer von diesen 28 Fuss langen Carbon-Hightech-Rennern, die am Bodensee vollkommen zu Recht mit einem Yardstickwert von 55 (!) geführt werden.

Das Rennen läuft optimal, besser geht es nicht. Wir runden die Luvtonne und dann die erste Raumtonne als fünftes Boot, relativ knapp hinter den Rennmaschinen und mit gutem Vorsprung vor dem Hauptfeld. Die Stimmung an Bord ist bestens. So macht Segeln richtig Spaß! Haha!

 Desaster an der Tonne

Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Auf dem Vorwindgang ist es bald vorbei mit der Herrlichkeit. Der Wind wird bei uns immer schwächer, während das Hauptfeld von hinten frische Luft bekommt. An der nächsten Tonne nahe einer Landzunge kommt es dann zum Desaster. Wir parken in einem privaten Windloch mit Turbulenzen aus allen Richtungen ein, wie wir in unserem Segelleben noch selten eingeparkt haben.

Zwei chaotische Verzweiflungshalsen führen nur zu einem vertörnten Spi und missmutigen Vorschiffsmann. Während ich mit den Latten des Großsegels hadere, die partout nicht umschlagen wollen, wird Spitrimmer Alexander immer stiller. Minutenlang gelingt es ihm in der mittlerweise völlig konfusen Luft nicht, das extraleichte Tuch zum Stehen zu bringen. Es ist zum Haare ausraufen!

Als wir endlich wieder ins Laufen kommen, hat uns ein halbes Dutzend Konkurrenten überholt. Die Rennmaschinen sind nur noch am Horizont zu sehen. Verdammt, jetzt haben wir den nicht unwahrscheinlichen Gesamtsieg verspielt. Ok, retten wir, was zu retten ist. Und vor allem drücken wir dem Tornado die Daumen. Soweit wir es sehen können, hat er beste Chancen, als First Ship Home durchs Ziel zu gehen, noch vor dem Ventilo.

Eigentlich ein gutes Rennen

Nach dem Zielleinlauf klatschen wir uns ab. Es war eigentlich ein gutes Rennen, wir haben halt Pech gehabt. Und die Konkurrenz bei der Eisernen ist durchaus stark, da werden auch kleine Fehler hart bestraft.

An Land erfahren wir die frohe Botschaft: Unsere Clubkameraden mit dem Tornado sind wenige Meter vor dem wesentlich größeren Ventilo als erster durchs Ziel gegangen. Der erst 16-jährige Vorschoter Patrick strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

Steuermann Sebastian, der schon viele Erfolge in verschiedenen Katamaran-Regatten erzielt hat, bleibt gelassen. Denn bei der Eisernen gibt es keinen Preis für das First Ship Home. Wie viele Veranstalter von Yardstickregatten am Bodensee will auch der DSMC nicht, dass es zu einem Wettrüsten zwischen hochgezüchteten Rennziegen kommt, und setzt daher nur auf berechnete Gesamtsieger.

Großbahn-Sieger im ersten Versuch

Doch in der Realität hat das Wettrüsten längst stattgefunden, auch wenn es in diesem Jahr bei der Eisernen nicht ganz so stark ausgeprägt ist als im letzten Jahr. Einige der großen Katamarane sind nicht angetreten.

Am nächsten Morgen bei der ausgedehnten Siegerehrung ist es dann auch mit Sebastians Gelassenheit vorbei. Erst gewinnen er und Patrick die Katamaranwertung und dann sogar die Gesamtwertung der Großen Bahn! Und das gleich beim ersten Versuch.

Beim Aufbruch in den inzwischen noch mehr verschneiten Schwarzwald ziehen wir ein Fazit und sind uns einig: Was für ein Schwachsinn, im Winter segeln zu gehen. Was für ein riesiger logistischer und finanzieller Aufwand für eine Wettfahrt von nicht mal einer Stunde Dauer. Aber was für ein geiles Event! Wir kommen wieder, keine Frage. Mit oder ohne Schneeketten.

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Christian Stock

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4 Kommentare zu „Eiserne 2012: 215 Boote bei der Kultregatta am Bodensee“

  1. avatar Alex sagt:

    War wirklich eine geile Möglichkeit die Wartezeit zur nächsten Saison zu verkürzen.

    Man beachte, mittlerweile sind 36 Sportboote am Start gewesen. 8 blu26 hatten es zu einer eigenen Wertungsgruppe geschafft.

    Großen Respekt an die Jungs vom Tornado. Einen M2 zu verblasen, DAS ist schon eine ordentliche Ansage.

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  2. avatar Drahtzieher sagt:

    Gratulation! Ich hab mich auch sehr gefreut, dass euer Tornado gewonnen hat und keine “Rennziege”. Klar sind Rennziegen geil, aber es ist doch immer wieder schön wenn deren Crews daran erinnert werden, dass man auch Segeln können muss.
    Die Eiserne dieses Jahr war mal wieder super und es ist definitiv eins der Saisonhighlights. Selten leben Spass, Geselligkeit und Wettkampf so friedlich nebeneinander.
    Ich hab mich die letzten Tage schon mehrfach gefragt wo eigentlich der Bericht zur Eisernen auf SR bleibt. Jetzt bin ich zufrieden 🙂

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  3. avatar Andreas Ju sagt:

    Am 15. Dezember findet in Kiel Schilksee die erste Laser-WM statt (Winter-Masters). Start 11:30 Uhr. Startbedingung: Mindestens 35 Jahre alt, 10 Euro Startgeld, ein Laser (Radial oder Standard).

    Anmeldungen hier: http://doodle.com/yt5nrdstuyigaa6t

    Ach ja: Aktuell minus 4 Grad in Kiel, 30 cm Neuschnee

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  4. avatar ac sagt:

    Sehr schoener Bericht.

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